Heute sollte der Tag eigentlich ruhig anlaufen, erst heute abend steht die Mannschafts-Entscheidung in der Dressur auf dem Programm und das sieht ja ausgesprochen gut für die Deutschen aus: Heike brillant, die ersten beiden Holländer unter Form, da hat Anky einiges aufzuholen. Aber man muss ja auch noch mal sehen, wie Elvis und Satchmo ihre Sache machen.
Ausschlafen ging trotzdem nicht – in der Regel kommt hier keiner vor zwei Uhr nachts ins Bett – um acht Uhr mussten die Springpferde zur Verfassung antreten. Gleich im Anschluss daran baten die deutschen Springreiter zum Interview, es sei der einzige Zeitpunkt, an dem sie noch mal alle zusammen seien, so Pressesprecher Dennis Peiler. Und da hat Bundestrainer Kurt Gravemeier doch gestaunt, dass sich fast die gesamte deutsche Journalistenriege pünktlich unterm Sonnenschirm einfand. Obwohl es nicht viel zu berichten gibt, natürlich geht es allen Pferden gut und wenn es nicht so wäre, würde man es uns schwerlich auf die Nase binden.
Ob der Erfolg der Buschreiter sie motiviert hat? „Wir sind sowieso hochmotiviert. Natürlich haben wir uns mit den Buschreitern mitgefreut, aber das sind doch Märchenerzähler, die behaupten, das würde uns jetzt besonders motivieren. Das sind wir sowieso,“ sagte Ludger Beerbaum, ein bisschen, naja, kratzbürstig. Und Schwägerin Meredith bekräftigt: „Wir konzentrieren uns auf uns selbst, gucken nicht, was die anderen machen.“
Immerhin, bei Olympia sind schon die dollsten Sachen passiert, das weiß keiner besser als Ludger Beerbaum. Da erinnert er sich besonders gerne an die Spiele 1992 in Barcelona: Im Nationenpreis riss seine Hackamore-Kette, er konnte gerade noch vom Pferd springen, bevor Classic Touch volle Fahrt aufgenommen hatte. Sofort blieb die Holsteiner Stute stehen, unvergessen das Bild, wie Beerbaum gesenkten Hauptes mit seinem Pferd, das hinter ihm her trottete wie ein Hund, das Stadion verließ. Drei Tage später war er Olympiasieger, hatte sich in letzter Minute noch qualifizieren können, in einer zweiten Wertung als 44. von 45. Und im Finale selbst wurde der haushohe Favorit Jos Lansink Opfer eines Gewitterregens, der vor der Mauer einen See hinterlassen hatte, Egano blieb stehen. Beerbaum: „Ich ritt bei Sonnenschein, da war alles schon wieder trocken. Und dann hatte ich noch Glück, dass ich im Stechen, wo die Startfolge ausgelost wurde, als letzter Reiter dran war und sehen konnte, dass man Tempo machen musste. Gerade bei Olympia stehen nachher oft Reiter vorne, die keiner auf der Liste hatte.“
Auch die anderen Pferde bei der Verfassung sahen gut aus, Karsten Huck, Trainer des chinesischen Reiters Bin Zhang, war etwas ärgerlich, als sein Schützling erst eine Viertelstunde vor Beginn der Verfassungsprüfung im Stall eintrudelte, er selbst war bereits seit 7 Uhr vor Ort. Die einzige, die ihr Pferd nicht selbst vorführte, war übrigens die Reiterin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Latifah al Maktoum. Sie ließ ihr Pferd Kalaska de Semilly (v. Diamant de Semilly) von einem Angestellten vortraben. Ob das Mädel, eine Verwandte von FEI-Präsidentin Haya, verschlafen hatte oder nicht wusste, wie man ein Pferd vorführt (in diesem Fall sei ein Kurs für Jungzüchter empfohlen), war nicht heraus zu bekommen. Aber reiten soll sie doch noch selbst, habe ich gehört.
Ich habe heute zum ersten Mal ein Lunch in einer der Garküchen probiert: Helle Klöße gefüllt mit undefinierbarer aber köstlicher Füllung, gleich um die Ecke vom Hotel. Für sage und schreibe einen Euro, zehn Honkong-Dollar! Hier gibt es tausender solcher kleiner Imbissrestaurants, sie sind vom frühen Morgen an gefüllt, weil die Wohnungen hier meist so winzig sind, dass auf Küchen verzichtet wird und die Leute dreimal am Tag essen gehen. Obwohl die Chinesen den ganzen Tag zu essen scheinen, auch die Volunteers im Reitstadion, sieht man kaum Dicke. Dick werden sie erst, wenn sie ein paar Monate in Europa trainiert haben, heißt es.
Weil man sich aber trotzdem viel weniger bewegt als zu Hause und hier im Pressezentrum immer süße fette Kekse rumliegen, schalte ich hin und wieder einen Workout im Fitness-Room ein. Auch interessant, wer da so alles seinen Body buildet. Der verhinderte französische Buschfavorit Nicholas Touzaint zum Beispiel stierte ziemlich frustiert auf den Fernseher mit Olympiaprogramm aus Peking, während er die Pedale trat. Oder Beat Mändli, der Schweizer Springreiter, der ebenfalls nur zu Fuß dabei ist, weil sein Pferd Ideot du Thot in der Quarantäne in Aachen lahm wurde. Informierte Kreise wissen zu berichten, dass es schon vorher nicht in Ordnung war, man wollte versuchen, es noch während der Quarantäne fit zu kriegen, was nicht klappte. Es rückte aber nicht Daniel Etter mit Peu à Peu nach, sondern Pius Schwyzer mit Nobless, genau jener Stute, die in Aachen auf zehn Meter an keinen Wassersprung ranging. Das macht sie aber nur auf Rasen, heißt es, auf Sand nie. Bin mal gespannt. Mändli also trainierte intensiv an der Maschine, mit der man eine tolle Taille kriegen soll. Nach ihm kam ein betagter Funktionär, als ich schließlich meine Bemühungen an dem Gerät aufnahm, steckte der Stab auf Höchstgewicht, 190 Kilo. Angeber.
Apropos Gewicht, während ich mich auf dem Laufband abmühte, sah ich im TV eine kleine Chinesin in der 49-Kilo-Klasse das Gewicht mehrer Säcke Hafer hochstemmen. Dafür kriegte sie eine Goldmedaille. Am meisten freue sie sich auf zuhause, sagte sie später. Sie habe ihre Eltern in den letzten vier Jahren genau sechs Tage gesehen.
Die Zeitungen berichten viel, vom Reitsport allerdings nicht besonders nett. Am Tag nach der Vielseitigkeitsdressur wurden vor allem auf der Tribüne schlafende Chinesen gezeigt, im Gelände Leute, die sich beschwerten, dass sie so früh aufstehen mussten und dass es soviel regnete. Dafür bieten die amerikanischen und die chinesischen Zeitungen interessante Blickwinkel aus verschiedenen Richtungen. Während die Chinesen den Medaillenspiegel nach üblicher Aufstellung (erst Gold, dann Silber, dann Bronze) abdrucken, da liegen sie vorne, wir auf Platz vier, druckt US-Today die Gesamtzahl der Medaillen ab, und da führen die Amis, wir auf Platz sechs. Die erste gefällt mir besser. Außerdem gibt es wütende Kontroversen in den Zeitungen um die chinesischen Turnerinnen. Manche der kleinen Athletinnen hätten noch Zahnlücken, was darauf schließe, dass die Milchzähne gerade erst ausgefallen sind, die neuen Zähne noch nicht geschoben haben. Das würde heißen, dass sie höchstens zehn Jahre alt sind. Die haben Sorgen, gucke ich mir die Reiter an, etwa den 67-jährigen Kanadier Ian Millar oder den 61-jährigen Dressurreiter Hiroshi Hoketsu, da stellt sich nicht die Frage, ob erste oder zweite Zähne, sondern ob zweite oder dritte.
Bis später!