Norddeutsches Berufsreiterchampionat: Tessa Frank war nicht zu stoppen

Samstag 20:10 Uhr, im Fernsehen laufen zu dieser Prime-Time nur die besten Filme und auch in Schenefeld bei Hamburg bot sich den Zuschauern am letzten Augustwochenende ganz großes Kino. Wie es sich für einen guten Film gehört, bot der Abend viel Spannung, etwas Drama und natürlich ein Happy End. In den Hauptrollen: die drei Finalisten des Norddeutschen Berufsreiterchampionats 2015.

In zwei Qualifikationsprüfungen, einem Prix St.Georges und einer Intermédiaire I konnten sich Berufsreiter aus ganz Norddeutschland für den finalen Kampf um die Schärpe, der im norddeutschen Raum erstmals einen Pferdewechsel beinhaltete, qualifizieren. Neben der letztjährigen Berufsreiterchampionesse Anja Hermelink gelang es Tessa Frank vom Gestüt Nymphenburg und dem gebürtigen Dänen Martin Christensen, die Qualifikationen für sich zu entscheiden. Am Ende des Abends konnte sich Tessa Frank gegen ihre Konkurrenten durchsetzen und die wohl größte Klippe des Finals, den Ritt auf dem Fremdpferd, mit Bravour meistern.

Premiere geglückt

Erstmals war der Reitstall Klövensteen in Schenefeld der Austragungsort des Norddeutschen Berufsreiterchampionats – verlegt von der Traditionsstätte des Hamburger Reitervereins. Und die Premiere war ein voller Erfolg. Die Veranstalter der „Horse and Classic“ hatten für das Finale den Galaabend reserviert. Neben dem Kürfinale der drei besten Amateurreiter Hamburgs waren die Berufsreiter das Highlight des Abends.

Die Tribünen waren rappellvoll und die Stimmung sehr gut. Neben den Gala-Gästen haben sich auch etliche Zuschauer eingefunden, die sich von dem Können der Berufsausbilder überzeugen wollten. Eine Kulisse, wie man sich sie für das Finale eines Championats nur wünschen kann.

Den Wettkampf um die Siegerschärpe eröffnete Tessa Frank,  die mit  dem neunjährigen Westfalen-Wallach Earl of Nymphenburg das jüngste Pferd der Prüfung  mitgebracht hat. Zwei vierten Plätzen in den Qualifikationen bedeuteten für die Ausbilderin den Einzug ins Finale (Prix St.Georges 68,33%, Intermediaire I 66,842). Zu den Stärken der beiden in der Sonderaufgabe auf Intermédiaire-I-Niveau gehörten gelungene Pirouetten und sauber gesprungene Wechsel. Der Reiterin gelang es, den großrahmigen Wallach in der gesamten Trabtour frischer als in den vorherigen Qualifikationen zu präsentieren. Mit  70.282 % setzte sie die Messlatte in dieser Prüfung hoch an. Als nächster Starter folgte Martin Christensen. Er setzt an diesem Abend auf den 13-jährigen Rohdiamant-Sohn Rossano R. Mit dem Oldenburger Wallach konnte er nach einem siebten Platz in der ersten Qualifikation (67,368%) die zweite Qualifikation für sich entscheiden (69,298%). Dieser Sieg machte ihn für viele zum Favoriten des Abends. Brillieren konnte das Gespann aus Wedel besonders in dynamischen Verstärkungen, anders als in den Qualifikationen wirkte der Wallach an diesem Abend jedoch weniger motiviert. 68,952% und ein vorläufiger zweiter Platz lautete das Resultat dieses Rittes. Gespannt erwartete das Publikum nun Anja Hermelink. Mit zwei zweiten Plätzen (Prix St.Georges 69,430%, Intermediaire I 68,942%) in den Qualifikationen war sie der Mission Titelverteidigung ein Stück näher gekommen. Die Atmosphäre war  gut, die Zuschauer angetan und alle fieberten gespannt dem näher rückenden Pferdewechsel entgegen. Einer Dame gefiel die Stimmung jedoch nicht. Die Hannoveraner Stute Riva konnte sich mit der Atmosphäre der Halle ganz und gar nicht anfreunden. Die Versuche der letztjährigen Berufsreiterchampionesse Anja Hermelink, die aufgebrachte Stute zu beruhigen, missglückten. Nach fünf Minuten, in denen das Publikum mit dem Paar mitfieberte, ertönt das Klingeln vom Richtertisch – es musste losgehen! Doch schon beim Einreiten und Grüßen bei X gelang es nicht, die Stute ruhig zum Stehen zu bekommen und die Unruhe durchzog auch die folgenden Lektionen.  Zugunsten ihrer Stute entschloss sich Anja Hermelink, die Prüfung abzubrechen und damit auf ihre Wertung zu verzichten. Im Raum stand die Frage nach dem weiteren Vorgehen. Nach kurzer Absprache mit Veranstalter und BBR-Vorstand wurde zum Wohl des Pferdes entschieden, dass kein Fremdreiter mehr aufsitzen sollte, Anja Hermelink hatte nach dem bedauerlichen Auftakt ebenfalls beschlossen, den weiteren Pferden ihren Fremdritt zu ersparen. Das Aus für das Gespann, das in den vorherigen Prüfungen mit Höhepunkten in Trabverstärkungen und den Traversalen begeistern konnte, bedeutete Platz drei für Anja Hermelink.

Mit Einfühlungsvermögen zum Sieg

Im Rennen  um die Siegerschärpe waren nun also nur noch Martin Christensen und Tessa Frank, die sich im Pferdewechsel beweisen mussten. Den Anfang machte Martin Christensen auf Tessa Franks Pferd Earl of Nymphenburg. Im Laufe des Rittes fanden Reiter und Pferd immer mehr zusammen. Nach Fehlern in den Dreierwechseln zeigte sich in den Zweierwechseln eine deutliche Steigerung. Abstriche musste das Paar allerdings in der allgemeinen Durchlässigkeit machen, mit 61,892 % verließ das Paar die Bahn und alle Augen richteten sich nun auf Tessa Frank und Rossano R. Der einfühlsamen Reiterin gelang es, den Wallach während der Sonderaufgabe auf Intermedaire I-Niveau zur Höchstform auflaufen zu lassen. Souverän meisterten die beiden Zweier- und Dreierwechsel und gingen in mutigen Verstärkungen volles Risiko ein. In der ersten Pirouette zeigt sich allerdings erneut, dass diese nicht zu den Lieblingslektionen des Wallachs gehört, es gelang Tessa Frank jedoch, diese Schwäche zu erkennen und in der Zweiten entgegenzuarbeiten- erfolgreich! Mit ihrer feinen Hilfegebung gelang es, den Wallach durch die ungeliebte Lektion zu führen. Neben dem anerkennenden Applaus des Publikums erntete das Paar für diese gelungene Leistung eine fantastische Bewertung:  69,153%.

Nach Platz Eins auf Ihrem eigenen Pferd nun also der zweite Platz auf dem Fremdpferd. Mit diesem Ergebnis sicherte sie sich den Titel „Norddeutsche Berufsreiterchampionesse“, Rossano R wurde als Bestes Pferd der Prüfung ausgezeichnet. Gestrahlt hat auf dem Podest am Ende des Abends aber nicht nur die glückliche Siegerin, sondern alle drei Finalisten. Und das zu Recht! Während der beiden Fremdritte hat sich deutlich gezeigt, dass es erfahrenen Berufsreitern gelingen kann, sich binnen kürzester Zeit auf neue Pferde einzustellen und dieses Können auch unter den besonderen Voraussetzungen eines Championats auf schwerem Niveau vorzustellen.                                                                                                                                    Pia Scheiböck