Es gibt Tage, da freut man sich ein Leben lang, dass man dabei gewesen ist. Heute war so ein Tag, …„so wunderschön wie heute...“, wollte die deutsche Kolonie am Rande der Arena schon anstimmen. Doch dann waren sie alle ganz schnell wieder still, auch das Häufchen Unentwegter auf der Tribüne, die mit ihren Fähnchen winkten. Denn es erklang die Nationalhymne für die deutsche Vielseitigkeitsmannschaft, für Hinrich Romeike, Ingrid Klimke, Andreas Dibowski, Frank Ostholt und Peter Thomsen.
Am Mast wurden die Fahnen hochgezogen, die deutsche in der Mitte, alle drehten sich hin, und der eine oder andere brummte auch den Text mit. Die Reiter standen auf dem Treppchen, die Pferde dahinter, ganz vorne Marius, ein Bein hinten eingeknickt, die Ohren locker hängend, als wollte er sagen, eigentlich gehöre ich doch längst ins Bett. Aber er musste noch ein bisschen ausharren, das half ja nun nichts, es gab ja noch die zweite Siegerehrung, für die Einzelwertung. Und dass da wieder ein deutscher Reiter ganz oben stand, das darf man als das Wunder von Hongkong bezeichnen. Die Nullrunden von Marius im Springparcours im Laufe seines Sportlerlebens kann man wahrscheinlich an zwei Händen abzählen, aber gestern, da wusste das klügste aller Pferde, dass es darauf ankommt. Um uns auf die Folter zu spannen, ließ er es ein bisschen klappern hier und da, aber nur so, dass alles noch oben blieb. „Wir hatten schon für Marius die Seligsprechung beantragt“, sagte FN-Geschäftsführer Hanfried Haring, „aber jetzt müssen wir ihn wohl heilig sprechen“. Mindestens. Und ein Denkmal hat er auch verdient, oben in seiner Heimat Holstein, so wie Landgraf und Meteor.
Bei der Ehrenrunde zog Hinni dann die deutsche Fahne aus dem Ärmel und legte noch mal richtig zu. Das Fahnenschwenken bei der Ehrenrunde ist den Sportlern verboten. Aber solche Verbote müssen einfach unterwandert werden in solch einzigartigen Momenten.
Schon als mit Hinnis Ritt im Mannschaftsspringen nach einem Abwurf die Goldmedaille feststand, geriet die deutsche Abordnung am Abreiteplatz außer Rand und Band. Kaum war er aus dem Sattel geglitten, fielen sie über ihn her, umarmten ihn, bis ihm die Luft wegblieb, reichten ihn von einem zum anderen: Bundestrainer Hans Melzer, der sich die deutschen Farben ins Gesicht gemalt hatte, Co-Trainer Chris Bartle, der die Geländeritte der deutschen Reiter so akribisch vorbereitet hatte, die Springreiter standen da, die Dressurreiter, das ganze deutsche Aufgebot im Glücksrausch. Und zuhause, in der Zahnarztpraxis von Romeike, saß sein Team mit den Patienten vor dem Fernseher und trank Champagner. „Und warum gibt es hier nur Wasser?“ fragte der Olympiasieger bei der Pressekonferenz. Ansonsten fielen ihm zum ersten Mal in seinem Leben keine flotten Sprüche mehr ein. „Mein Herz ist voll, aber der Mund ist leer“ sagte er. Und: „Ich verdanke Marius alles, ohne mein Pferd wäre ich nichts.“ Wem da nicht ein Kloß im Hals saß, der hat ein Herz aus Stein. Und die Weltpresse staunte: Da saß kein Profi vor ihnen, der mit einem Stall voller Spitzenpferde den Sport zu seinem Broterwerb ausübt, sondern ein Zahnarzt, der erst Zeit zum Reiten hat, wenn er den Bohrer weggelegt hat. Der nicht mit einem Riesen-LKW zu Turnieren fährt, sondern mit einem Zweipferdehänger, so wie du und ich. Der letzte Amateur der Olympischen Spiele.
Noch einem wurde auf dem Abreiteplatz mächtig auf die Schulter geklopft: Jörg Naeve, der eingeflogene Spezialtrainer für Marius und Hinnis Psyche. Für schlappe 4000 Euro hatte er sich vorgestern ein Last-Minute-Ticket besorgt, um beim Springen zu assistieren. „Es war das Geld wert“, fand er und da widersprach ihm natürlich keiner. Auch Paul Schockemöhle, gerade angekommen, war zufrieden. Fast. „Ein paar Mal hätte ich mir ein bisschen mehr Luft zwischen den Pferdebeinen und der Stange gewünscht.“
Aber es gab natürlich nicht nur Hinni. Ingrid Klimke, die durch einen Abwurf im Springen auf Platz fünf zurückrutschte, strahlte wie immer. „Mit dem Mannschaftsgold habe ich meiner Tochter Greta das schönste Geschenk zur Einschulung gemacht“, sagte sie. Über ihr schwebt allerdings ein Damoklesschwert: Abraxxas soll verkauft werden. Dabei sind er und der andere Heraldik xx-Sohn des deutschen Teams, Leon von Andreas Dibowski, noch jung genug für die Olympischen Spiele in London 2012. Es ist übrigens das erste Mal, dass in einer deutschen Olympia-Vielseitigkeitsmannschaft zwei Pferde denselben Züchter haben, Friedrich Butt. Sowas gab es bisher nur in der Dressur: Herbert de Baey ist der Züchter der beiden westfälischen Olympiasieger Ahlerich und Rembrandt, Seoul 1988. Noch eine züchterische Anmerkung: Marius kommt aus derselben Zucht von Jens Ritters wie Classic Touch, mit der Ludger Beerbaum 1992 Einzelgold in Barcelona gewann.
Auch Mr. Medicott von Frank Ostholt ist noch jung genug für die nächsten Olympischen Spiele. Ostholt, der obwohl nach sehr gutem Parcours, Achter nach dem Mannschaftsspringen, nicht in der Einzelwertung starten durfte, war sichtlich enttäuscht. „Natürlich gönne ich meinen Mannschaftskameraden ihren Erfolg, aber weil mein Pferd sehr gut springt, hätte ich auch noch eine Medaillenchance gehabt.“ Mr. Medicott ist mit neun Jahren das jüngste Pferd des deutschen Aufgebots.
„Wir haben die Medaillen und diese nimmt uns niemand mehr weg“, rief Bundestrainer Hans Melzer seiner Frau Anne ins Handy, die zuhause im Vielseitigkeitsmekka Luhmühlen beim „Public Viewing“in der örtlichen Kneipe, der Kalesche, die Daumen gedrückt hatte. Er war klitschnass geschwitzt, kein Wunder bei 26 Grad und mehr als 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, und das abends um elf. Das Trauma von Athen kann nun begraben werden und die ersten Glückwünsche kamen von Bettina Hoy, der unglücklichen „Olympiasiegerin der Herzen“ von 2004. Morgen wird noch mal ein anstrengender Tag für das Goldteam. Mit Hans Melzer fliegen sie nach Peking, um dort der deutschen Presse vorgeführt zu werden. Denn schließlich haben die Vielseitigkeitsreiter mit einem Schlag die Goldmedaillenbilanz der Deutschen verdoppelt.