Noch waren alle ganz entspannt in Luhmühlen, einen Tag vor Beginn der beiden Vielseitigkeitsprüfungen. Die Sonne lachte, es erübrigten sich hektische Bodenrettungsaktionen, die in anderen Jahren nach Dauerregen das Team um Julia Otto auf Trab gebracht hatten. Die Aussteller räumten ihre Jacken, Polohemden Trensen und Lifestyle-Utensilien ein, hier und dort nutzte ein Reiter die Gelegenheit, seinem Pferd ein bisschen was von der Gegend zu zeigen, die Gartenstühle vor den Freßständen waren schon gut besetzt und die ersten Pimm’s Number one plätscherten auch schon in den Gläsern. Hunde aller Größen nahmen Kontakt auf, meist freundlich bis mäßig interessiert, nur sehr selten wird geknurrt. Man weiß hier, was sich gehört.
Ein smarter, gebräunter Mann, man würde wohl sagen, in den besten Jahren, leicht ergraut, im englischen Tweed, kam auf mich zu, sagte Hallo. Das ist doch, das ist doch??...jawohl Tissi, Matthias Baumann, einer der vier Goldjungen aus Seoul 1988 (zwei andere, Claus Erhorn und Ralf Ehrenbrink entdeckte ich später). Dr. med vet. Matthias Baumann ist jetzt offizieller FEI-Turniertierarzt, ganz wichtig also.
Am Nachmittag nahm er seine erste bedeutende Aufgabe in Angriff, die Verfassungsprüfung. Fünf Pferde insgesamt schickte er, bzw. das Richtergremium, in die sogenannte „Holding Box“ für Zweifelsfälle; alle bis auf das Pferd Master Mexico des Iren Michael Ryan, bekamen dann doch grünes Licht.
Ein paar mehr mussten zweimal vortraben. Besonders genau wurde das Pferd der Niederländerin Anouk van Gerven inspiziert. Es heißt Eye Catcher, und die Richter konnten gar nicht genug von ihm und seiner Reiterin bekommen: wehendes Haar, viel Haut, Spagettiträger und High Heels. Vielleicht sollte ihr einer mal sagen, dass viel Dekolleté und/oder Minis bei Verfassungsprüfungen höchst verdächtig sind! Aber auch Eye Catcher passierte schließlich.
Immer wieder schmuck die reitenden Soldaten in ihren Uniformen. Die meisten grüßten zackig vor der Jury - bis auf Bundeswehrsoldat Andreas Ostholt, der tat gar nichts dergleichen.
Kein Pferd ohne Müsterchen auf dem Popo, Sterne, Karos, Streifen, was auch immer, perfekte Zöpfchen und eingeflochtene Schweife. Aber dass ein Pferd immer rechts herum gedreht wird, der Reiter in der Wendung also außen bleibt, hat sich offenbar nicht bis in internationale Kreise herumgesprochen. Das kommt davon, wenn man nicht das Kleine Hufeisen gemacht hat.
Eher schlicht in Jeans und Blouson aber bereits wieder sportlich schlank trabte Ingrid Klimke ihren Braxxi vor. Klasse sah auch er aus, rank und fit und glänzend. Am Rande wurde Tochter Philippa in einer sehr schicken Kinderkarre gehütet, ihre ältere Schwester Greta hat noch Schule, darf nur den Freitag schwänzen, um Mama in Luhmühlen zu unterstützen.
Äußerst frisch, das heißt weitgehend auf zwei Beinen, produzierte sich auch der Trakehner Lanfranco, den Bettina Hoy in der Dreisterne-Prüfung starten will. Bin gespannt, was er auf dem Viereck für ein Gesicht macht.
Damit geht es heute los, zum letzten Mal übrigens auf Gras. Am Sonntag nach der letzten Ehrenrunde gibt es den ersten Spatenstich für das neue millionen-teure Luhmühlen–Stadion. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Der Staat hat’s ja. Und das Viereck wird auf Sand gebaut, schade eigentlich.
Gabriele Pochhammer