Global Dressage Forum 2014 – ein Protokoll des ersten Tages

Adelinde Cornelissen erklärte vom Pferd aus

(© GDF)

Im dänischen Gestüt Blue Hors fand heute der erste Teil des Global Dressage Forums 2014 statt. Zwischenfazit: Es besteht Veränderungsbedarf in Sachen Richterurteile und Prüfungsmodus, aber keiner weiß so ganz genau, wie. Wir haben für all diejenigen, die nicht dabei sein konnten, detailliert mitgeschrieben.

Eröffnet wurde das Global Dressage Forum 2014 das zum ersten Mal nicht seiner Geburtstätte stattfand, der Academy Bartels in den Niederlanden, sondern in Dänemark, mit warmen Worten durch Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Benedikte. Durchs Programm führte dann Richard Davison. Der hatte als erstes eine schlechte Nachricht: FEI-Dressurchef Trond Asmyr, der eigentlich als Redner hätte auftreten sollen, fühlte sich kurz vor dem Global Dressage Forum plötzlich unwohl. Jetzt liegt er im Krankenhaus, sei aber schon auf dem Weg der Besserung. Vertreten wurde er durch Hans-Christian Matthiesen, der vom Alltag des FEI-Dressurkomitees berichtete: Diskussionen über Regelveränderungen, derzeit gibt es Gespräche über Ranking Lists für Nachwuchsreiter, Qualifikationswege für Meisterschaften und FEI-Events, die Vergabe von Finals, die Benennung Offizieller, Besprechung von Format und Zeitplan etc. für die Olympischen Spiele 2016, Entwicklung neuer Aufgaben (demnächst neue Intermédiaire-Prüfungen, neue Jungpferde- und Children-Aufgaben), die Ausrüstung, Allgemeines über die Zukunft der Dressur.

Im Detail sind das beispielsweise diese Neuerungen in 2015:

– Im kommenden Jahr soll es internationale Amateur-Dressurprüfungen geben.

– Bei Vetchecks soll das Tragen von Helmen bei den Nachwuchsreitern Pflicht werden.
– Die Sechs-Prozent-Hürde was passiert, wenn die Richterurteile um mehr als sechs Prozent voneinander abweichen. Dann soll das Judges Supervisory Panel einschreiten. Wobei aber noch nicht geklärt ist, wie. Es müssen noch Einigungen gefunden werden, was das JSP darf, und was nicht.
– Es wird Aufgaben Intermediate A+B sowie Intermediate II geben.
– CDIO für J/Y/P sollen bei CDIOs künftig auch aus nur zwei Paaren bestehen können, wenn Veranstalter das will.

Future of Dressage

– Es gilt zu klären: Wie kann man das Interesse am Dressursport erhalten, auch in Hinblick auf die kommenden Olympischen Spiele in Rio 2016 und Tokio 2020?
– Umfragen unter Medien, Sponsoren, Öffentlichkeit: Was denken sie über Dressur? Wie könnte man den Sport interessanter machen?
– Das Problem: Es muss ein Weg gefunden werden, dem Sport treu zu bleiben und trotzdem Teil von Olympia zu bleiben – More Olympic Flags.

Ideen

– Die Kommunikation mit den Zuschauern verbessern, um den Sport zu erklären.
– Dressur in Social Media präsent machen
– Musik auch in Grand Prix und Special laufen lassen
– Die Prüfungen sollten verkürzt werden (2,5 bis 3-Minuten-Tests, in Mtthiesens Augen abstruse Ideen, wie er betont)
– Veränderungen: Warum nicht mal den Dresscode ändern?
– Medienwirksame Geschichten und Stars müssen her
– Neue Formate, wie das Knock out-Verfahren (Zwei Reiter im Viereck, die gegeneinander reiten)

Diskussion

Kyra Kyrklund, Vorsitzende des International Dressage Riders Club (IDRC), sagt, die Reiter wollten eigentlich keine kürzeren GPs. „Für mich ist ein bisschen die Wahl zwischen Pest und Cholera.“ Gleichzeitig sei aber auch ihr klar, dass etwas getan werden muss, um Dressur auch für Nicht-Insider attraktiver zu machen. Und zwar schnell, damit die neuen Aufgaben noch getestet werden können. Nur wie soll komprimiert werden? Sollen Lektionen ausgelassen werden? Sollen sie alle in zwei bis drei Minuten gezeigt werden? Und wenn, dann auch allen Turnieren? „Derzeit ist noch nichts in Stein gemeißelt. Aber es sollen demnächst Prüfungen ausprobiert werden. Für mich sind nicht die Olympischen Spiele das Problem (max. 60 Pferde), sondern die Weltreiterspiele. Diesmal waren es zu viele Reiter für die Richter in zwei Tagen. Wir diskutieren, ob wir die Qualifikationsmodi verändern. Wir wollen nicht, dass die Zuschauer einschlafen, wie es schon passiert ist.“ So Kyra Kyrklund.

Anna Paprocka (ITA), seit diesem Jahr Reitervertreterin im FEI-Dressurkomitee: „Ich würde den Grand Prix gerne so weiter reiten wie er ist. Aber wir müssen die Realität sehen. Wir müssen das Beste draus machen und beiden Seiten gerecht werden.“

Eine provokante Frage vom Moderator: „Können wir zulassen, dass die Medien unseren Sport bestimmen?“ Dazu ein Kommentar aus dem Publikum: „Es sind nicht die Medien, die bestimmen, sondern das Publikum. Die Medien richten sich nur nach dem, was die Öffentlichkeit sehen will.“ Applaus brandet auf.

Auf das Dilemma zwischen der Notwendigkeit einer größeren Öffentlichkeit und der Tradition der Dressur wird heute noch einmal eingegangen werden.
Adelinde Cornelissen Training Techniques

Der schwarze Vorhang, der die Reithalle in Übergröße für die Veranstaltung teilt, hebt sich und hinter dem Rednerpodium öffnet sich der Blick auf ein Dressurviereck, auf dem Hollands Multi-Medaillengewinnerin Adelinde Cornelissen einen sichtlich aufgeregten Rapphengst arbeitet. Es handelt sich um den bereits neunjährigen gekörten Aqiedo, einen Undigo-Metall-Sohn, der trotz seines Alters noch recht grün ist. Viereinhalb Jahre habe er insgesamt an verschiedenen Verletzungen laboriert, erklärt Cornelissen. Nun hat sie ihn zum Reiten. Extrem talentiert, aber noch lange nicht fertig, so ihre kurze Beschreibung des Schwarzen. Zu Parzival befragt, antwortet sie: „Er ist in Top Top-Form. Ständig werde ich gefragt, wann ich ihn in Ruhestand schicke. Da sage ich dann: So lange er es mag und liebt, wird er im Sport bleiben. 80 und 84 Prozent Edward Gal gewinnt erste Dressur-Weltcup-Qualifikation“ href=“http://www.st-georg.de/?p=46585″>in Odense beweisen seine Form.“

Während Cornelissen ganz schön zu tun hat, den Rappen zu beruhigen, beantwortet sie geduldig die Fragen des Moderators und erklärt ihre Art des Trainings. Zu Aqiedo sagt sie unter anderem: „Es ist wie mit begabten Menschen: Talent allein nützt nichts. Man muss arbeiten, um an die Spitze kommen. Die Talente bieten viel an, aber man darf das nicht ausnutzen und muss an der Basis arbeiten und Gelassenheit herstellen. Ich könnte ihn jetzt wirklich spektakulär traben lassen. Aber ich will noch etwas länger was von ihm haben. Also reite ich sehr normalen Trab und schaue nur, ob ich ihn stellen und biegen kann, wie ich es brauche. Es ist nicht nur das technische Training, sie müssen so viel mehr lernen, wie z.B. vier Tage lang in einem anderen Stall zu sein. Er ist ein Hengst, das macht es umso schwieriger. Also nehme ich ihn mit auf Turniere, nur zum Arbeiten, ohne Prüfungsdruck. Er kommt mit Parzival mit und kann von dem Meister selbst lernen.“

Cornelissen reitet immer wieder kleine Tempounterschiede, damit er auf leise Hilfen hört, wie sie erklärt. Der Hengst wird allmählich ruhiger und losgelassener – gut erkennbar an der leichter werdenden Anlehnung. „Jetzt können wir mit ein paar Lektionen anfangen. Aber ich will sie nicht perfekt. Es ist mehr ein Spiel, ein Spiel mit seinem Körper. Ich will die Kontrolle darüber haben, wie stark er sich setzt. Und wenn ich die Sprünge verlängere, sollen sie raumgreifender werden und er nicht auf die Vorhand kommen. Meine Arbeit ist es, dass ein Galoppsprung wie der nächste ist.“

Auch im Trab gilt: „Ich will spüren, dass seine Beine sich nach vorne bewegen, aber dass sein Körper zurückbleibt. Für mich ist es wichtig zu wissen, es ist alles da. Aber ich verlange nicht jeden Tag 100 Prozent. Denkt an euch selbst, wenn ihr täglich alles geben müsstet, würdet ihr das noch wollen?“ Der Schwarze zeigt großes Piaffe-Talent. Aber es geht Cornelissen jetzt erst mal darum, ihm zu zeigen, was er mit seinem Körper alles tun kann. Nach der Versammlung, lässt sie ihn wieder vor. Er will sich dehnen, was sie aber nur bedingt zulässt, weshalb er die Nase nicht wirklich vor bekommt. „Was für mich am wichtigsten ist neben den drei Grundgarten? Sie müssen die richtige Einstellung haben. Sie müssen das, was sie tun, lieben. So wie Parzival es tut.“

Und noch etwas ist ihr sehr wichtig: Turniere zu reiten, ist mehr als die Lektionen des Grand Prix beherrschen. Die Pferde müssen auch lernen, sich zu entspannen. Der Trainingseffekt setzt in den Ruhephasen ein. Das habe sie selbst mühsam lernen müssen, als sie anfing, mit einem professionellen Fitnesstrainer zu arbeiten.

Diskussion zum Training Adelindes

Anna Campanella: „Mir gefiel, dass sie betont, wie wichtig die physische Entwicklung der Pferde ist und nicht nur, ihnen Lektionen beizubringen.“ Adelinde: „Wer physisch fit ist, ist auch mental fit. Das gilt auch für Pferde.“

Nathalie zu Sayn-Wittgenstein: „Die Schwierigkeit ist es nicht, die Pferde zum Grand Prix zu bringen, sondern sie happy und motiviert zu halten. Ich weiß wovon ich rede, denn auch Digby ist 17 Jahre alt. Dafür muss man seinen Kopf gebrauchen. Und man muss akzeptieren, dass ein 17-Jähriger länger braucht, um sich zu lösen. Aber nun muss ich auch ein bisschen kritisch sein: Ich suche mehr Leichtigkeit.“

Dane Rawlins, Veranstalter des internationalen Dressurturniers in Hickstead: „Der offensichtliche Kritikfaktor ist: Er war eng. Ich nehme an, das war ein Problem der Kontrolle …?!“ Adelinde: „Wie ich schon sagte, er ist ein junges Pferd, ein Hengst. Ich hätte ihn auch gerne leichter und offener. Aber das braucht noch Zeit.“

Dane Rawlins: „Und was meintest Du damit, dass er lernen muss, auszuruhen?“ Adelinde: „Die Erholungsphasen sind Teil des Trainings. In der Erholung baut die Muskulatur sich auf.“

Richard Davison: „Du hast mit Anky und Sjef trainiert. Mit wem arbeitest Du jetzt?“ „Ich halte die Augen offen und nehme so viele Informationen mit, wie ich kann. Im Moment sind es viele Menschen, die kommen und mir Tipps geben, z.B. auch Boyd Exell.“ Sie führe offene Diskussionen mit ihnen, auch über Parzival und die Leichtigkeit im Maul.

Nachfrage: „Ist es richtig, dass du daran gearbeitet hast, ihn leichter und länger im Hals zu machen?“ Adelinde: „Das ist richtig. Bei den Olympischen Spielen kam Steven Clarke und sagte, sie hätten mehr Harmonie sehen wollen. Deshalb waren wir Zweite. Also habe ich daran gearbeitet. Und ich finde, er ist gerade sehr leicht in der Hand.“

Richard Davison: „Erkläre uns Deine Einstellung zum Sport.“ Adelinde: „Mir geht es eigentlich nicht um die Medaillen, so komisch das auch klingt. Aber was ich am meisten schätze, ist es, den Weg zu finden, die Pferde zu ihrer bestmöglichen Leistung zu bringen. Aber natürlich brauche ich die Turniere, denn sie zeigen mir, wo ich stehe.“

„Ich denke, die gesamte Pferdewelt sollte mal damit aufhören, sich ständig gegenseitig zu kritisieren, und anfangen, vom Wissen der anderen zu profitieren.“
Sponsorship in Dressage

Diskussion mit Lisa Lazarus aus der Abteilung Marketing des Weltreiterverbandes FEI, Gerrit Jan Swinkels, Veranstalter der Indoor Brabant, eines der größten holländischen Hallenturniere und Martin Richenhagen, Richter, einstiger Equipechef und Geschäftsführer des FN/DOKR-Sponsors FENDT

Gerrit Jan Swinkels: „Wir brauchen höhere Preisgelder, dafür benötigen wir Sponsoren und dafür brauchen wir mehr Medieninteresse. Für die Sponsoren muss die Siegerehrung eine Show werden!“

Lisa Lazarus: „Die Herausforderung ist es, die Balance zwischen Tradition und Innovation zu finden. Sobald wir das richtige Format haben, wird das ein Selbstgänger. Aber einen siebenminütigen Grand Prix-Test an das Fernsehen zu verkaufen, ist schwierig. Immer wenn ich Vorschläge mache, höre ich, das mache den Pferden Angst. Aber ich denke, man sollte das in den unteren Klassen erst mal ausprobieren.“

Martin Richenhagen: „Wir nehmen Dressur viel zu ernst. Natürlich könnten wir einen Drei-Minuten-Test machen. Wir müssen neue Ideen annehmen. Was neu ist: Wir sind unter Beobachtung. Die Nutzung von Social Media ist eine Riesenchance und es ist eine Schande, dass wir es noch nicht nutzen.“

Frage des Moderators an Kyra Kyrklund: „Was denkst Du über Applaus während der Prüfung?“
Als Antwort erzählt Kyrklund die Geschichte als sie zum ersten Mal mit ihrem ersten internationalen Erfolgspferd Matador bei der EM in Goodwood 1985 am Start war. Die Aufgabe sei super gelaufen bis zu dem Moment, in dem die Fotografen realisierten, dass die Finnin auf dem schwarzen Pferd doch fotografierenswert sein könnte und ihre Kameras losklickten. Danach habe der Hengst panische Angst gehabt. Und da die Fotografen nicht bereit waren, auf ihre Bilder zu verzichten, bat sie einen befreundeten Journalisten, Matador mit der Kamera beim Training zu begleiten, bis seine Angst nachlässt. Ihr Fazit: Man kann die Pferde an beängstigende Dinge gewöhnen.

Martin Richenhagen: „Und warum nicht Ohrstöpsel erlauben?“ Darin erfährt er Unterstützung von der deutschen O-Richterin Katrina Wüst.

Dr. Wilfried Bechtolsheimer, Vater der britsichen Dressurreiterin Laura Tomlinson, meldet sich zu Wort und spricht für die Traditionalisten: „Ich finde, Dressur ist kein Sport wie Football. Wir sind ein klassischer Sport, kein Action-Sport.“

Nathalie zu Sayn-Wittgenstein hat eine andere Geschichte parat, mit der sie Bechtolsheimer in gewisser Weise zustimmt: „Mein Schwiegervater (Heinrich-Wilhelm Kaiser Johannsmann, Anm. d. Red.) hat nie verstanden, warum man die Pferde nach einer Null-Fehlerrunde bestrafen muss, indem man die Musik plötzlich aufdreht. Das macht ihnen Angst und hat den Effekt einer Bestrafung, also das Gegenteil dessen, was man eigentlich will.“

Swinkels: „Wir haben in der Dressur keine ganz großen Gewinner und keine ganz großen Verlierer. Es wäre total anders, wenn man bei einem Fehler ausscheiden würde.“

Ein abschließendes Ergebnis gab es allerdings nicht. Eher die Feststellung, dass es noch eine Menge Denkarbeit erfordert, bis man den Königsweg gefunden hat, der beiden Seiten gerecht wird.

Vom International Dressage Riders Club, vertreten durch die Vorsitzende Kyra Kyrklund kommt der Vorschlag, die Benotung der Richter transparenter zu machen, indem man für jede Lektion erst einmal die Idealnote ansetzt und dann entsprechend potenzieller Fehler in der Ausführung Punkte abzieht. So könnte beispielsweise geringgradiges Vorwärts in der Piaffe mit einem Punkt Abzug geahndet werden und stärkeres entsprechend mit zwei Punkten weniger. Auf diese Weise könne man einen Kriterienkatalog abarbeiten.

Darauf Richterin Katrina Wüst: „Ich könnte nicht in der Kürze der Zeit eine Note nach fünf Kriterien herunterbrechen.“ Woraufhin Kyrklund recht gelassen antwortet: „Wenn man etwas nicht versucht hat, kann man nicht beurteilen, ob man es kann oder nicht.“ Unterstützung bekommt sie von Wayne Channon: „Der Mangel an eindeutigen Kriterien ist verantwortlich für die großen Notenunterschiede. Katrina sieht nicht den Punkt. Das ist möglich, es verlangt nur etwas Übung.“
Charlotte Dujardin: How did that Fairytale happen?

Der wohl größte Shooting Star, den dei Dressurwelt je gesehen hat, Charlotte Dujardin, war ohne ihren Valegro nach Dänemark gekommen. Sie erzählt, wie ihr persönliches Märchen wahr werden konnte:

– „Ich habe als Schaureiterin angefangen und war da sehr erfolgreich. Ich habe für Züchter geritten, die mich auf all die Ponys gesetzt haben, die die anderen Kinder nicht reiten wollten.“
– „Meine 3 Jahre ältere Schwester ritt auch, das war meine Motivation. Ich wollte immer das machen, was sie gemacht hat.“
– „Meine Mutter war Springreiterin. Sie war immer sehr interessiert und engagiert, hat aber nie Druck gemacht.“
– „Die Zeit als Schaureiterei hat mir beigebracht, mit dem Druck des großen Publikums umzugehen. Meine Schwester hat das nicht geschafft und deshalb aufgehört.“
– „Ich war nicht immer so, ich habe meine Aufgabe vergessen usw. Aber danach war ich immer so wütend auf mich selbst, dass ich es geschafft habe, mich am Riemen zu reißen. Alles was ich mir heute sage: Ich tue dasselbe, was ich zuhause tue, nur in einer anderen Arena.“
– „Ich habe schon immer Unterricht von einer Dressurtrainerin gehabt, die nicht verstand, weshalb ich Shows geritten bin. Darum hat sie mich auf ein GP-Pferd gesetzt und mir gezeigt, was ich tun muss, um Piaffe und Wechsel zu reiten. Dann habe ich mein irisches Vollblut genommen und das mit ihm ausprobiert.“
– „Schließlich habe ich ein Praktikum bei Judy Harvey gemacht, wo ich erstmal gar nicht geritten bin, sondern im Stall geholfen habe. Und erst als Judy meine Hingabe gesehen hat, hat sie mich reiten lassen. Dann bekam ich den dreijährigen Fernandez und die Dinge nahmen ihren Lauf. Wenn die Leute zu uns kommen, wollen sie nur reiten. Sie sehen nicht, dass man die Dinge von der Pike auf lernen muss. Denn das Management und die Sorge um die Pferde sind die Basis von allem.“
– „Ich habe Judy verlassen als Fernandez sechs oder sieben war.“ Auf einem Turnier habe sie Carl Hester getroffen, der sie fragte, ob er sich einmal auf ihr Pferd setzen dürfe. Er war begeistert und sie stolz. Sie hat ihn um Unterricht gebeten. Danach hat er sie gefragt, ob sie nicht für zehn Tage kommen wollte, weil seine Bereiterin geht. „Das war mein großes Glück. Ich habe täglich völlig aus dem Häuschen zuhause angerufen und meiner Mutter erzählt, wen ich heute reiten durfte, was ich machen durfte usw.“
– „Carl und ich sind sehr ehrlich miteinander. Es gibt Menschen, die sagen, wir sind wie ein altes Ehepaar, nur ohne die Extras. Und eigentlich stimmt das. Carl bringt so viel Spaß in den Sport und in meinen Alltag. Er ist mein Mentor, wenn er da ist, bin ich beruhigt. Auf den Turnieren ist alles immer so ernst. Aber wenn Sie wüssten, was Carl mir immer über mein Headset erzählt – besser, dass sie es nicht hören können!‘ Spricht’s und grinst das zum Markenzeichen gewordene Charlotte-Grinsen.
– Sie lebt in einem Haus in Gloucestershire, 5 Minuten von Carls Hof. „Nicht das Traumhaus, aber praktisch. Ich bin froh, dass ich heute nach Hause kommen und abschalten kann, ohne noch einmal für die Nachtrunde in den Stall zu müssen.“
– Zu der Frage nach der Zeit als Valegro zum Verkauf stand: „Ich wusste, dass es Angebote geben würde, wenn er anfängt, erfolgreich zu sein. Ich wusste, als ich nach London ging, dass es passieren könnte. Nach jeder Aufgabe habe ich geheult, weil ich jedesmal dachte, das sei mein letzter Ritt. Und normalerweise weine ich nie. Aber nach der Kür war ich ein emotionales Wrack.“
– Und zu ihrer Zukunft nach Valegro: „Es wird für mich nie wieder ein Pferd wie Valegro geben. Aber es wird andere Pferde geben, die ich bis Grand Prix bringen kann. Und das liebe ich: ein Pferd auszubilden und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen.“
– Und Privat? „Mein Partner ist wild darauf, mich zu heiraten und ein Kind zu bekommen. Ich bin da noch nicht ganz. Vielleicht nach Rio. Aber heiraten werden wir natürlich vorher. Gerne auf Carls Hof.“
– Und? Kinder? „Ja, ich würde gerne eine Reihe Kinder haben. Aber erzählt das nicht meinem Freund, sonst will er anfangen, sobald ich wieder zuhause bin …“

Dann kommt der Moderator zum unangenehmen Teil: Was war in Aachen los?
-„Das war eine der schwierigsten Momente meiner Karriere. In Caen sollte Valegro topfit sein. In Aachen war er das noch nicht. Und dann waren da 36 Grad. Und dann ging ich ins Viereck und es war ein Albtraum von Anfang bis Ende. Valegro war nur noch ängstlich. Und ich konnte ihm nicht helfen. Aber das Schwierigste war, mit den Medien umzugehen. Innerhalb von fünf Minuten war die Nachricht raus. Ich war so panisch vor dem Special. Hätte ich weglaufen und mich irgendwo verstecken können, ich hätte es getan. Ich habe zu Carl gesagt, dass ich das nicht kann. Ich musste mich zwingen und war später stolz, dass ich das getan habe. Ich habe psychologische Hilfe bekommen, dieses Negative in etwas Positives zu verwandeln. Und bei den WEG war ich in der Verfassung meines Lebens. Denn da wusste ich, wie ich mich verhalten soll, wenn es schief geht. Das hat mich stark gemacht. Das habe ich aus Aachen mitgenommen, was ich zu tun habe, wenn nicht alles perfekt läuft. Wie ich all die Fragen der Medien beantworten soll, die ich nicht beantworten will.“

Dressur-Dynastie Lütkemeier

Der letzte Programmpunkt des Tages ist die Vorstellung von Gina Capellmann-Lütkemeier und ihrer Tochter Fabienne, die zusammen mit Nadine Capellmann das Erbe des pferdesportbegeisterten Unternehmers Kurt Capellmann angetreten haben. Ihr Vater sei ein Perfektionist gewesen, erzählt Gina. So hätten sie und Nadine immer im Sakko reiten müssen, damit er sieht, ob sie auch gerade auf dem Pferd sitzen. Er selbst hat mit seinem besten Pferd Granit in Aachen den Großen Preis und den Grand Prix geritten. Aber es gab nie Druck von zuhause, dass sie reiten mussten. Einzige Pflicht war: „Wenn wir ein Pferd bekommen, dann mussten wir uns auch um sie kümmern – und zwar 24 Stunden am Tag.“

Eine lustige Geschichte sei die gewesen, wie sie ihr bestes Pferd bekommen hat, den Holländer Ampère, mit dem sie Mannschaftswelt- und -europameisterin wurde: Sie hat den Wallach fünfjährig in den Niederlanden entdeckt und wollte ihn haben. Aber ihr Vater sagte, fünfjährige Pferde würde er nicht kaufen. Eineinhalb Jahre später erzählte er beim Abendessen, er habe ein Pferd gekauft, nicht wissend, dass es dasselbe war, welches sie schon ein gutes Jahr zuvor hatte haben wollen. Dann musste sie sich nur noch mit ihrer Schwester Nadine einigen, wer den Wallach bekommt. „Zu meinem Glück hätte Nadine mir ein anderes von ihren Pferden für Ampère geben müssen und das wollte sie nicht.“

Sie selbst wurde aber nicht nur von ihrem Vater, sondern beispielsweise auch von Willi Schultheis, Albert Stecken und Harry Boldt trainiert. Auch der Vater hatte immer mehrere Trainer, zu denen unter anderem Bubi Günther und Georg Wahl gehörten. Heute für Fabienne: „Wir haben ein super Team in Deutschland mit Monica Theodorescu und Jonny Hilberath. Das klappt sehr gut und vier Augen sehen mehr als zwei.“

Fabienne: „Wenn ich an meinen Großvater denke, dann erinnere ich mich vor allem an Urlaub und so etwas. Was Horsemanship angeht, habe ich mehr von meiner Mutter gelernt.“ Nach ihren Zielen befragt, stellt sie erstmal fest, dass schon jetzt alles unglaublich schnell gegangen ist nach ihrer Junge Reiter-Zeit. Aber ein Traum sei es schon, bei den Olympischen Spielen zu starten. Aber niemals sei es ihre Mutter gewesen, die sie gepusht hätte. Als Mädchen wollte sie vor allem mit den Pferden spielen. Erst mit 13 Jahren habe sie sich dem ernsthaften Dressurreiten verschrieben.

Und wünscht sich Gina, dass es eines Tages eine vierte Capellmann-Generation gibt? „Zum richtigen Zeitpunkt, ja!“ Woraufhin Fabienne laut auflacht.

Training mit dem achtjährigen Fürst Heinrich-Sohn Fiero, der nun auf Intermédiaire I-Level geht.

Zu Anfang zeigen die beiden viel biegende Arbeit und immer wieder ein Wechsel zwischen An- und Entspannung. So reiten sie beispielsweise viele Tempoübergänge zwischen Versammlung und Verstärkung im Galopp auch auf der gebogenen Linie. Aber niemals im Trab, denn ihr Vater hätte sie dafür erschossen, weil das nicht gesund ist für das Pferd. Eine Übung um die fliegenden Wechsel zu verbessern, ist bei ihnen beispielsweise die Acht im Galopp: Zirkel, mit fliegenden Galoppwechsel aus dem Zirkel wechseln, wieder Zirkel und umgekehrt. „Wir nennen das den Anky-Zirkel, weil wir das mal bei ihr gesehen haben. Man lernt sehr viel, wenn man auf den großen Turnieren ist und sich bei den guten Reitern Dinge abguckt.“

Zum Schluss zeigen die beiden noch Serien-Wechsel zu vier, drei, zwei Sprüngen und schließlich sogar à Tempo. Freude bei Gina Capellmann-Lütkemeier: „Er hat nie noch nie drei davon gemacht!!!“

Danach setzt Fabienne sich auf ihr drittes Grand Prix-Pferd, Diamonds Forever, kurz Monti (12 Jahre), derFabienne Lütkemeier“ href=“http://www.st-georg.de/?p=48266″> zuvor von Anabel Balkenhol geritten worden war. Der Wallach geht zu Anfang zwar tief, aber dabei recht eng. Gina erklärt, das sei ohne Druck. Der Wallach brauche das. Auf die Frage des Moderators, ob es irgendwelche Probleme gegeben hat, als sie den Wallach im Januar übernommen haben und ob er in guter Verfassung war, erklärt Gina: „Er war in sehr guter Verfassung! Aber selbst wenn ein Pferd von einem der besten Trainer kommt, die wir in Deutschland haben, nämlich Klaus Balkenhol, brauche es mindestens ein Jahr, mit dem Pferd zusammenzuwachsen.“ Das habe ihr Vater immer gesagt und da habe er Recht gehabt.

Morgen geht’s weiter mit den Para-Dressurreiterinnnen Sophie Wells, Annika Daslkov und Stinna Tange.




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