Adelinde Cornelissen und Parzival
Adelinde Cornelissen und Parzival

Weltcup Dressur: Niederländischer Wiederholungssieg

Nicht unerwartet ging der Weltcup der Dressurreiter 2012 in Hertogenbosch erneut an die niederländische Vorjahrssiegerin, Adelinde Cornelissen auf dem 15-jährigen Parzival mit 86,214 Punkten vor Helen Langehanenberg auf Damon Hill (85,143) und der Italienerin Valentina Truppa auf Eremo del Castegno (81,232).

Nur diese drei Reiterinnen, die in derselben Reihenfolge im Grand Prix am Freitag vorne gelegen hatten, erreichten mehr als 80 Prozent. Isabell Werth auf El Santo wurde Vierte (79,964), Nadine Capellmann auf Girasol Siebte (75,625). So gab es für die deutschen Reiter am Ende doch noch etwas zum Freuen und die Gewissheit, dass der am Donnerstagabend plötzlich verstorbene Bundestrainer Holger Schmezer stolz auf seine Reiterinnen gewesen wäre. Das war heute ein sehr guter Tag, sagte Ko-Trainer Johnny Hilberath, der unversehens vor Ort Schmezers Rolle übernehmen musste und auch am Samstag noch eine schwarze Krawatte trug.

Insgesamt war das Finale, die Musikkür, von einem hohen Schwierigkeitsgrad geprägt. Doppelte Galopp-Pirouetten, Passage-Taversalen, Piaffen in alle Richtungen bis zum Abwinken das wird heute in den entlegensten Winkeln der Welt geübt und oft auch gut ausgeführt. So manches Pferd durfte froh sein, wenn es mehr als 20 Meter in einer Grundgangart ganz normal geradeaus gehen durfte.

Die Teilnehmer in Einzelkritik

Adelinde Cornelissen und Parzival zeigten eine schwierige Kür mit dem gewohnten Schwung und Ausdruck, gleichwohl war der Heimvorteil hilfreich für den Sieg, der an diesem Tag auch an das zweite Paar, Helen Langehanenberg und Damon Hill hätte gehen können. In dieser Form könne letztere auch Cornelissen schlagen, sagte der niederländische Chefrichter Ghislain Fourage und musste dafür prompt die Kritik seiner Landsleute einstecken. Cornelissen selbst sagte, ihre Form sei noch nicht bei 100 Prozent, das will sie sich wohl für London aufheben. Aber die Stärken des Fuchses punkteten auch diesmal: die energische Piaffe-Passage-Tour mit flüssigen Übergängen, die Piaffe-Pirouette mit Richtungswechsel, fehlerlose Galoppwechsel, exakt gesprungenen Galopp-Pirouetten, eine ausgereifte Präsentation. Dagegen stehen bekannte Mängel, wie die häufig feste Anlehnung und das unruhige, zuweilen offene Maul des Pferdes.

Helen Langehanenberg auf Damon Hill hat gerade dieses Problem sehr gut in den Griff bekommen, der Hengst ist, wie schon im Grand Prix zu erkennen war, ruhiger im Maul geworden und sicherer in der Anlehnung. Dem Paar hätte an diesem Tag auch der oberste Platz auf dem Podium gut zu Gesicht gestanden. Nicht nur, weil die beiden, die perfekt sitzende und diskret einwirkende Reiterin und ihr kraftsprühender Dunkelfuchs v. Donnerhall, mit jedem Tritt demonstrieren, wie schön Dressur aussehen kann. Auch nach den strengen Maßstäben der Reitlehre stimmte alles, Damon Hill immer mit deutlicher Bergauf-Tendenz, die Anlehnung federleicht, die anspruchsvollen Lektionen wie Piaffe lebhaft und taktmäßig, sehr steile und damit schwierige Galopptraversalen, wie sie sonst kein anderer zeigte, gute Wechsel zwischen Piaffe und Pasasage auf einer Acht. Ein kleines Missverständnis gab es am Anfang in der Passage-Traversale. Was will Chefrichter Ghislain Fouarge denn noch sehen, wenn er der Reiterin empfiehlt, den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen? Vielleicht denkt er an Kopfstand.

Helen Langehanenberg arbeitet mit Michael Erdmann zusammen derzeit an einer neuen Kür. Mal sehen, ob es klappt, sagte sie, sonst bleibe ich bei der alten. Die Begeisterung von Jonny Hilberath war geradezu ungezügelt: Das war affengeil, sagte er, der Hengst hat jetzt die Kraft, sich auf der Hinterhand zu tragen. Eine tolle Leistung. Und im Hinblick auf Olympia: Wir haben viele Pferde, die hohe Prozentzahlen bekommen können. Wenn alle gesund bleiben, ist die Entscheidung in London völlig offen. Damon Hill wird erst in Balve wieder gehen, bis dahin pausieren.

Valentina Truppa mit Eremo del Castegno, Italien, in der schmucken Uniform der Carabinieri, baute musikalischauf die eingängigen Rhythmen italienischer Ohrwürmer wie O sole Mio und Marina, Marina, bei denen Zuschauer und Richter aller Generationen insgeheim mitsingen konnten. Die Stärke des reichlich üppigen in Italien gezogenen Braunen v. Rohdiamant-Weltmeyer waren die geradezu inflationär gezeigten Piaffen und Passagen, aber auch vieles andere gelang gut: Zickzack-Traversalen im Trabe, gerade gesprungene Galoppwechsel etwa. Auf der Minusseite stand der klopfende Schenkel der Reiterin und die fast durchgehend hinter der Senkrechten befindliche Nase des Pferdes.

Isabell Werth auf El Santo wurde erst mit dem Ritt der Italienerin als letzte Starterin vom Treppchen verdrängt. Bis dahin hatte sie an dritter Stelle gelegen. Es spricht für die herausragenden Qualitäten von Reiterin und Pferd, wenn man mit Piaffen, die im glücklichen Fall etwas mau sind, im unglücklich nur ein hilfloses Getrippel, auf jeden Fall zu den schlechtesten des Tages gehörten, so weit nach vorne kommen kann. Aber an Schwung und Durchlässigkeit, demonstriert unter anderem durch die berühmte Werth-Lektion, Starker Galopp-anschließend Pirouette, macht den beiden keiner etwas vor. Der Braune fliegt dahin. Kein anderer zeigte Verstärkungen im Trab und Galopp, die so beherzt nach vorne geritten wurden und bei denen der Schwung so durch den ganzen Körper des Pferdes ging. Aber man darf sich nichts vormachen, es gibt außer den Pferden in Hertogenbosch mindestens fünf bis sechs auf der Welt, die El Santo aufgrund seine schlechten Piaffen nur schwer wird schlagen können.

Richard Davison (Großbritannien) bot (78,571, Platz fünf) auf dem 13-jährigen Florestan-Sohn Artemis eine uhrwerk-gleiche Vorführung, an der es wenig auszusetzen gab mit guten Piaffen und Passagen. Ein wenig brav und verhalten, aber nett anzusehen.

Hans Peter Minderhout auf Tango wollte das Weltcupfinale nutzen, um sich den niederländischen Olympiaselektoren zu empfehlen. Das gelang nur zum Teil, denn die Piaffen des zwölfjährigen KWPN-Fuchshengstes sind einfach (noch?) nicht gut genug. Letztlich waren Tango und El Santo die einzigen der 18 Pferde, die nicht einigermaßen vernünftig piaffierten. Der insgesamt korrekte Ritt litt auch unter der recht festen Anlehnung. (76,125, Platz sechs).

Nadine Capellmann und Girasol wurden mit 75,625 Prozent Siebte. Anders als im Grand Prix kam die Stute nicht mehr im Laufe des Rittes zu tief, aber nach wie vor weist der eingeklemmte und unruhige Schweif auf Spannungen in Rücken und Hinterhand hin, die sich bis zum unruhigen Maul fortsetzen. Zu einem Potpourri von Udo Jürgens-Songs imponierte die schöne Stute gleichwohl in den Verstärkungen, in den Piaffen und Passagen.

Patrik Kittel (Schweden) auf Toy Story lieferte einen sauberen Ritt ab, ohne große Fehler, wenn auch nicht ohne Spannungen, etwa in der doppelten Galopp-Piroette, abzulesen auch am unruhigen Maul und dem pinselnden Schweif. Piaffe und Passage gelangen taktmäßig, wenn auch nicht sehr ausdrucksvoll, mit flüssigen Übergängen. (75,482, Platz acht)

Die Schwedin Tinne Vilhelmson-Silfven saß auf einem der schönsten und meistversprechenden Pferde dieses Finales, Don Auriello, zehnjähriger Hannoveraner v. Don Davidoff-White Star. Der Ritt begann mit Jagdsignalen, tollen Trabverstärkungen und Trabtraversalen, die Piaffen hätten lebhafter sein können, und in den Passagen hätte man sich mehr Aktivität der Hinterhand gewünscht. Auch die doppelten Galopp-Piroetten wurden etwas im Zeitlupentempo gesprungen, dafür gelangen mehr als 20 Einerwechsel wie am Schnürchen. (Platz neun, 74,393 Prozent)

Lone Jörgensen auf dem eleganten De Vito v. De Niro-Disco-Stern, (Baden-Württemberg) wurde Zehnte mit 73,589 Prozent. Vieles gelang leicht und mühelos, wie die sehr schwierigen Zweier- und Einer-Galoppwechsel auf gebogener Linie, aber die Vorführung litt insgesamt unter der ständig rupfenden Hand der Reiterin.

Elf Reiter erhielten zwischen 79 und 71 Prozent, nur drei blieben darunter. Am unglücklichsten verlief der Tag für die Polin Katarzyna Milczarek, deren Schimmelhengst Ekwador an der Seite blutig gestochen war und die deswegen abgeläutet wurde. Wir wollen kein Blut am Pferd sehen, sagt Chefrichter Fouarge und es bleibt zu hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt.