Verena fuchtelte mit der Mistforke herum. „Wir brauchen einen Klimawandel!“ Ich war für Sekunden geschockt. Nicht, dass ich Verena für eine Zeit-Abonnentin und 3Sat-Seherin gehalten hätte, aber ein gewisses Interesse an Weltpolitik hatte ich ihr durchaus zugetraut. „Verena, wir haben den Klimawandel längst. Heiligendamm, macht’s da nicht klick…?“
Verena rollte mit den Augen: „Nein, davon rede ich nicht, sondern davon.“ Mit einem Ruck schmiss sie einen tropfenden Batzen Mist auf die Stallgasse. „Hier, riech mal!“ Es hätte dieser Aufforderung nicht bedurft. Ammoniakgestank waberte durch die Stallgasse. Bevor ich etwas sagen konnte, machte sich eine schrille Frauenstimme bemerkbar: „Boah ey, iiihh! Wie das stinkt, das ist doch bestimmt wieder die Box von El Pisser.“ Es war die Stimme von Cordula. Cordula und Verena sind nicht gerade das, was man gute Freundinnen nennt. Verena guckte giftig in Richtung Stalltür: „El Pi-cas-so, meine Teuerste, er heißt El Picasso“. Cordula bog um die Ecke und grinste entschuldigend.
Um die Wogen zu glätten, griff ich in die Diskussion ein. „Ja, ja“, kam es altväterlich über meine Lippen, „auch hier im Stall ist das Klima ein Problem, wie bei den G 8-Staaten.“ Cordula war mittlerweile in der Sattelkammer verschwunden. Wie stets wusste sie zwar nicht, wovon gerade die Rede war, meinte aber mitreden zu müssen: „G8 – ist das ‘ne neue Aufgabe?“ Verena war schneller als ich: „Ja, mit Wassereinsprung und Greenpeace-Schlauchboot.“ Cordula linste aus der Sattelkammer: „Iiih, Politik! Das ist ja nicht so meins. Obwohl, dieser neue Franzose, der Narkoti, der hat schon was…“
Verena verdrehte die Augen und griff missmutig zum Besen. Staub wirbelte auf. Ich musste niesen: „Kannst du nicht sprengen?“
Cordula guckte entsetzt durch die Tür: „Sprengen? Kommt jetzt der schwarze Block? Die Autonomen?“ Mir war klar:?Die Veränderung der Atmosphäre ließen auch meine Stallgassenkollegen nicht unberührt. „Sprengen geht gar nicht“, kam es resolut von Verena, „von wegen Heiligendamm…“ Cordula atmete beruhigt auf und verkrümelte sich wieder. „Sprengen verbraucht Wasser. Und das verschwenden die Industriestaaten viel zu viel, sagt Bono“, murmelte Verena und fegte weiter. Ein grauer Schleier hing in der Stallgasse. Wieder quietschte Cordulas Stimme aus der Sattelkammer: „Bono? Ist das der neue Brentano von Maike?“ Verenas Kehrfrequenz ließ einen mittelschweren Wirbelsturm aufkommen. Um nicht noch mehr Öl – noch so eine knapp werdende Ressource – ins noch gar nicht vorhandene Wasser zu gießen, brüllte ich in Richtung Sattelkammer, „Nee, Bono is‘ von JuTu.“ Schniefend und prustend rannte ich dann zur Gießkanne. „Ich mach jetzt mal den Wasserwerfer.“ Verena hielt entrüstet inne: „Sehr komisch, leider nicht p.c.!“ In der Sattelkammer klapperte es. Verena drehte sich in Richtung Tür: „Nein Cordula, um deine Frage vorab zu beantworten: Pie-ßie ist nicht der Rappe von Norbert!“ In der Sattelkammer wurde es leise. „Fang jetzt bitte nicht mit Political Correctness an“, stöhnte ich. „Handbuch führen über den CO2-Ausstoß beim Reiten, Abäppeln mit Abluftglocke, Waschen mit recyceltem Brauchwasser und womöglich noch ein Abluftpartikelfilter in den Allerwertesten von Don Hitmeyer, um die Emissionen zu reduzieren – das kannst du nicht wirklich wollen…“ Cordula kam aus der Sattelkammer. „Boah ey, was’n Staub.“ „Geh doch ausreiten!“, empfahl ich „Wie bitte?“ „Na ab ins Gelände, querfeldein, in den Busch“. Cordula sah mich ungläubig an: „BUSH? – ey voll schlecht fürs Klima, ey!“