Blog 14: Dicke Klamotten, die Sache mit dem Blut am Pferd, Marcus Ehnings Rolle als Trainer

Pochhamers Rio Blog3

(© Pauline von Hardenberg)

Uiuiuiui! Das ist schon etwas anderes, was der Rio-Parcourschef da heute auf den Sand gestellt hat! Außerdem kennt Stephan Ellebruch in Sachen Blut am Pferd – zu Recht – kein Pardon und Bundestrainer Otto Becker denkt über seinen Nachfolger nach.

Heute also Mannschaftsspringen Teil II, und was ich hier im zweiten Nationenpreis-Umlauf vor mir sehe, sieht schon heftiger aus als gestern. Ein ekliger erster Sprung, eine Art schillernde Plakatwand ohne Plakate, Dreifache aus Oxer-Steil-Oxer, ziemlich eng, wie mein Experte Dieter Heinz sagt. Er ist hier als NTO (National Technical Officer) vor Ort, sieht er auf den Trainingsplätzen nach dem Rechten – sechs an der Zahl, reichlich Platz für nur noch ca. 70 Pferde. Viele sind ja schon abgereist. Dieter hat alle Olympischen Spiele seit Seoul 1988 mitgemacht. Damals ging er Parcourschef Olaf Petersen zur Hand. Man erinnert sich: kunstvoll gestaltete Hindernisse, den Motiven des Landes abgeguckt, wie rosa Fächer, Tempelchen und Drachengestalten, zwischen Kunst und Kitsch, aber Hingucker waren das allemal. Hier ist alles eine Nummer bescheidener, schlichte weiße Hindernisständer, wie man sie in Deutschland auf jedem Dorfturnier findet, genauso wie die üblich bemalten Stangen. Aber es muss ja nicht alle­s immer teuer und aufwändig sein. Ein paar befremdlich anzusehende Konstrukte gibt es natürlich trotzdem, außer Sprung eins auch einen Doppelsprung aus mit schwarz-weißen Wellen bemalten, eng übereinander gehängten Planken – da wird einem schon vom Hingucken schwindelig, auch wenn man nicht drüber reiten muss. Aber kein offener Wassergraben, da wird ja mancher aufatmen. Alles wieder sehr luftig. Überhaupt hat Parcourschef Jorge Guilhaume Nogueira ein gutes Händchen dafür, die Schwächeren überleben zu lassen und die Guten nach vorne zu bringen.

Chefrichter Stephan Ellenbruch, eigentlich die FEI, hat hier ganz stark Position bezogen. Kein Pardon bei blutig gestochenen Flanken oder derben Peitschenhieben. Zwar meinen manche, die Stewards würden so lange mit dem weißen Latex-Handschuh an der Haut herumdrücken, bis ein Blutstropfen kommt, aber das glaube ich jetzt mal nicht. Es geht übrigens nur um Blut, das auf reiterliche Einwirkung zurückzuführen ist, am Maul und an den Flanken. Blut durch Bremsenstiche oder Ballentritte bleibt für den Reiter folgenlos. Gestern abend gab es noch einen Prostest der brasilianischen Mannschaft wegen der Disqualifikation von Stephan de Freitas Barcha wegen Blutes an seinem Pferd Landpeter do Feroleto, der wurde aber in zwei Instanzen – Ground Jury und Schiedsgericht – abgewiesen. Er darf nach Aussage von Ellenbruch nicht mehr reiten, weil er von der gesamten Prüfung (dem Nationenpreis) disqualifiziert wurde. Auf der Liste steht er noch, bin mal gespannt. Einzeln ist er auf jeden Fall raus, wie auch Jur Vrieling, der heute womöglich einen dritten Versuch unternehmen wird, seinen des Sportes überdrüssigen Zirocco Blue über die Runden zu bringen. Am ersten Tag versuchte er es mit derben Hieben, gestern mit freundlichem Klopfen. Vielleicht haben sie heute Nacht dem Totalverweigerer aus der Bibel vorgelesen. Unter Umständen muss er auch nicht mehr gehen, die Startfolge des niederländischen Teams wurde geändert, Vrieling steht jetzt an vierter Stelle. Wenn die anderen gut sind, braucht er nicht mehr reiten. Große Lust hat er wahrscheinlich nicht.

Nach den Peitschenhieben im ersten Springen floss das Blut an der Flanke von Zirocco Blue. Nicht unbedingt, weil Vrieling so grob war, sagt Ellenbruch, sondern weil eine Stelle getroffen wurde, an der die Haut sehr stark durchblutet ist, etwa zehn Zentimeter vor dem Kniegelenk, unterhalb der Hüfte. Ellenbruch ist froh, dass die Regeln so klar sind. Blut heißt raus. „Da haben wir gar keinen Spielraum, das ist auch in Ordnung. Wir können schließlich nicht anfangen, Schnitttiefen zu messen.“ Festgestellt wird eventuelles Blut bei der „Boots-and Bandage-Controle“, also der Kontrolle von Bandagen und Gamaschen. Es wird ein Foto vom Pferd, auch von den Sporen des Reiters gemacht. Im Zweifelsfall wird der Chefrichter benachrichtigt, der die Entscheidung treffen muss, ob der Reiter disqualifiziert wird oder nicht. „Und das ist nun wirklich nicht vergnügungssteuerpflichtig “, sagt Ellenbruch.

Die Stimmung bei den deutschen Springreitern war nach den drei tollen und einer guten Runde natürlich hervorragend, auch bei Bundestrainer Otto Becker, der nun realistische Chancen auf seine erste Olympiamedaille als Trainer hat. Als Reiter hat er ja schon Gold und Bronze im Schrank. Er ist voll des Lobes über Marcus Ehning, der ja bekanntlich wegen Lahmheit seines Pferdes Cornado im allerletzten Moment durch Meredith Michael-Beerbaum ersetzt werden musste. „Ich kann nur den Hut ziehen vor Marcus, wir haben ihn gebeten zu bleiben, um zu helfen. Seine Meinung ist bei allen vier Reitern gefragt, er ist einfach für das Team wichtig. Er hat auch als Trainer große Qualitäten.“

Ist Otto Becker schon dabei, seine Nachfolge zu regeln, falls er irgendwann keine Lust mehr hat? „Ich habe Marcus schon vor zehn Jahren gesagt, dass er Bundestrainer werden soll.“ Muss der nur noch wollen.

Pauline von Hardenberg

Nur noch Fußgänger in Rio, aber als Trainer gefragt: Marcus Ehning (© Pauline von Hardenberg)




  1. sabine

    Hallo Gabriele! bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen und finde ihn sehr toll! übrigens auf dem Foto siehst du ein wenig Ruth Maria Kubitschek ähnlich! Hoffe das kommt als Kompliment an 🙂 LG Sabine

  2. uli

    ein sehr besonnener und gut durchdachter Beitrag! toll verfasst. Danke dafür! Bei dieser Gelegenheit möchte ich natürlich nicht verabsäumen, auch die besten Wünsche für das neue Jahr 2017 zu übermitteln 


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