Beulen im Genick
Das Dilemma: Ein internationales, oder zumindest EU-weit gültiges
Tierschutzgesetz gibt es noch nicht. Und die FEI gibt sich in ihrem
Verhaltenskodex zum Wohlergehen des Pferdes, dem sich jeder Reiter bei
der Nennung eines internationalen Championats unterwirft, recht
allgemein: Das Wohlergehen müsse immer an erster Stelle stehen, dies
gelte beispielsweise für die Trainingsmethoden.
Apropos – in Holland weit verbreitet ist das Training mit Schuhen, das
ursprünglich aus dem Fahrsport, von Hackneys, Tuigpaarden und Friesen
kommt (siehe Seite 15, ST.GEORG 08/2005). Verschleiß ist bei dieser
Technik, mit der man wohl auch eine Kuh zum dauerpassagierenden
Wundertier abrichten könnte, programmiert.
Doch auch ohne Marionettenschnüre hat das schlechte Reiten nicht nur
den Spitzensport erfasst. In den tierärztlichen Praxen sieht Heuschmann
Tag für Tag, welche krankhaften Veränderungen Reiten in permanenter,
extremer Beizäumung hervorruft. Die gesamte so genannte obere
Verspannung (Nacken-Rückenband, Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule bis
zum Iliosacralgelenk) inklusive Rumpf wird in Mitleidenschaft gezogen.
Es entstehen entzündliche Prozesse, die später zu Verkalkungen führen
können. Regelrechte Beulen bilden sich aus, mitunter groß wie
Kinderfäuste. Das Ganze ist fürs Pferd schmerzhaft und kann zu
dauernder Unbrauchbarkeit führen. Solche Krankheitsbilder haben in
letzter Zeit zugenommen. Den Verfechtern der These, dass Pferde
durchlässiger würden, wenn man sie mit starker Abstellung reitet, was
nichts anderes als „Stretching“ darstelle, hält Heuschmann entgegen,
dass sie sich noch nie wirklich damit beschäftigt hätten, welche
Muskelgruppen des Pferdes das Reitergewicht tragen. Das seien nämlich
vielmehr die Bauchmuskeln, als der lange Rückenmuskel. Auch
ST.GEORG-Experte Dr. Karl Blobel bescheinigt den Dressurreitern „wenig
Ahnung“ in Bezug auf die physiologischen Zusammenhänge. Dressur sei
mittlerweile der „gesundheitsproblematischste Sport“, weil die Pferde
keine freie Bewegung bekämen. Aus Angst vor Verletzungen würde das
Pferd nach stundenlangem Stehen in der Box zum Training herausgenommen
und sofort einem Zwang ausgesetzt. Blobel erinnert daran, dass nicht
nur alle Muskeln, Bänder und Sehnen, sondern auch der Verdauungsapparat
in Schwung gebracht werden müsse. Das bliebe bei den Trainingsmethoden,
die mehr auf Unterordnung denn auf Zusammenarbeit abzielten, eigentlich
immer auf der Strecke.
Und was, wenn alles zu spät ist? Wenn das Nackenband entzündet ist,
dann kann der Tierarzt helfen. Er nimmt einfach Teile des Ärgernisses
heraus. Nach einem Jahr soll das Pferd wieder einsatzfähig sein.
Dr. Blobel rümpft die Nase. „Die Diagnostik im Halswirbelbereich ist
schwierig, selbst Experten kommen bei der Interpretation von
Röntgenbildern zu komplett unterschiedlichen Ergebnissen. Außerdem
wissen wir noch nicht genau, inwiefern die anatomischen Veränderungen
die Leistung des Pferdes wirklich beeinflussen.“ Dass der Ehrgeiz der
Tierärzte hierbei auch eine Rolle spielt, ist ein weiterer Aspekt:
„Jeder Tierarzt, jede Tierklinik ist natürlich versucht, neue
Therapieformen anzubieten für die immer neuen Probleme, die auftauchen.
Aber ein großer Teil der neuen Therapien hat meines Erachtens nach
nicht zum Erfolg geführt“. Blobel bleibt bei seinem Fazit:
„Dressurreiter müssen mental umlernen, müssen den Pferden die freie
Bewegung zugestehen, dann bleiben diese auch gesund. Die Reiter müssen
sich informieren, was sich während des Trainings im und am Pferd
ereignet. Sie müssen die Trainingsphysiologie eines Pferdes kennen
lernen.“
Heuschmann verfolgt noch einen zweiten Ansatzpunkt: Back to the roots.
Es sei die Überforderung der drei- bis vierjährigen Pferde, deren
„industrielle Vermarktung“ dem frühen Verschleiß Tür und Tor öffnen.
„Es wird viel zu früh versucht, zu versammeln. Erst ein Pferd, das
lange genug vorwärts-abwärts gearbeitet worden ist, hat die Chance,
genug Kraft zu entwickeln. Der sensibelste Gradmesser für den richtigen
Ausbildungsweg ist der Erhalt und die Verbesserung der natürlichen
Grundgangarten. Bei vielen Vier- und Fünfjährigen sind Schritt und Trab
bereits in der Fußfolge gestört. “
Drohung per e-mail
Nachdem in Internetforen die Bilder von den niederländischen
Meisterschaften emotional diskutiert wurden, erhielt die Herausgeberin
der Homepage „Dressage for the 3rd Millenium“ eine e-mail von Sjef
Janssen. Er drohte mit rechtlichen Schritten, da die
Persönlichkeitsrechte von Anky van Grunsven verletzt worden seien.
Außerdem vertrat er die Meinung, die Schwedin habe keine Ahnung. Seine
Reitprinzipien seien gut für die muskuläre Entwicklung des Pferdes. Die
Veröffentlichung der Abreitebilder sei unehrlich und manipulativ. „Our
horses love to work for us“. Außerdem solle sie einmal die Springreiter
beim Training beobachten – da gebe es eine Menge Parallelen. Dann droht
er mit seinem Anwalt. Viel Aufwand – bedenkt man, dass Janssen ja nicht
müde wird zu propagieren, dass seine Methode pferdeschonend sei. Warum
darf man sie dann nicht abbilden, wenn sie die Pferde doch so glücklich
macht?
Solche e-mails verschickt Sjef Janssen häufiger. Auch die Amerikanerin
Kyra Beth Houston erhielt im November 2004 ein elektronisches
Schreiben. Diesmal wegen Videoaufnahmen, die die Amerikanerin in Aachen
gemacht hatte. Seit 2001 hat sie einen Vertrag mit dem
Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV). In den USA, Südafrika,
Neuseeland, kurzum bei Dressurenthusiasten außerhalb Europas, sind die
Videos Kult. Sie bilden die Ritte ab aus der Position des Chefrichters
bei C, inklusive der vergebenen Noten. Das Feedback ist groß, sagt Beth
Houston: „Wie sieht eine 9 aus? Diese Frage bekommen sie beantwortet
und das lieben die Leute“, auch auf Richterseminaren. Und natürlich
kann man dann sehen, dass beispielsweise ein Pferd, das bei
Grußaufstellungen kaum eine Sekunde still steht, durchaus Höchstnoten
bekommen. Damit soll jetzt Schluss ein. Kyra Beth Houston bekam zu
lesen, sie verletze Anky van Grunsvens Persönlichkeitsrechte. Sie dürfe
die Videos nicht vertreiben. Die Amerikanerin wendete sich an den ALRV,
der reagierte lange Zeit nicht. Ein halbes Jahr später schickten die
Aachener einen neuen Vertrag mit der Aufforderung, eine schriftliche
Einverständniserklärung von jedem gefilmten Reiter vorzulegen.
Allerdings sind die Persönlichkeitsrechte von Spitzensportlern bei
öffentlichen Auftritten per Gesetz eingeschränkt. Für den Hamburger
Medienanwalt Dr. Rainer Stelling ist die Sache klar: „Zwar muss jeder
Mensch einwilligen, bevor sein Bild veröffentlicht wird. Es gibt aber
Ausnahmen: Wenn jemand eine ,relative Person der Zeitgeschichte‘ ist,
bedarf es dieser Einwilligung nicht. Das gilt auch für Spitzensportler,
zumal wenn sie sich in dem Umfeld bewegen, das sie zu Personen der
Zeitgeschichte macht, also bei der öffentlichen Ausübung ihrer
Sportart. Das gilt natürlich nicht für eine werbliche Ausnutzung.“
Das hat sich inzwischen auch zu den CHIO-Organisatoren herumgesprochen,
die im übrigen mittlerweile van Grunsven und Salinero für das dem CHIO
vorgeschaltete Wochenende als Stargast verpflichtet haben.
Turnierleiter Frank Kempermann auf Anfrage des ST. GEORG: „In der
Ausschreibung steht, dass wir als Veranstalter die Filmrechte
(Videorechte) haben und verkaufen können. Das müssen die Reiter mit der
Ausschreibung akzeptieren.“ Also braucht Kyra Beth Houston keine
Erlaubnisunterschriften einzuholen, von einem Filmverbot für 2005 ist
nicht mehr die Rede. „Tatsächlich hat sie einen Zweijahresvertrag.“
Filmaufnahmen vom Abreiteplatz sind darin nicht enthalten, aber das
Recht, dort einmal vorbeizuschauen, hat jeder Zuschauer. Und das sollte
er sich auch nicht nehmen lassen.
„Promi-Richten“
Das Problem der tierquälerischen Trainingsmethoden in der Dressur ist
auch ein Problem des Richtens. Wo sind die Richter, die erkennen können
oder wollen, ob ein Pferd korrekt ausgebildet wurde oder mit Hilfe von
allen möglichen dubiosen Hilfsmitteln zu den spektakulären Bewegungen
getriezt wurde? „Viele Richter haben Schwierigkeiten zu sehen, ob ein
Pferd überhaupt reell von hinten durchschwingt oder nur vorne strampelt
und hinten nichts mehr kommt“, so ein Grand Prix-Richter zu ST. GEORG.
Dem soll jetzt ein Kompendium abhelfen, in dem genau erklärt wird, für
welche Lektionsausführung welche Note zu vergeben ist. Damit auch
Richter von fernen Stränden, die vielleicht einmal im Jahr eine große
Prüfung richten, nur auf die Liste zu gucken brauchen. Ersatzweise auf
die große Tafel, wo die Noten für die einzelnen Lektionen schon während
der Prüfung gut sichtbar gezeigt werden.
„Für das Publikum ist das o.k., aber wenn die Richter sehen können,
dass sie mit ihren Noten von den Kollegen abweichen, gleichen sie sie
bei der nächsten Lektion garantiert wieder an“ , so besagter Grand
Prix-Richter zu ST. GEORG. Und das kann kaum Sinn der Sache sein. Auf
großen Plätzen wie Aachen sind die elektronischen Tafeln deswegen so
angebracht, dass sie vom Richterhäuschen nicht eingesehen werden
können.
Dressurrichten ist ein undankbarer Job: Glücklich ist meist nur der
Sieger. Und da Richterurteile bis zu einem gewissen Grad Ermessenssache
sind, kann im Anschluss an die Platzierung noch ewig darüber diskutiert
werden. Das hat sich seit der Einführung der Kür noch gesteigert. Durch
Noten für so geschmäcklerische Bereiche wie ein schöne Chereographie
oder die passende Musik werden die Urteile notgedrungen noch
subjektiver.
Der Veranstalter, der den Richter einlädt, ist am glücklichsten, wenn
der Sieger auch der Star ist, den er für sein Turnier hat gewinnen
können und mit dem er kräftig Werbung gemacht hat. Der kommt dann im
nächsten Jahr gerne wieder. Richter hingegen kann man austauschen, man
lädt sie einfach nicht mehr ein, wenn sie zu viele unpopuläre
Entscheidungen treffen. Dabei kommt es nicht darauf an, wie richtig
oder falsch diese Urteile sein mögen. Die meisten Richter, ob sie es
zugeben oder nicht, haben diesen Mechanismus verinnerlicht und die
Schere im Kopf etabliert. „Es gibt drei Arten zu Richten: gemeinsames
Richten, getrenntes Richten und Promi-Richten“, heißt es unter der
Hand. Und gerade bei den VIPs im Sattel wird die Frage nach den
Methoden, mit denen Pferde für ihre spektakuläre Vorführung getrimmt
werden, am liebsten gar nicht erst gestelllt.
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Infokästen
Im Zwangsstand Piaffier-Lektionen
Die Bielefelder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die
Pferdewirtschaftsmeister Bernd G. und Jürgen H., die auf einem
Reiterhof in Jöllenbeck zusammen mit Trainer Jan T. einen Verkaufs- und
Ausbildungsstall für Dressurpferde betreiben. Wie die Bielefelder Neue
Westfälische berichtet, sollen sie mit rüden Trainingsmethoden in einem
selbst gebauten Zwangsstall versucht haben, einem Pferd das Piaffieren
auf hartem Boden beizubringen. Das Pferd stürzte und soll sich nicht
unerheblich verletzt haben. Die Peitsche, mit der das Pferd blutig
geschlagen worden sein soll, wurde inzwischen sichergestellt. Ein
Augenzeuge erstattete anonym Anzeige.
„Keinesfalls darf der Reiter das
Dressurreiten mit Abrichten verwechseln. Das Beibringen von
,Kunststücken‘ oder ,Tricks‘ ist nicht Zweck und Ziel der
Dressurausbildung. Die Kriterien der Ausbildungsskala sind stets zu
berücksichtigen.“
Richtlinien für Reiten und Fahren Band II
Reaktionen in anderen Medien: „Prüdes Amerika“
Ihr Unwesen trieb die „Anti-lang-und-tief-Liga“ auch in Las Vegas, der
Stadt der Sünde. Joep Bartels wurde mit Kritik überhäuft, „weil das
Global Dressage Forum allein deswegen eingerichtet sei, um die
verderbliche Trainingsmethode von Sjef und Anky zu verteidigen“.
Teamchef Sjef Janssen musste im Aufwärmzelt nach dem Rechten sehen,
weil ein Steward sehr kritische Anmerkungen zur Trainingsweise von Anky
und Edward machte. „Ich weiß nicht, was in das prüde Amerika gefahren
ist. Ich habe gesagt, dass wir die Pferde so tief einstellen, wie wir
wollen. Ich bin keine 11.000 Kilometer geflogen, um unsere
Trainingsmethode, die wir in zehn Jahren Suche nach dem Richtigen
entwickelt haben, über den Haufen werfen zu lassen. Das nach unten und
über den Rücken Reiten, der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung
– das hat alles nichts mit Tierquälerei zu tun, wie das hier behauptet
wird. Ich schlage vor, man sollte einmal mit einem Tierarzt über die
Wirkungen sprechen. Es ist schade, dass so viele Unwissende unser
Training in Misskredit bringen. Ich hatte gehofft, dass dies endlich zu
Ende sei, nachdem wir zum zweiten Mal einen Olympiasieger
hervorgebracht haben“, sagte Sjef.
aus: In de Strengen, April 2005, Übersetzung Jörg Savelsberg