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Der Olympiablog, aktuell aus Hongkong

Eyecatcher


Lesen Sie hier das Tagebuch von ST.GEORG Chefredakteurin Gabriele Pochhammer von den Reitwettbewerben der XXIX. Oympischen Spiele.
Gabriele Pochhammer  12.08.2008 21:22

Das Leben ist golden...

Es gibt Tage, da freut man sich ein Leben lang, dass man dabei gewesen ist. Heute war so ein Tag, …„so wunderschön wie heute...“, wollte die deutsche Kolonie am Rande der Arena schon anstimmen. Doch dann waren sie alle ganz schnell wieder still, auch das Häufchen Unentwegter auf der Tribüne, die mit ihren Fähnchen winkten. Denn es erklang die Nationalhymne für die deutsche Vielseitigkeitsmannschaft, für Hinrich Romeike, Ingrid Klimke, Andreas Dibowski, Frank Ostholt und Peter Thomsen.

Am Mast wurden die Fahnen hochgezogen, die deutsche in der Mitte, alle drehten sich hin, und der eine oder andere brummte auch den Text mit. Die Reiter standen auf dem Treppchen, die Pferde dahinter, ganz vorne Marius, ein Bein hinten eingeknickt, die Ohren locker hängend, als wollte er sagen, eigentlich gehöre ich doch längst ins Bett. Aber er musste noch ein bisschen ausharren, das half ja nun nichts, es gab ja noch die zweite Siegerehrung, für die Einzelwertung. Und dass da wieder ein deutscher Reiter ganz oben stand, das darf man als das Wunder von Hongkong bezeichnen. Die Nullrunden von Marius im Springparcours im Laufe seines Sportlerlebens kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen, aber gestern, da wusste das klügste aller Pferde, dass es darauf ankommt. Um uns auf die Folter zu spannen, ließ er es ein bisschen klappern hier und da, aber nur so, dass alles noch oben blieb. „Wir hatten schon für Marius die Seligsprechung beantragt“, sagte FN-Geschäftsführer Hanfried Haring, „aber jetzt müssen wir ihn wohl heilig sprechen“. Mindestens. Und ein Denkmal hat er auch verdient, oben in seiner Heimat Holstein, so wie Landgraf und Meteor.

Bei der Ehrenrunde zog Hinni dann die deutsche Fahne aus dem Ärmel und legte noch mal richtig zu. Das Fahnenschwenken bei der Ehrenrunde ist den Sportlern verboten. Aber solche Verbote müssen einfach unterwandert werden in solch einzigartigen Momenten.

Schon als mit Hinnis Ritt im Mannschaftsspringen nach einem Abwurf die Goldmedaille feststand, geriet die deutsche Abordnung am Abreiteplatz außer Rand und Band. Kaum war er aus dem Sattel geglitten, fielen sie über ihn her, umarmten ihn, bis ihm die Luft wegblieb, reichten ihn von einem zum anderen: Bundestrainer Hans Melzer, der sich die deutschen Farben ins Gesicht gemalt hatte, Co-Trainer Chris Bartle, der die Geländeritte der deutschen Reiter so akribisch vorbereitet hatte, die Springreiter standen da, die Dressurreiter, das ganze deutsche Aufgebot im Glücksrausch. Und zuhause, in der Zahnarztpraxis von Romeike, saß sein Team mit den Patienten vor dem Fernseher und trank Champagner. „Und warum gibt es hier nur Wasser?“ fragte der Olympiasieger bei der Pressekonferenz. Ansonsten fielen ihm zum ersten Mal in seinem Leben keine flotten Sprüche mehr ein. „Mein Herz ist voll, aber der Mund ist leer“ sagte er. Und: „Ich verdanke Marius alles, ohne mein Pferd wäre ich nichts.“ Wem da nicht ein Kloß im Hals saß, der hat ein Herz aus Stein. Und die Weltpresse staunte: Da saß kein Profi vor ihnen, der mit einem Stall voller Spitzenpferde den Sport zu seinem Broterwerb ausübt, sondern ein Zahnarzt, der erst Zeit zum Reiten hat, wenn er den Bohrer weggelegt hat. Der nicht mit einem Riesen-LKW zu Turnieren fährt, sondern mit einem Zweipferdehänger, so wie du und ich. Der letzte Amateur der Olympischen Spiele.

Noch einem wurde auf dem Abreiteplatz mächtig auf die Schulter geklopft: Jörg Naeve, der eingeflogene Spezialtrainer für Marius und Hinnis Psyche. Für schlappe 4000 Euro hatte er sich vorgestern ein Last-Minute-Ticket besorgt, um beim Springen zu assistieren. „Es war das Geld wert“, fand er und da widersprach ihm natürlich keiner. Auch Paul Schockemöhle, gerade angekommen, war zufrieden. Fast. „Ein paar Mal hätte ich mir ein bisschen mehr Luft zwischen den Pferdebeinen und der Stange gewünscht.“

Aber es gab natürlich nicht nur Hinni. Ingrid Klimke, die durch einen Abwurf im Springen auf Platz fünf zurückrutschte, strahlte wie immer. „Mit dem Mannschaftsgold habe ich meiner Tochter Greta das schönste Geschenk zur Einschulung gemacht“, sagte sie. Über ihr schwebt allerdings ein Damoklesschwert: Abraxxas soll verkauft werden. Dabei sind er und der andere Heraldik xx-Sohn des deutschen Teams, Leon von Andreas Dibowski, noch jung genug für die Olympischen Spiele in London 2012. Es ist übrigens das erste Mal, dass in einer deutschen Olympia-Vielseitigkeitsmannschaft zwei Pferde denselben Züchter haben, Friedrich Butt. Sowas gab es bisher nur in der Dressur: Herbert de Baey ist der Züchter der beiden westfälischen Olympiasieger Ahlerich und Rembrandt, Seoul 1988. Noch eine züchterische Anmerkung: Marius kommt aus derselben Zucht von Jens Ritters wie Classic Touch, mit der Ludger Beerbaum 1992 Einzelgold in Barcelona gewann.

Auch Mr. Medicott von Frank Ostholt ist noch jung genug für die nächsten Olympischen Spiele. Ostholt, der obwohl nach sehr gutem Parcours, Achter nach dem Mannschaftsspringen, nicht in der Einzelwertung starten durfte, war sichtlich enttäuscht. „Natürlich gönne ich meinen Mannschaftskameraden ihren Erfolg, aber weil mein Pferd sehr gut springt, hätte ich auch noch eine Medaillenchance gehabt.“ Mr. Medicott ist mit neun Jahren das jüngste Pferd des deutschen Aufgebots.

„Wir haben die Medaillen und diese nimmt uns niemand mehr weg“, rief Bundestrainer Hans Melzer seiner Frau Anne ins Handy, die zuhause im Vielseitigkeitsmekka Luhmühlen beim „Public Viewing“in der örtlichen Kneipe, der Kalesche, die Daumen gedrückt hatte. Er war klitschnass geschwitzt, kein Wunder bei 26 Grad und mehr als 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, und das abends um elf. Das Trauma von Athen kann nun begraben werden und die ersten Glückwünsche kamen von Bettina Hoy, der unglücklichen „Olympiasiegerin der Herzen“ von 2004. Morgen wird noch mal ein anstrengender Tag für das Goldteam. Mit Hans Melzer fliegen sie nach Peking, um dort der deutschen Presse vorgeführt zu werden. Denn schließlich haben die Vielseitigkeitsreiter mit einem Schlag die Goldmedaillenbilanz der Deutschen verdoppelt.

VIELSEITIGKEIT  12.08.2008 11:48

Alle Pferde durch Verfassung- es geht los

Nur gute Nachrichten:

Die fünf deutschen Pferde passierten problemlos die Verfassung, wenn auch Chefrichtrer Martin Plewa Mr. Medicott von Frank Ostholt zweimal vortraben ließ. Grenzwertig war das ok für Mcinlaigh von US-Reiterin Gina Miles, bisher auf Platz fünf.

Inzwischen ist auch Jörg Naeve aus Holstein eingetroffen, um seinen Freund Hinrich Romeike beim Springtraining zu unterstützen. „Es war toll mit Heiner Engemann, aber Jörgi kennt Marius doch am besten.“ Der hatte, als feststand, dass zwei Goldemdaillen möglich sind, kurzerhand angerufen: „Hinni, brauchst du mich? Ich komme.“ Und Bruder Volkert Naeve versicherte telefonisch: „Hinrich, ganz ruhig, ich schicke dir meinen besten Mann.“ Eine Emergency-Akkreditierung (für einen Tag) besorgte dasBegleitteam, nun muss Hinni nur noch reiten. Busch-Deutschland fiebert, in Luhmühlen ist public viewing angesagt.

Auf dem Weg der Besserung ist Keymaster, der 15-jährige Wallach des Schweden Magnus Gallerdahl. Er hatte sich einen Haarriss in der Fessel zugezogen, wahrscheinlich bei ungleicher Belastung beider Vorderbeine. Mit vier Schrauben wurde die Fissur befestigt, nach Auskunft von Chef-Veterinär Leo Jeffcott ist das Pferd auf den Beinen und kann morgen in den schwedischen Stall zurück gebracht werden. Einem weiteren Einsatz als Reitpferd stehe nichts im Wege, die Verletzung sei bei Rennpferden, vor allem bei Steeplern, nicht selten.

Die übrigens Pferde seien zwar mit erhöhtem Puls und zum Teil mit einer Temperatur von 42 Grad aus dem Gelände gekommen, aber nach spätestens 30 Minuten seien die Werte wieder normal gewesen. „Wir hatten wirklich Glück mit dem Wetter“, sagt Jeffcott, der seit zwei Jahren jedes mögliche Wetterszenario durchgespielt und entsprechende Tests gemacht hat. Nur bei der Generalprobe hat es so geschüttet, dass die ganze Anlage fast abgesoffen ist, am Geländetag selbst war das Wetter warm, aber völlig erträglich.

Gleich geht das Springen los, die Herren vom DOSB sind bereits eingetroffen und sitzen auf der VIP-Tribüne. „Ingrid, ich reite mit dir mit“, rief TV-Karsten Soestmeier Ingrid Klimke, bisher Platz zwei, noch zu. Da kann ich nur sagen: Bitte nicht!!

Gabriele Pochhammer  12.08.2008 09:06

Vom Wert der Wahrheit …

… und anderen Ungereimtheiten

Am morgen danach, nämlich nach dem Gelände, scheint zumindest im deutschen Lager alles ok. In einer Stunde beginnt die Verfassungsprüfung, nicht mehr dabei ist der Däne Peter Flarup, dessen Pferd Silver Ray gestern eine der schnellsten Geländerunden hinlegte, aber heute morgen nicht in Ordnung ist. Außerdem muss man sehen, wie sich Cavalier Royal, das Pferd der Britin Mary King, präsentiert, er wurde gestern nicht im LKW mit den anderen Pferden, sondern in der Ambulanz aus der Geländestrecke gebracht, steht aber heute auf der Liste.

Mit einer dreisten Lüge versuchte Parcourschef Mike Etherington-Smith gesternzu vertuschen, dass er entgegen dem Reglement noch zugelassen hat, das an der Geländestrecke nach Besichtigung durch Reiter und Ground Jury ein Hindernis noch verändert wurde. FEI-Präsidentin Prinzessin Haya verlangte, dass vor Sprung 18 auf der Grundlinie Steine durch Blumetöpfe ausgetauscht wurden. Etherington-Smith , grantelte ein bisschen, auch gegenüber der englischen Presse und tat, wie ihm geheißen. 2012 in London will die Präsidentin wieder selbst in den Springsattel steigen. In Sydney fiel sie bekanntlich im ersten Springen zweimal vom Pferd. So gesehen, kannes nur besser werden.

Übrigens: Die deutsche Olympiamannschaftsführung soll bereits Flüge für die Buschis nach Peking gebucht haben, damit sie - vielleicht gibt es ja eine? zwei? drei? Medaillen dort der deutschen Presse vorgeführt werden können. So ganz viel Grund zum Jubeln gibt es ja bisher noch nicht im deutschen Haus. So, jetzt geht’s zur Verfassung. Wie es da gelaufen ist, in zwei Stunden mehr.

Olympiablog  11.08.2008 18:12

Carpe diem

Man sollte den heutigen Tag mit seinem tollen Ergebnis für die deutschen Vielseitigkeitsreiter genießen, wer weiß, wie es morgen nach Verfassungsprüfung und Springen aussieht. Deswegen: Carpe diem - nutze den Tag, in diesem Fall zum Freuen. Alle haben fast alles richtig gemacht. Auch Petrus, den sollten wir rangordnungsmäßig mal als ersten erwähnen. Es goss nur zwischendurch mal und auch erst richtig, als die Pferde schon wieder unterwegs in die Ställe nach Sha Tin waren. Die deutschen Buschreiter haben gezeigt, dass der Erfolg von Athen kein Zufall war, sondern, wenn alle ganz fest die Daumen drücken, wiederholt werden kann. Daran mag man noch gar nicht denken!! Sportlich waren sie schon 2004 die Besten, und vielleicht sind sie es ja wieder.

Hinni legte den Ritt des Tages hin, die drittschnellste Runde, aber dies in einer Manier, die Maßstab sein kann für künftige Lehrbücher. Ich weiß, dass jetzt ST- Georg-Leser aus dem vorigen Jahrhundert aufmucken und sagen, so stand es schon in unseren Reitlehren - HDV 12 und so: Ziehen bringt nichts, quetschen bringt erst recht nichts. Stillsitzen, das Pferd seinen Rhythmus finden lassen, ihm sagen, ich bin da, wir kriegen das hin, das ist es. Eine zeitnahe Erklärung für die nach 1900 Geborenen: Jeder, der auf der Autobahn schon mal mit 200 an jemandem vorbei gespurtet ist, der mit 140 vor sich hin tuckelte, aber der auf der nächsten Abfahrt grinsend wieder hinter einem stand, weiß, was gemeint ist. Deswegen waren auch einige Reiter, die mächtig Gas gaben, aber immer wisder mächtig ziehen mussten, am Ende viel langsamer als Hinni und sein Marius. Ich hoffe, er fragt sich auch manchmal, wie er so ein Pferd verdient hat.

Hinni hat uns eine sogenannte Gänsehautrunde beschert, aber nicht die einzige: Mark Todd, die 52-jährige neuseeländische Vielseitigkeitslegende musste nicht nur als erster seines Teams auf den Kurs, sondern als erster überhaupt. Die Veranstalter konnten froh sein, dass so ein Klassereiter den Pfadfinder für alle anderen machte und zeigte: Leute es geht. Auch wenn er für mehr als eine Minute Zeitüberschreitung 27,20 Zeitstrafpunkte kassierte. Seine Teamkameraden dankten es ihm nicht. Vor allem sein langjähriger Weggefährt Andrew Nicholson mit Lord Killinghurst ritt wie ein Berserker. Das Pferd ist laut gut informierten Quellen mehr Viersterne-Prüfungen gegangen als jedes andere, aber das sah man ihm heute nicht an.. So lang wie das Amen in der Kirche ging er, das heißt, die Nase war schon im Ziel, der Schweif hatte gerade erst die Startbox verlassen - so kutschierte Nicholson über den Kurs, richtig schnell und richtig gefährlich. Der Abenteuer-Trip hatte am vorletzten Sprung ein abruptes Ende, kurzer Weg, schneller Sturz und Tschüss.

Immer wieder vermissen Leute das olympische Flair hier in Hongkong. Ich finde, sie haben total Unrecht. Bei welchem Turnier mit gerade mal sieben Prüfungen, verteilt auf zweieinhalb Wochen, wird so ein Bohei gemacht mit Security und anderen Behinderungen des vernünftigen Lebens? Dieser Schwachsinn ist Olympischen Spielen vorbehalten. So kämpfte der Mannschaftsarzt der deutschen Reiter, Manfred Giensch, mal wieder vergeblich um irgendwelche Zugänge zu irgendwelchen Bereichen. Macht ja nichts, wenn einer grade den Löffel weglegt, Hauptsache, er hat dabei die richtige Akkreditierung um den Hals und hält sich nicht gerade in verbotenen Gefilden auf.

Apropos verbotene Gefilde: Anders als bei sämtlichen Olympischen Spielen, die ich erlebt habe, es müssen circa sieben gewesen sein, wurde die Sicht auf die „Box“, in der die ankommenden Pferde versorgt werden, durch vier Meter hohe Blenden versperrt, nicht nur die Kameras des (zahlenden) ZDF, auch freie Fotografen, wurden daran gehindert zu fotografieren.. Angeblich um die „Privatsphäre“ der Pferde zu schützen. Nun habe ich noch nie ein Pferd erlebt, dass sich über die Verletzung seiner Privatsphäre beschwert hätte. Sollten vielleicht vorsorglich erschöpfte Pferde den Blicken der Öffentlichkeit entzogen werden? Davon ist auszugehen. Und insofern sind auch alle Beteuerungen von Veterinären, dass es den Pferden gut gegangen sei, das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind. Man kann es ja nicht durch Augenschein überprüfen, insofern gehört die ganze Aktion unter die Rubrik Tarnen, Täuschen und Lügen und wir glauben erstmal gar nichts. Da haben die FEI-Funktionäre bemerkenswert schnell gelernt von den Sitten, die in China herrschen. PS: Auch nach mehrmaligem Nachfragen war keine Stellungnahme der Polizei zu den Verhaftungen von Demonstranten für die Freiheit Tibets zu erlangen. Es soll allen gut gehen, da sind wir aber beruhigt!

Gabriele Pochhammer  10.08.2008 16:39

Vom Minutenschlaf, von gut gelaunten Dressurreiterinnen und französischen Märchenerzählern

Man kann hier so einiges lernen, zum Beispiel sich den Schlaf abzugewöhnen. Vier Stunden, mehr sind eigentlich nie drin gewesen bisher - geht auch. Vorausgesetzt man adaptiert die chinesische Angewohnheit des „Minutenschlafs“: Kaum sitzen wir im Bus, fallen allen die Augen zu.Und gehen erst wieder auf, wenn die Bustür zischt.

Bis spät in die Nacht ist Leben auf der Straße, die Leute sitzen draußen und essen, es ist lauwarm, kein Regen mehr, eigentlich sehr angenehm. Angenehmer jedenfalls als im Pressezentrum, wo es wie Hechtsuppe zieht und man bei gefühlten minus fünf Grad (O-Ton Julia Rau, unsere Fotografin) bibbert. Da reicht inzwischen auch kein Pullover mehr, sondern man muss sich ab und zu draußen aufwärmen. Leider lässt sich die Anlage nämlich nicht regulieren, also entweder ganz aus oder volle Pulle.

Auch wenn das Essen in den kleinen Straßenrestaurants eher schlicht serviert wird, (statt Servietten wird eine Klorolle auf den Tisch geknallt), hat’s doch gut geschmeckt. Ich habe mich an Fisch gehalten, da wusste ich wenigstens, dass es kein Hund war. Meine Kollegin Donata meint nämlich, einiges, was da so im Fenster der Restaurants hängt, ähnele verdammt ihrem Jack Russell Klara.

Nicht nur die Buschreiter, die in wenigen Stunden ins Gelände gehen, sind gut drauf, auch die Dressurreiterinnen, die FN-Pressemann Peiler heute für uns unter einem Sonnenschirm zusammengetrieben hat. Leitwölfin Isabell Werth verbreitet gute Stimmung, das ist ja schon mal die halbe Miete. Alle Pferde sind problemlos durch die Verfassung, nur ein brasilianisches Pferd muss noch mal wiederkommen.

Reservistin Monica Theodorescu ist tapfer und wird dafür von allen ganz doll gelobt. Kein Gemaule wegen der Schikanen mit beschränkten Zugängen zu allem und jedem, professionell halt. Auch Springreservist Heinrich Hermann Engemann hat sich mit seinem Schicksal abgefunden und eine neue Aufgabe übernommen: Er hilft den Buschreitern beim Springtraining, und zwar nicht nur Hinni Romeike, der auf seinen Privattrainer Jörg Naeve diesmal verzichten muss. „Alle fünf können’s gebrauchen“, sagt Heiner Engemann. Er kennt sich übrigens aus im Busch, hat als Junger Reiter die Deutsche Meisterschaft in Schenefeld mitgeritten.

Auch die Springreiter seit heute nicht mehr führungslos, Leitwolf Ludger Beerbaum ist eingetroffen mit Freundin Randy, unter deren schwarzem T-Shirt sich schon ein niedliches Babybäuchlein wölbt. Ludger war allerbester Dinge, vor allem weil die Akkreditierung und der Transfer zum Hotel so prima geklappt hatten. „In einer Stunde waren wir aus dem Flieger und hier“, sagte er fröhlich. Als sechsfacher Olympier kann man da nämlich auch ganz andere Geschichten erzählen.

Das Reiterhotel um die Ecke, Olympisches Dorf genannt, muss eigentlich inzwischen ausgestorben sein. Alle ziehen sie ins Medienhotel um, jeder, der einen Partner oder eine Partnerin mitgebracht hat. Denn im „Dorf“ herrschen strenge Sitten. Selbst das australischeVielseitigkeits-Ehepaar Fredericks musste ziemlich lange diskutieren, bevor man sie zusammen nächtigen ließ. Und außerdem gibt es im Medienhotel, wie bereits berichtet, eine Bar, in der auch schon Bundestrainer Kurt Gravemeier tanzend auf dem Tisch beobachtet wurde.

Das Mitleid mit den Franzosen, die nach dem Ausfall ihrer beiden besten Militarypferde so gut wie chancenlos sind, ist natürlich immer noch tief empfunden, aber inzwischen glaubt kein Mensch mehr die Story von dem Schimmel von Europameister Nicholas Touzaint, der aus Angst bei einem Gewitterregen in der Box gestürzt sein und sich dabei am rechten Sprunggelenk verletzt haben soll. Erstens gab es zur fraglichen Zeit gar kein Gewitter und zum anderen wird wohl keine Pflegerin der Welt so nachlässig sein, den Tierarzt oder Reiter nicht zu rufen, wenn eines der wertvollsten Vielseitigkeitspferde der Welt in der Box stürzt. Zumindest wäre es sträflicher Leichtsinn. Angeblich wurde erst nachmittags, einen halben Tag später, bemerkt, dass mit dem Pferd etwas nicht stimmte. Pierre Durand, der Springreiter-Olympiasieger von 1988, der hier mit einem Fernsehteam vor Ort ist, hat eine andere Version parat: Beide Pferde, außer Galan de Sauvagère auch Espoir de la Mare von Jean Teleure, seien bereits angeschlagen in Hongkong angekommen. „Sie waren einfach nicht fit.“

Den Eindruck hatten auch noch andere Leute, die die beiden Pferde beim Training gesehen haben. Aber die Reiter und die Mannschaftsführung geben nichts preis, was Durand, den früheren Präsidenten der französischen FN, verständlicher weise ziemlich ärgert. Übrigens dürfen sie jetzt wieder Pierre zu ihm sagen, im Amt bevorzugte er die Anrede „Monsieur le president“.

Heute abend hatten wir die Qual der Wahl zwischen zwei Partys: Dschunkenfahrt im Hafen oder Empfang im Jockeyclub. Julia stieg in die Dschunke, Donata und ich gingen zum Empfang, Hafenrundfahrt kommt später. Der Jockeyclub ist sozusagen der Gastgeber der olympischen Reitwettbewerbe, Geschäftführer Winfried Engelbert-Bresges, der den Chinesen im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe begegnet, hatte ein phantastisches Buffet auffahren lassen. Ein chinesische Maskentänzer wirbelte auf der Bühne und zu etwas späterer Stunde schlug auch noch FEI-Präsidentin Prinzessin Haya auf. Gereicht wurde unter anderem ein Drink in abenteuerlichem Türkis mit dem verheißungsvollen Namen „You can do it.“ Wir haben alle mehrere Gläser davon getrunken. Wer weiß, wozu es gut ist.

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