Eberhard war am Ende. Für ihn, den abgebrühten Manager, eher untypisch. Selbst während der Scheidung von Barbara hatte ich ihn so nicht gesehen. Nicht einmal das eingeschränkte Besuchsrecht für die Kinder hatte ihm schlaflose Nächte bereitet. Die richterliche Argumentation, er, der erfolgreiche Geschäftsmann mit dem dicken miles-and-more-Konto, hätte ja eh keine Zeit, sich um die Mädchen zu kümmern, fand er überzeugend. Der recht stolzen Unterhaltsforderung hatte er ohne zu zögern zugestimmt. Mit der monatlichen Zahlung war er Barbara los, die Mädchen konnten sich alles nur Erdenkliche leisten und wenn das Taschengeld dann doch mal zu knapp war, reichte ein Anruf auf Papas Handy und das Geld sprudelte - „Sie freuen sich doch so…“
So also war Eberhard, der stets ein aktuelles Foto von „seinen Frauen“, von Lina und Sophia, parat hatte. Im Portemonnaie, auf dem Handy oder dem Laptop. Und dieser Eberhard war nun fertig. Restlos. Fix und alle. Schuld war Lina. „Du hättest sie sehen sollen“, stammelte er beim Bier, auf das er mich eingeladen hatte. Es war schon sein drittes, aber viel mehr als „du hättest sie sehen sollen“, hatte ich noch nicht gehört. „Was war denn nun so schlimm?“. Eberhard leerte das dritte Glas: „Fräulein! Noch eins!“ Seine Finger zerlegten einen Bierdeckel – den sechsten. Einen Freund und Top-Manager trübsinnig auf selbstgemachtes Bierdeckel-Konfetti starren zu sehen, ist wenig unterhaltsam. „Eberhard“, ich schlug ihm auf die Schulter, „wir beiden haben schon so viel gemeinsam durchgemacht, nun sag’ schon, was los war mit Lina“. Eberhard umkrallte das Bierglas. Die Knöchel seiner Hand waren weiß. „Entsetzlich! Rouge, Lippenstift, Glitzerzeug, Wimperntusche – was weiß ich wie das Zeug alles heißt, das sie im Gesicht hatte. Abartig!“ Eberhard setzte das Bier an und trank es aus. Auf ex!
„Eberhard, willst du mir sagen, nur weil deine kleine Lina sich geschminkt hat, beschließt du, dass das Abendland vor seiner größten Krise steht, seitdem die Türken vor Wien standen? Du spinnst! Kleine Mädchen schminken sich gern. Sie ziehen auch mal Muttis Pumps an. Das ist normal!“ Eberhard blickte düster von seinem Bier auf. Dann presste er ein Wort heraus. Leise, so dass nur ich es hören konnte: „Drogen!“
Ich war entsetzt. Lina, die Kleine mit der Stupsnase, die so gerne ein Pflegepferd hätte, sollte ein Drogenproblem haben? Niemals! „Eberhard, das kann nicht sein. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer! Die ist doch Tag und Nacht im Stall. Die putzt, ist ordentlich, jeder mag sie und das letzte Zeugnis war doch wohl super, oder?“ Eberhard schüttelte den Kopf: „Alles Fassade“, würgte er hervor. Dann winkte er mich mit dem Zeigefinger zu sich. „Prostitution!“, flüsterte er kaum vernehmbar. Er raufte sich die Haare, dann weinte er. „Schwarze Ringe unter den Augen, die Haare wie auf St. Pauli. Dazu trug sie ein, ein…“ Er rang nach Worten. „Ein Nichts – ausgeschnitten bis weit unter den Bauchnabel. Und einen engen Body. Als ich sie in diesem widerwärtigen Aufzug überraschte, hatte sie ein Bein am Türrahmen hochgestreckt, im Hintergrund lief irgend ein schreckliches Discogestöhne.“ Seine Augen blickten ins Leere. „Glaub mir, es war schlimmer als Ballermann oder Amüsierbar auf den Philippinen.“ Eberhard schluckte hörbar. Nicht nur seine Exfrau sagt, er weiß, wovon er spricht, wenn er das Wort Amüsieren in den Mund nimmt.
Gerade als ich antworten wollte, piepte mein Handy. Eine SMS von Barbara. „Achtung an alle! Eberhard hat Lina bei der Anprobe ihres Voltigieroutfits fürs Turnier nächste Woche gesehen. War nicht mehr ansprechbar. Typisch. Klärt ihn auf, schien recht durcheinander. LG Babs.“