Wir sitzen hier im Medienhotel, Taifun Noria hat uns in Geiselhaft genommen. Der Regen peitscht gegen die Scheiben, die Bäume biegen sich horizontal, der Wind pfeift durch die Hotelhalle - zuguterletzt hat er uns doch noch erwischt, der Taifun, von dem alle seit drei Jahren reden. Zum Glück ist das letzte Pferd über die Ziellinie, jetzt stehen sie in ihren Ställen und warten auf besseres Wetter. Kein Auto ist mehr auf der Straße, dauernd fällt krachend irgendwas um, der gesamte Flugverkehr ist gestoppt, auch unser Flieger ist gar nicht erst in Frankfurt losgeflogen. Heute abend sollen wir um elf am Airport sein, wenn das Wetter nicht besser wird, werden wir wohl noch morgen früh dort sitzen. Ist mir lieber, als den Sturmvogel zu spielen.
Das Wetter passt, Sonnenschein wäre ein Hohn für die Verfassung, in der hier alle sind. Enttäuschung und Wut über die vier Doping- beziehungsweise Medikationsfälle, die hier wie zuhause in Deutschland die Springsportfans erschüttert. Und dafür sorgten, dass sich eigentlich kein Mensch mehr für das Einzelspringen interessierte.
Und schon hört man hinter vorgehaltener Hand: Das waren ja schließlich erst die Proben vom ersten Umlauf. Das sei nur der Anfang gewesen, ist aus den Reihen der FEI zu hören, ganz inoffiziell natürlich. Man sollte vielleicht künftig Medaillen nur noch provisorisch vergeben. Es kann Anfang Oktober werden, bis alle Dopingproben ausgewertet sind, alle Anhörungen durch sind und die Schweizer wissen, ob sie nun doch noch Bronze kriegen,.
Zurück zu gestern. Gegen Mittag kriegten wir einen Anruf, wir sollten doch mal rausfahren ins Reitstadion, da gäbe es Neues. Normalerweise fuhren wir immer erst nachmittags, weil die Prüfungen erst abends um sieben anfingen. Wir also dahin, erstmal nichts rauszukriegen. Wir treffen Dennis Peiler, den netten FN-Pressesprecher: „Gibt’s was Neues?“ „Ich brauche noch eine Stunde, gebt mir noch ein bisschen Zeit.“ Also war was und zwar mit einem deutschen Reiter. Ich drucke mir die Starterliste aus, Christian Ahlmann fehlt. Aha. Schnell eine Meldung gemacht, Genaueres gibt’s später. Kommt ein US-Kollege mit einer Liste mit mehreren Namen - warum die alle von der Starterliste gestrichen seien. Keine Ahnung.
Inzwischen veröffentlicht die FN auf ihrer Seite die Meldung von der positiven Dopingprobe bei Cöster, Christian Ahlmanns Pferd. Dennis kommt, die deutschen Verbandsoberen wollen uns sprechen und den deutschen Journalisten alles erklären. Wo können wir in Ruhe sitzen? Eigentlich nirgendwo, überall hektisches Gewusel. Schließlich bietet uns Petra, die deutsche Leiterin des News Service, ihr winziges Büro an, eilig besorgt sie ein paar Stühle, etwa 20 Leute quetschen sich in den zehn Quadratmeter kleinen Raum. Es darf nicht gefilmt werden, die Kameras müssen auf dem Flur warten. Es kommen Delegationsleiter Reinhard Wendt, Mannschaftstierarzt Dr. Björn Nolting, Ausschussvorsitzender Peter Hofmann und FN-Generalsekretär Dr. Hanfried Haring, die Gesichter versteinert. In dürren Worten erklärt Wendt den Ablauf, wann die Probe genommen wurde, wann wer informiert wurde etc. Christian Ahlmann sitzt längste im Flieger nach Hause, lässt ausrichten, dass er erstmal nichts sagt. Ob er da schon weiß, dass er den ganzen Aufenthalt für sich und sein Pferd, den Flug von Cöster, jetzt selbst bezahlen muss - soll sich um eine fünfstellige Summe handeln. Nolting erklärt den Wirkstoff Capcaicin, Stichwort Chilischote, kann so oder so verwendet werden. Durchblutungsfördernd und schmerzstillend, zur Lockerung von Muskeln, aber auch zur Übersensibilisierung der Haut. Stichwort chemisches Barren. Ein Pferd, dessen Beine dergestalt künstlich schmerzempfindlich gemacht werden, wird sich hüten, eine Stange zu berühren. Mir ist schon klar, für was Ahlmann und wie sich später herausstellt, drei weitere Reiter, das Zeug verwendet haben wollen, natürlich nur zu Muskelmassage…..Feststellen lässt sich das ja ohnehin nicht mehr, die „illegale“ Substanz wurde ja nicht im Fell, sondern in Blut beziehungsweise Urin gefunden. Außerdem ist das Zeug sehr flüchtig, nur kurze Zeit nachzuweisen und wird erst seit zwei Jahren gefunden. Da hat wohl niemand bedacht, dass es in Hongkong vom Stall bis zum Dopinglabor nur ein paar hundert Meter sind, so schnell verflüchtigt sich da nix.
Die Enttäuschung bricht aus Peter Hofmann heraus: „Wir Ehrenamtlichen setzten uns ein bis zum Umfallen, und dann das!“ Was die Leute mit ihren fiesen Manipulationen anrichten, wie das auf Sponsoren und Fans wirkt, daran denken sie mit ihren Spatzenhirnen ja nicht. FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau ist untergetaucht nach der Besprechung im Stall, erst abends sieht man ihn wieder und man sieht ihm an, dass er keinen guten Tag hatte.
Wir bahnen uns den Weg zurück ins Pressezentrum, vorbei an zig TV-Kameras und Mikrophonen. Um 18 Uhr Pressekonferenz der FEI. Vizepräsident Sven Holmberg spricht von einem „Trend“, weil alle vier erwischten Reiter, die sofort von Einzelspringen suspendiert wurden, dasselbe Mittel verwendet haben. Eine Stunde später Pressekonferenz der Iren. Denis Lynch, einer der Erwischten, mit Mannschaftstierarzt, und zwei Verbandsmenschen. Der Tierarzt hat vor sich eine schwarzweiße Dose, „Equipack“ steht darauf, und die Salbe enthält besagtes Capcaicin. Und natürlich, was habe ich gesagt, hat Lynch das Zeug angeblich nur genommen, um den Rücken seines Pferdes zu behandeln….Außerdem sei es überhaupt nicht ätzend, sondern, wir dürften das gerne ausprobieren und mal reinfassen, nur durchblutungsfördernd. Wir verzichten dankend. Der Tierarzt hat von der Sache natürlich nichts gewusst, Lynch ist den Tränen nahe, er hätte die FEI angefleht, ihn reiten zu lassen. Wir googeln Equiback: Macht keinen Schorf, keien Bläschen und wird nicht positiv getestet, steht da. Ob wohl jetzt einer den Hersteller verklagt?
Für das Einzelspringen interessiert sich kaum einer mehr, schade für die, die dabei sind und ihre Pferde nicht mit Mittelchen über die Sprünge geholfen haben, wenn es sie denn gibt. Bei der abschließenden Pressekonferenz wird der Sieger, der Kanadier Eric Lamaze auch nach seiner Vergangenheit gefragt, er ist mehrfach mit Koks erwischt worden. „Ich hoffe, ich werde das heute zum letzten Mal gefragt“, sagt er, „aber dass ich da herausgefunden habe, verdanke ich meinen Pferdebesitzern und Freunden, die zu mir gehalten hätten. Sonst säße ich nicht hier.“ Irgendwie erscheint selbst dieses Vergehen harmlos gegenüber dem was offenbar manchen (vielen? fast allen? allen?) Springpferden angetan wird. Obwohl es natürlich nicht harmlos ist!
An einem Tisch neben dem Podium sitzt Prinzessin Haya, ihre Akkreditierung hat ein Leibwächter um den Hals. Sieht witzig aus, der bullige Typ mit dem hübschen Foto, das definitiv nicht er ist. An Hayas Gesicht ist deutlicher als irgendwo anders abzulesen, wie weit es mit dem olympischen Springsport gekommen ist. Fröhlich, mit einem strahlenden Lachen, so sah man sie zu Beginn der Spiele. Das Lachen ist ihr vergangen, sie schaut ganz ernst und selbst ein Lächeln scheint ihr schwerzufallen. Denn sie als IOC-Mitglied weiß auch, dass die olympische Zukunft des Pferdesport so düster ist wie nie.
Nach der letzten Pressekonferenz beginnt ganz schnell das große Aufräumen, Zettel werden weggeworfen, Computer abgebaut. Ich gehe als letztes mit Petra und Anja, unsere beiden deutschen Engel in der Pressestelle, die so vieles Unmögliche möglich gemacht und sich nie aus der Ruhe haben bringen lassen. Danke, danke danke! Im Hotel noch schnell ein Blick in die Bar, da feiern die Kanadier ihre zweite Medaille, es sei ihnen gegönnt, ein letztes Bier, ein letzter Tanz und Tschüss Hongkong. Vielen Dank für die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft. Das Ende mit Schrecken haben andere zu verantworten.
Ich sage auch Tschüss mit meinem Blog, alles weitere, viele Bilder, Analysen und Ergebnisse sind im neuen ST. GEORG zu finden. Also schnell hin zum Kiosk, bessern noch einAbo besorgen. Und übrigens: Es geht weiter, in 14 Tagen steigt das Bundeschampionat in Warendorf, von dort aus hält sie Jan Tönjes und sein Team auf dem Laufenden. Also immer mal wieder reingucken!!