W o ist er?“ Uschis Stimme überschlug sich. In Momenten wie diesen gab es nur ein Verhaltensmuster, das half, die eigene körperliche Unversehrtheit zu garantieren: Uschi aus dem Weg gehen. Ärgerlicherweise stand ich beim Ausmisten buchstäblich mit dem Rücken zur Wand, so dass diese Variante ausschied. Also versuchte ich es mit der B-Variante: einfältiger Blick, hängende Unterlippe – dumm, aber willig.
Zack, zack, zack – Uschis Schritte näherten sich entschlossen Don Hitmeyers Box. Das Stakkato der Fußsohlen hatte etwas von einer Parade der chinesischen Armee, zackig und unaufhaltsam. Zack, zack, zack… Für einen Augenblick überlegte ich, ob sich über die Seitenwände eventuell Fluchtwege erschließen ließen – vergeblich. Es war zu spät. Uschi stand mit stechendem Blick in der Boxentür. Also die B-Variante: „Ach, hallo Uschi, du, danke noch mal fürs Einflechten. Ist echt voll schön geworden du…“
„Du, dass du das Thema überhaupt anzusprechen wagst, du, das zeugt schon von einiger“, Uschi atmete tief und hörbar ein, „Un-ver-fro-ren-heit!“ Mittlerweile war die junge Frau, die mir Don Hitmeyer ganz wunderbar eingeflochten hatte, krebsrot angelaufen. Ihre Halsschlagader trat bedrohlich hervor. „Ich hoffe, du hast ein Foto von deinem Bewegungslegas-theniker gemacht. Der biegt sich ja auf der Stallgasse mehr als im Viereck. Den werde ich garantiert nie wieder einflechten! Und du weißt auch genau, warum…“
Gut, dass ich mich für die B-Variante entschieden hatte. Arglos schaute ich in ihre Richtung. „Wieso?“ Uschi rollte mit den Augen. „Was hast du mit Chico gemacht?“ Die Art, wie sie fragte, verhieß nicht Gutes. Wir hatten abgemacht, dass Uschi Don Hitmeyer einflechten und ich dafür ihrem Springpferd Chico die bestmögliche Pflege zuteil kommen lassen würde. Und nichts anderes hatte ich getan. Immer noch Unterwürfigkeit heuchelnd, versuchte ich, mich langsam an das Problem heranzupirschen. „Ist irgendetwas?“ „Ich weiß ja nicht, was du mit meinem kleinen Süßen angestellt hast, aber wenn ich nur an Wasser denke, ergreift er die Flucht. Warum das so ist, das kannst du mir ja jetzt verraten. Und wenn du gerade dabei bist, kannst du mir bitte erklären, was da in seinem Fell klebt und vor allem, warum er läuft, als ob er Schlittschuhe drunter hätte?“
„Er war ganz brav“, begann ich behutsam. „Weißt du, du hattest ihn doch noch auf dem Paddock und da hat er sich derartig im Matsch gewälzt, dass ich mich professioneller Hilfe bedienen musste. Da bin ich mit Chico eben schnell zu Erwin gegangen.“ „Erwin?“, Uschis Gesicht war voller Fragezeichen. „Erwin, von der Tankstelle in der Müllerstraße“, sagte ich so harmlos wie möglich. Uschi stammelte blass: „Erwin“ und „Tankstelle“. Ich versuche, die gerade noch so couragiert auftretende Kämpferin wieder etwas aufzubauen. „Du hättest Chico sehen sollen! Beim Kärchern hat er gestanden wie ‘ne Eins. Tja, und dann habe ich gedacht: nicht kleckern sondern klotzen. Da hab’ ich die fünf gewählt.“ Uschi flüsterte heiser: „Die Fünf?“ Ich strahlte: „Luxus-Komfort, mit Heißwachs und Unterbodenschutz – mag sein, dass er deswegen komisch läuft.“ „Verklagt gehörst du Tierquäler.?Was hast du meinem armen Chico angetan? Mit dir bin ich fertig – ein für allemal!“ Sie drehte sich weg und rauschte die Stallgasse herunter. Plötzlich fiel mir ein, was ich vergessen hatte: „Uschi, auch wenn du beleidigt bist – wie ist denn seine Verdauung?“ Keine Reaktion. Aber ich war es Chico schuldig, alles zu sagen. „Es ist nur, weil Freitag war. Und da ist der Ölwechsel bei der Luxus-Komfort-Wäsche im Preis inbegriffen…“