Ich sage jetzt gar nichts mehr. Ich bin stumm. Total und unwiderruflich – zumindest bis Mai oder so. Jeder Karthäuser-Mönch ist eine Plaudertasche gegen mich, sobald ich den Stall betrete. Es ist die letzte Konsequenz. Nur so ist ein Leben nach dem wohl folgenschwersten Entschluss des vergangenen halben Jahres vorstellbar: Scheren? Nicht in diesem Winter, der kein Winter ist und nie einer war. Seit sechs Wochen bin ich Opfer jenes Gesetzes, wonach jeder Quadratzentimeter Pferdehaut das Vierfache dessen an schwefelarmen, amorphen Proteinen von sich gibt (man kann auch Haare sagen), was man in den schlimmsten Fällen erwartet hätte und die einem garantiert beim Putzen im Mund landen – deswegen das Schweigen.
Don Hitmeyer ist ein Superbeispiel. Mir bleibt nichts als die bittere Rolle des armen Haart's IV-Empfängers. Mit dramatischen Folgen! Ich bin ausgeliefert! In mein Leben haben sie sich gemogelt – man kann auch ganz profan Haare dazu sagen. Sie sind überall. Sie haben mich umzingelt. Ich kann sie nicht ertragen. Wenn ich nur an Don Hitmeyer denke, sträuben sich meine – genau –?Nackenhaare. Leben ist 24-Stunden-Dauerstress. Schon wenn ich dem edlen Ross die Decke abnehme, starrt mich ein verfilzter Pelzmantel von der Innenseite an. Was sich dort ansammelt, hat verdammte Ähnlichkeit mit einem in die Jahre gekommenen Nerzjäckchen, wie es Witwen tragen, wenn sie sich zur Schwarzwälder-Kirsch im Café um die Ecke treffen. „Hat mir mein Erwin noch geschenkt, damals in den schweren Jahren“, hört man sie dann mit vollem Mund sagen. Und die Tischnachbarinnen nicken verständnisvoll.
Bilder wie diese verfolgen mich. Die haarigen Tatsachen meines superflauschigen Bewegungstalents vertreiben alle anderen Gedanken. Ein Beispiel: Fernsehen – neuerdings unmöglich. Beim Zappen durch die Programme packt mich der Wahnsinn. Gerade in den vergangenen Wochen. Auf dem Zweiten fragen die Närrinnen und Narren, „wolle mer se reinlasse…?“ „Nein!“, brülle ich, „Keine Wolle reinlassen!“. Ein hektischer Druck auf die Fernbedienung – keine Besserung: Auf dem Ersten blödelt Herr Schmidt, Vorname Haarald. Und auch „Haart aber herzlich“ kann mich nicht aufheitern. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Letzte Nacht habe ich geträumt. Von einer Reitpferdeprüfung – die Teilnehmer: Alpicina v. Acord II, Fussel v. Fidermark, Skalp v. Sandro Hit, Head and Shoulders v. Hohenstein, Pelzi v. Pik Labionics und Wolfgang Petry v. Wolkenstein. Gewonnen hat übrigens Wollmilchsau v. Weltmeyer, Ehrenpreis eine Schermaschine. Ein Alptraum – an Schlaf war nicht mehr zu denken. Hab’ dann erstmal meine aktuelle Lieblings-CD gehört, Musical-Melodien: „Hair“, was sonst…
Nächte wie diese bleiben auch dem Umfeld nicht verborgen. Ringe unter den Augen, zitternde Hände – ich war schon attraktiver. „Du musst etwas ändern“, bedrängte mich dann auch Julia, die in unserem Stall versucht, esoterisches Gedankengut zu etablieren. Sie schenkte mir ein Buch. „Der Weg in die eigene Mitte – Dank Hare Krishna zum Erfolg“. Mein Schreien ähnelte wohl mehr einem Brüllen: „Nein! Haare Krischna? Nein!!!“
Was dann folgte, habe ich mir wohl selbst zuzuschreiben. Mein hysterischer Zusammenbruch hatte sich schnell herumgesprochen. Schon am nächsten Tag fand ich ein neues Stallschild an Don Hitmeyers Boxentür. Liebevoll verborgen unter einem roten Samttuch. Neugierig nahm ich den Stoff zur Seite. Ein DIN-A4-Zettel kam zum Vorschein: „DON?HITMEYER war gestern, ab heute gilt…“. Unwirsch riss ich das Papier weg. Und was stand da? „DIRTY?HAARY“ – sehr witzig!