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Der Olympiablog, aktuell aus Hongkong

Eyecatcher


Lesen Sie hier das Tagebuch von ST.GEORG Chefredakteurin Gabriele Pochhammer von den Reitwettbewerben der XXIX. Oympischen Spiele.
Springen  22.08.2008 09:06

Ende mit Schrecken

Wir sitzen hier im Medienhotel, Taifun Noria hat uns in Geiselhaft genommen. Der Regen peitscht gegen die Scheiben, die Bäume biegen sich horizontal, der Wind pfeift durch die Hotelhalle - zuguterletzt hat er uns doch noch erwischt, der Taifun, von dem alle seit drei Jahren reden. Zum Glück ist das letzte Pferd über die Ziellinie, jetzt stehen sie in ihren Ställen und warten auf besseres Wetter. Kein Auto ist mehr auf der Straße, dauernd fällt krachend irgendwas um, der gesamte Flugverkehr ist gestoppt, auch unser Flieger ist gar nicht erst in Frankfurt losgeflogen. Heute abend sollen wir um elf am Airport sein, wenn das Wetter nicht besser wird, werden wir wohl noch morgen früh dort sitzen. Ist mir lieber, als den Sturmvogel zu spielen.

Das Wetter passt, Sonnenschein wäre ein Hohn für die Verfassung, in der hier alle sind. Enttäuschung und Wut  über die vier Doping- beziehungsweise Medikationsfälle, die hier wie zuhause in Deutschland die Springsportfans erschüttert. Und dafür sorgten, dass sich eigentlich kein Mensch mehr für das Einzelspringen interessierte.

Und schon hört man hinter vorgehaltener Hand: Das waren ja schließlich erst die Proben vom ersten Umlauf. Das sei nur der Anfang gewesen, ist aus den Reihen der FEI zu hören, ganz inoffiziell natürlich. Man sollte vielleicht künftig Medaillen nur noch provisorisch vergeben. Es kann Anfang Oktober werden, bis alle Dopingproben ausgewertet sind, alle Anhörungen durch sind und die Schweizer wissen, ob sie nun doch noch Bronze kriegen,.

Zurück zu gestern. Gegen Mittag kriegten wir einen Anruf, wir sollten doch mal rausfahren ins Reitstadion, da gäbe es Neues. Normalerweise fuhren wir immer erst nachmittags, weil die Prüfungen erst abends um sieben anfingen. Wir also dahin, erstmal nichts rauszukriegen. Wir treffen Dennis Peiler, den netten FN-Pressesprecher: „Gibt’s was Neues?“ „Ich brauche noch eine Stunde, gebt mir noch ein bisschen Zeit.“ Also war was und zwar mit einem deutschen Reiter. Ich drucke mir die Starterliste aus, Christian Ahlmann fehlt. Aha. Schnell eine Meldung gemacht, Genaueres gibt’s später. Kommt ein US-Kollege mit einer Liste mit mehreren Namen - warum die alle von der Starterliste gestrichen seien. Keine Ahnung.

Inzwischen veröffentlicht die FN auf ihrer Seite die Meldung von der positiven Dopingprobe bei Cöster, Christian Ahlmanns Pferd. Dennis kommt, die deutschen Verbandsoberen wollen uns sprechen und den deutschen Journalisten alles erklären. Wo können wir in Ruhe sitzen? Eigentlich nirgendwo, überall hektisches Gewusel. Schließlich bietet uns Petra, die deutsche Leiterin des News Service, ihr winziges Büro an, eilig besorgt sie ein paar Stühle, etwa 20 Leute quetschen sich in den zehn Quadratmeter kleinen Raum. Es darf nicht gefilmt werden, die Kameras müssen auf dem Flur warten. Es kommen Delegationsleiter Reinhard Wendt, Mannschaftstierarzt Dr. Björn Nolting, Ausschussvorsitzender Peter Hofmann und FN-Generalsekretär Dr. Hanfried Haring, die Gesichter versteinert. In dürren Worten erklärt Wendt den Ablauf, wann die Probe genommen wurde, wann wer informiert wurde etc. Christian Ahlmann sitzt längste im Flieger nach Hause, lässt ausrichten, dass er erstmal nichts sagt. Ob er da schon weiß, dass er den ganzen Aufenthalt für sich und sein Pferd, den Flug von Cöster, jetzt selbst bezahlen muss - soll sich um eine fünfstellige Summe handeln. Nolting erklärt den Wirkstoff Capcaicin, Stichwort Chilischote, kann so oder so verwendet werden. Durchblutungsfördernd und schmerzstillend, zur Lockerung von Muskeln, aber auch  zur Übersensibilisierung der Haut. Stichwort chemisches Barren. Ein Pferd, dessen Beine dergestalt künstlich schmerzempfindlich gemacht werden, wird sich hüten, eine Stange zu berühren. Mir ist schon klar, für was Ahlmann und wie sich später herausstellt, drei weitere Reiter, das Zeug verwendet haben wollen, natürlich nur zu Muskelmassage…..Feststellen lässt sich das ja ohnehin nicht mehr, die „illegale“ Substanz wurde ja nicht im Fell, sondern in Blut beziehungsweise Urin gefunden. Außerdem ist das Zeug sehr flüchtig, nur kurze Zeit nachzuweisen und wird erst seit zwei Jahren gefunden. Da hat wohl niemand bedacht, dass es in Hongkong vom Stall bis zum Dopinglabor nur ein paar hundert Meter sind, so schnell verflüchtigt sich da nix.

Die Enttäuschung bricht aus Peter Hofmann heraus: „Wir Ehrenamtlichen setzten uns ein bis zum Umfallen, und dann das!“ Was die Leute mit ihren fiesen Manipulationen anrichten, wie das auf Sponsoren und Fans wirkt, daran denken sie mit ihren Spatzenhirnen ja nicht. FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau ist untergetaucht nach der Besprechung im Stall, erst abends sieht man ihn wieder und man sieht ihm an, dass er keinen guten Tag  hatte.

Wir bahnen uns den Weg zurück ins Pressezentrum, vorbei an zig TV-Kameras und Mikrophonen. Um 18 Uhr Pressekonferenz der FEI. Vizepräsident Sven Holmberg spricht von einem „Trend“, weil alle vier erwischten Reiter, die sofort von Einzelspringen suspendiert wurden, dasselbe Mittel verwendet haben. Eine Stunde später Pressekonferenz der Iren. Denis Lynch, einer der Erwischten, mit Mannschaftstierarzt, und zwei Verbandsmenschen. Der Tierarzt hat vor sich eine schwarzweiße Dose, „Equipack“ steht darauf, und die Salbe enthält besagtes Capcaicin. Und natürlich, was habe ich gesagt, hat Lynch das Zeug angeblich nur genommen, um den Rücken seines Pferdes zu behandeln….Außerdem sei es überhaupt nicht ätzend, sondern, wir dürften das gerne ausprobieren und mal reinfassen, nur durchblutungsfördernd. Wir verzichten dankend. Der Tierarzt hat von der Sache natürlich nichts gewusst, Lynch ist den Tränen nahe, er hätte die FEI angefleht, ihn reiten zu lassen. Wir googeln Equiback: Macht keinen Schorf, keien Bläschen und wird nicht positiv getestet, steht da. Ob wohl jetzt einer den Hersteller verklagt?

Für das Einzelspringen interessiert sich kaum einer mehr, schade für die, die dabei sind und ihre Pferde nicht mit Mittelchen über die Sprünge geholfen haben, wenn es sie denn gibt. Bei der abschließenden Pressekonferenz wird der Sieger, der Kanadier Eric Lamaze auch nach seiner Vergangenheit gefragt, er ist mehrfach mit Koks erwischt worden. „Ich hoffe, ich werde das heute zum letzten Mal gefragt“, sagt er, „aber dass ich da herausgefunden habe, verdanke ich meinen Pferdebesitzern und Freunden, die zu mir gehalten hätten. Sonst säße ich nicht hier.“ Irgendwie erscheint selbst dieses Vergehen harmlos gegenüber dem was offenbar manchen (vielen? fast allen? allen?)  Springpferden angetan wird. Obwohl es natürlich nicht harmlos ist!

An einem Tisch neben dem Podium sitzt Prinzessin Haya, ihre Akkreditierung hat ein Leibwächter um den Hals. Sieht witzig aus, der bullige Typ mit dem hübschen Foto, das definitiv nicht er ist. An Hayas Gesicht ist deutlicher als irgendwo anders abzulesen, wie weit es  mit dem olympischen Springsport gekommen ist. Fröhlich, mit einem strahlenden Lachen, so sah man sie zu Beginn der Spiele. Das Lachen ist ihr vergangen, sie schaut ganz ernst und selbst ein Lächeln scheint ihr schwerzufallen. Denn sie als IOC-Mitglied weiß auch, dass die olympische Zukunft des Pferdesport so düster ist wie nie.

Nach der letzten Pressekonferenz beginnt ganz schnell das große Aufräumen, Zettel werden weggeworfen, Computer abgebaut. Ich gehe als letztes mit Petra und Anja, unsere beiden deutschen Engel in der Pressestelle, die so vieles Unmögliche möglich gemacht und sich nie aus der Ruhe haben bringen lassen. Danke, danke danke! Im Hotel noch schnell ein Blick in die Bar, da feiern die Kanadier ihre zweite Medaille, es sei ihnen gegönnt, ein letztes Bier, ein letzter Tanz und Tschüss Hongkong. Vielen Dank für die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft. Das Ende mit Schrecken haben andere zu verantworten.

Ich sage auch Tschüss mit meinem Blog, alles weitere, viele Bilder, Analysen und Ergebnisse sind im neuen ST. GEORG zu finden. Also schnell hin zum Kiosk, bessern noch einAbo besorgen. Und übrigens: Es geht weiter, in 14 Tagen steigt das Bundeschampionat in Warendorf, von dort aus hält sie Jan Tönjes und sein Team auf dem Laufenden. Also immer mal wieder reingucken!!

Szene  21.08.2008 08:29

Taifun über Hongkong?

Langsam neigt sich alles dem Ende zu, wir haben alle möglichen Formulare ausgefüllt, damit die chinesischen Behörden nicht nur wissen, dass wir da waren, sondern dass wir auch wieder weg sind. Morgen Mittag soll unser Flieger gehen, jetzt auf einmal die Nachricht: Taifun im Anmarsch. Alles ist in Frage gestellt, bekanntlich kommt das öffentliche Leben völlig zum Erliegen. Auch der Transport der Pferde ist gefährdet. Die Prüfung, Einzelwertung Springen, wird heute wie geplant durchgeführt, fängt um 19.15 Uhr (13.13 MEZ) an, Ende gegen Mitternacht (18 UHR MEZ). Es wird nicht verschoben (man hat ja vorsorglich zwei Puffertage eingeplant), weil das Wetter eher schlechter wird. Ob geflogen wird, entscheidet letztlich der Pilot. Ich hoffe inständig, dass wir morgen nicht festhängen, aber irgendwie klingt es nach einer langen Nacht auf dem Flughafen und verpasster Siegesfeier bei Buschi-Trainer Hans Melzer. Dabei ist eigentlich nr ein Taifünchen angesagt, Stufe 1. Das haben wir in Hamburg jede Woche, aber wir nennen das nicht Taifun sondern steife Brise.

Gestern am vorletzten Tag hat es Donata noch mal erwischt, ihre Akkreditierung funktinierte auf einmal nicht, der Scanner nahm den Strichcode nicht. Sofort, aber wirklich sofort stand ein Polizist in Zivil neben ihr und eskortierte sie zum Akkreditierungszentrum, wo mal wieder niemand was wusste. Nach einer Art Sitzblockade – „Ich gehe hier nicht weg, bevor Sie mir eine Akkreditierung geben, die funktioniert“ ließ man sie gehen. Heute kaptt alles wieder wunderbar, was war los: Das Lesegerät war kaputt gewesen. Heilige Technik, segensreiche…

Die Siegesfeier der Holländer über Anky van Grunsven drittes Gold in Folge in der Hotelbar war auch nicht von schlechten Eltern. Auch die Deutschen feierten mit, drückten Anky gar eine schwarz-rot-goldene Fahne in die Hand, Isabell setzte sich eine dieser unsäglichen oranje Mützen auf. Sie kam allerdings erst ziemlich spät, Dopingkontrolle. Erst nach drei Anläufen hatte sie die gewünschte Menge abgeliefert. Die Dopingpolizei ist gnadenlos, vorgestern wurde sie aus der Pressekonferenz rausgeholt, davor aus der Sendung von Kerner, da kennen die nichts. Die Reiter werden auch froh sein, wenn sie wieder zuhause sind, Isabell sah man gestern ein letztes Mal ihre Wäsche aus der kleinen Wäscherei um die Ecke abholen (ist billiger als im Hotel). Wir werden die freundlichen kleinen Helferchen in ihren roten und blauen Polohemden vermissen, die immer imn Chor „Good Morning“ rufen, wenn sie einen sehen, oder, ebenso im Chor, ein entsetztes „Oh“ ausstoßen, wenn man sie darauf hinweist, dass der Wasserbehälter leer ist.  Und schon flitzen drei Leute los. Natürlich nervt es, wenn sie darauf bestehen, dass man links und nicht rechts herum um einen Pfeiler herumgeht. Aber wir haben schließlich gemacht, was sie wollten, wir wollten sie ja auch nicht unnötig quälen.

Dressur  20.08.2008 16:12

Von Piaffen rückwärts und einer Ehrenrunde im Zuckeltrab

Eigentlich wollte ich ja heute frei machen, aber da kamen schon Proteste aus meiner Leserschaft. Sorry, wir haben heute nach einem Shopping-Marathon noch eine kleine Hafenrundfahrt gemacht, das war der einzige Tag in zweieinhalb Wochen, an dem das ging, weil heute keine Prüfungen sind. Das wird man sich ja wohl noch gönnen dürfen! Heute morgen die Verfassungsprüfung für die 35 Springpferde, die morgen abend im Einzel antreten, verlief für unsere drei (Cöster, Shutterfly, All Inclusive) problemlos, nur ein Mexikaner flog raus.

Inzwischen werden Wetten auf den Springreiter-Olympiasieger abgeschlossen, und da wollen wir mal nicht so nationalistisch sein. Der Beste soll gewinnen, na klar, aber es gibt natürlich ein paar, von denen hofft man inständig, dass sie nicht gewinnen. Ich sag jetzt mal keine Namen, aber wer den Blog gelesen hat, weiß schon Bescheid.  Einem würden es, glaube ich, alle gönnen, und das ist Jos Lansink. Er hat seinen Weltmeister Cumano gerade rechtzeitig wieder fit gekriegt, nur ein einziges Springen (1,35 Meter hoch) fernab von der Szene und den Medien in San Patrignano geritten. Und hat sich artig bei Tierarzt und Schmied bedankt – er ist also auch noch ehrlich.

Jetzt wollen natürlich alle wissen, wie Isabell drauf war nach dem erneuten Desaster gestern in der Kür, - Satchmo rastete in der Piaffe-Pirouette aus, lief rückwärts, wollte kehrt machen und steigen. Aus Gold wurde Silber. Sie hat’s professionell geschluckt und weiß natürlich auch, dass man mit zwei solchen Aussetzern, einen im Special und einen in der Kür, nicht Olympiasiegerin werden kann. Sie hat mir heute morgen für ein Interview zur Verfügung gestanden, kurz bevor sie mit ihrem Lebensgefährten Richtung Stadt abdampfte. Was sie gesagt hat, steht in der nächsten ST. GEORG-Ausgabe, nur soviel sei verraten: Sie hat mit der Piaffe-Pirouette -  zuviel riskiert, das würde sie heute anders machen. Aber hinterher ist man immer schlauer. Insofern war der Sieg von Anky van Grunsven so unumstritten, dass sich niemand beschweren konnte. Salinero war am sichersten in den Lektionen und da Anky natürlich klar war, dass Isabell nicht schwer zu packen war, musste sie nicht alles riskieren und das sieht dann auch gleich viel lockerer aus.  Heike war natürlich selig, ihre erste Championatsmedaille, und die hochverdient. Es hat sie dann auch nicht weiter gestört, dass statt einer Ehrenrunde im Galopp nur eine kleine Runde im Zuckeltrab, wie eine Abteilung Schulpferde,  geritten wurde, weil Salinero sonst durchgeht. „Wir wollten doch nicht, das Anky runterfällt“, sagte sie und dass finde ich einfach sportlich. Aber ich finde es auch ein bisschen schade, wenn ein vierbeiniger Olympiasieger in der Dressur, die ja auch was mit Gehorsam zu tun hat, völlig außer Kontrolle gerät, sobald er das Viereck verlässt. Ein Fan, weiblich, hat uns übrigens eine böse Mail geschickt, warum wir uns über die Ehrenrunde so lustig machen. Ob wir etwa wollten, dass Ankys Kinder ohne Mutter aufwachsen. Ihr und allen anderen sei hier versichert: Das wollen wir natürlich auf gar keinen Fall!!

Bei der Kür konnte man mal wieder sehen, dass Dressurreiten in königlichen Kreisen in ist. Prinzessin Benedikte, die Schwester der dänischen Königin, saß schon vor Beginn der Prüfung kerzengerade auf ihrem harten Schalensitz auf der VIP-Tribüne Und das nicht nur, weil ihre Tochter Nathalie, beste Reiterin der dänischen Bronzemannschaft, als erste in der Musikkür, der zweiten Prüfung für die Einzelmedaillen, dran war. Nicht nur das Kind, auch das Pferd ist selbstgestrickt: Digby stammt aus der eigenen Zucht der Prinzessin, die Mannschaftsmedaille war die erste für Dänemark überhaupt und überreicht hat sie Nathalies Onkel Konstantin, im Hauptberuf griechischer Ex-König und IOC-Mitglied. Gestern die Kür zur Musik der Westside Story gelang nicht ganz so gut, aber mit einer Medaille hatte Nathalie zu Sayn-Wittgenstein wohl ohnehin nicht gerechnet.  Und die innige Umarmung mit Freund Alexander Johannsmann am Rande der Arena zeigt, dass es schließlich auch noch andere Dinge im Leben gibt.

Dona Pilar, die Schwester  des spanischen Königs, setzte sich zu Benedikte, sie war bis vor zwei Jahren Präsidentin der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). Auch ihre Nachfolgerin, Prinzessin Haya, eine der Ehefrauen des Dubai-Scheichs Mohammed Maktoum, ist omnipräsent im Reitstadion, bei jeder Siegerehrung, bei jeder Prüfung, nie weit ihre grimmige Leibwächterin, die aussieht wie die Damen, die in James-Bond-Filmen mit einem Handkantenschlag eine ganze Polizeibrigade niederstrecken. Haya hat für 2012 ihre Rückkehr in den Sattel angedroht, ihr Auftritt 2000 in Sydney im Springen bleibt unvergessen: Im ersten Springen fiel sie zweimal an demselben Hindernis vom Pferd. Nur das niederländische Kronprinzenpaar ließ sich nicht blicken, dafür gab es diesmal ja wirklich was zu feiern. Aber die sahen schon beim Special so aus, als ob sie sich ziemlich langweilen.

Blog  19.08.2008 09:00

Noch ist Deutschland nichtverloren, aber es wird eng

Andere können auch gut feiern. Gestern wurde in der Hotelbar englisch gesprochen: die Kanadier und US-Reiter zelebrierten ihre Medaillen, lautstark und mit viel Bier. Jan Millar, 61 Jahre alt, der Held des Tages, der bei seinen neunten Olympischen Spielen seine erste Medaille gewann und es immer noch nicht fassen konnte, war da. Überhaupt die Kanadier, Durchschnittsalter 51 Jahre, sind hier die Silbermedaillengewinner der Herzen. Spätabends, als wir wieder bei unserem Lieblingschinesen auf der Straße saßen, ging auf einmal ein hagerer Mann in weißen Reithosen und roter Mütze an unserem Tisch vorbei: Mac Cone, 56 Jahre alt, Großvater. Wir klatschten, er zog seine Silbermedaille aus der Tasche und grinste uns zu. Er marschierte um die Ecke zu einem anderen Straßenrestaurant, setzte sich an einen Tisch, ganz alleine. Seine Medaille und er. Er blieb nicht lange alleine, erst kam der Kellner, dann der Koch, dann die übrige Belegschaft, standen um ihn herum, kicherten auf diese hastige chinesische Art, machten Fotos, wollten Autogramme, er ließ die Medaille rumgehen, alle durften sie mal anfassen. Dann kam er zurück, wir klatschten wieder, er kam an unseren Tisch und trank ein Bier mit uns und ließ die Medaille noch mal rumgehen. Er konnte gestern in der zweiten Runde nicht mehr starten, weil sein Pferd lahm war, aber in der ersten hat sein Ergebnis zum Erfolg beitragen.

In der Hotelbar ging es noch lange weiter, immer noch viele oranje T-Shirts. Selbst der kleine Tim Lips, der Vielseitigkeitsreiter, der zwar schon 23 ist, aber so niedlich aussieht, dass meine Freundin E. ihn am liebsten adoptieren würde, war noch da und genießt seine Olympischen Spiele offenbar bis zum allerletzten Tag.

Lange bunte Schals in den Landesfarben rot-blau-weiß hatten sich die Norweger umgehängt. „Für uns ist die Bronzemedaille soviel wert wie eine Goldmedaille“, sagte Geir Gulliksen, der einzige, dessen Gesicht man auf deutschen Turnieren regelmäßig sieht, weil er eine Zeitlang mit Ludger Beerbaum trainiert hat. Der bisher einzige olympische Auftritt der norwegischen Springreiter war 1936 in Berlin und endete medaillenlos. Alle vier von Hongkong saßen auf Holsteiner Pferden, und hatten mit Dirk Schröder einen Holsteiner Co-Trainer – das mag Breido Graf zu Rantzau, den deutschen FN-Präsidenten und vormals Holsteiner Vorsitzenden, darüber getröstet haben, dass seine Leute an diesem Abend wenig zu feiern hatten. Platz fünf mit Hängen und Würgen, keine einzige fehlerfreie Runde in drei Springen, bisher sind die Springreiter eine der großen Enttäuschungen des deutschen Olympiateams. „Meine bitterste Niederlage“, sagte Bundestrainer Kurt Gravemeier.  Ludger Beerbaum konnte selbst dieser Situation noch was abgewinnen: „Es ist doch gut für den Sport, wenn auch mal Nationen wie Norwegen eine Medaille mitkriege, dann sieht Jaques Rogge, dass unser Sport weltweit verbreitet ist.“ Der IOC-Präsident war nämlich auch gekommen, schwitzte wie ein Braten auf der Tribüne, aber warum soll’s ihm besser gehen als uns. Auch Fürst Albert von Monaco war aus Peking eingeflogen, aber ohne Charlene, um die Medaillen zu überreichen.

In die Hotelbar abends hatte es nur Christian Ahlmann geschafft. Plausible Gründe für das Deaster zu finden, fiel auch ihm nicht leicht. „Vielleicht sind unsere Pferde doch zu früh gekommen, sind zu lange nicht im Wettkampf gegangen. Wir haben einfach nicht in das Turnier hereingefunden.“ Die Pferde der Medaillengewinner waren jedenfalls zum Teil später eingereist. Der Rest der deutschen Mannschaft ließ sich nicht blicken, kann man ja verstehen. Heute wollen sie eine Hafenrundfahrt machen, Meredith will shoppen gehen.

Und schließlich ist Donnerstag auch noch ein Tag, zumal alle wieder bei Null anfangen. Nur Marco Kutscher ist nicht mehr dabei. So rüde wie er seinen Schimmel nach dem Wassergraben zurückgenommen hat, trägt er sein gerüttelte Maß an Mitschuld and dem Desaster. Das kann man einfach mit so einem Hengst nicht machen, zumal die Zäumung, eine Aufziehtrense, dreimal so scharf war wie das Olivenkopfgebiss, dass er im ersten Umlauf benutzt hatte. Und dann so in die Speichen zu packen – auch wenn Cornet etwas maulig ist, sein Vater Clinton läst grüßen. Immerhin ist er erst neun Jahre alt und eines der Pferde mit der geringsten Erfahrung. Ebenso wie All Inclusive, mit dem Kutschers Chef Ludger Beerbaum ähnlich unglücklich ritt nach dem Wasser.

Dramen gab es auch in anderen Teams, die Australier waren gestern nur noch zu dritt, weil Peter McMahon auf dem Abreiteplatz heruntergefallen war und sich die Schulter gebrochen hatte. Seine Schimmelstute Genoa gilt als nahezu unreitbar, wird zwischen den Turnieren zuhause nur im Schritt geführt und longiert. Kaum hat sie die Startlinie überquert, geht sie los wie die Feuerwehr.

Morgen geht es also in die letzte Runde, Chancen haben auch noch Reiter, die bisher nur am Rande aufgetaucht sind, weil sie keiner oder einer ausgeschiedenen Mannschaft angehören, wie der für Belgien reitende Weltmeister Jos Lansink, der Cumano bestens in Schuss hat. Oder Rodrigo Pessoa, der mit Rufus gute Runden hingelegt hat. Er hat immer bedauert, dass ihm die Goldmedaille von Athen mit der Post zugeschickt werden musste, nachdem der  Ire Ian o’Connor wegen Dopings disqualifiziert worden war. Und immer betont, dass ihm ein Sieg in der Arena lieber gewesen wäre. Ähnliche Skrupel plagen den US-Reiter  McLean Ward nicht, er gehörte in Athen zum Silberteam, das nachträglich mit Gold beglückt wurde, nachdem die Deutschen wegen der „Fehlsalbung“ von Ludger Beerbaums Pferd Goldfever auf Platz drei zurückgestuft worden waren. Gefragt, ob er sich über diese im sportlichen Wettkampf gewonnenen Medaille von Hongkong mehr freue als über die nachgereichte aus Athen, antwortete Ward pampig: „Die Goldmedaille von Athen war genauso gut und genauso verdient wie diese. Schließlich hat sich da einer nicht an die Regeln gehalten und ich weiß nicht, was mit der Medaille falsch gewesen sein soll.“  Ausgerechnet er. Er kann nichts dafür, dass sein Vater ein wegen Beihilfe zu Pferdesmordes verurteilter Krimineller ist, aber er kann etwas dafür, dass in Aachen vor einigen Jahren spitze Plastikteile aus seinen Gamaschen rieselten. So einer sollte den Mund nicht ganz so weit aufreißen, selbst wenn er übermorgen Olympiasieger werden sollte. Was ja nicht ausgeschlossen ist. „Das nächste Mal gewinne ich das Ding“, hat er in die Fernsehkameras getönt. Grrrrr.

SPRINGEN  18.08.2008 12:12

Von Protesten und kleinen Schlupflöchern

Langsam wird es eng für die deutschen Springreiter, wenn nicht der letzte Australier den letzten Sprung im ersten Umlauf des Nationenpreises mitgenommen hätte, könnten sie sich heute abend den zweiten Umlauf von der Tribüne aus ansehen. Es ist fünf vor zwölf, wenn man noch an einer Medaille schnuppern möchte, das scheint den deutschen Springreitern jetzt klar geworden zu sein. Gestern abend, besser gestern nacht um eins, sah man sie in der Hotellobby sitzen, Marco Kutscher mit einem Laptop auf den Knien, alle anderen drum herum. Ludgers Freundin Randy und Kutschers Freundin Eva Bitter saßen daneben, vom Bundestraienr war nichts zu sehen. Heute wurde er mit den Damen Sightseeing geschickt, er nimmt seine Aufgaben als Entertainer wirklich sehr ernst.

Wahrscheinlich haben die Reiter ihre Ritte noch mal analysiert, für heute abend. In der zweiten Nationenpreisrunde gibt es allerdings einen völlig neuen Parcours, zum ersten Mal. Im Moment tagen noch die FEI-Gremien, es hat nämlich einen Protest gegeben wegen John Whitaker. Der Brite konnte gestern nicht reiten, weil sein Pferd Peppermill eine Art Verschlag hatte, nur leicht, ist heute wieder in Ordnung. Jetzt will er in der zweiten Runde starten, steht aber noch nicht fest, ob das die Regeln hergeben. Sieben von acht Mannschaften, die heute noch dabei sind, haben Protest eingelegt, nur eine nicht, die deutsche. Bravo! War ja auch nicht nötig, reicht ja, wenn’s die anderen tun. Die Regel besagt, dass ein Pferd nur zurückgezogen werden darf, wenn es das Ergebnis nicht mehr hätte verbessern können. Und das war nun mal nicht der Fall, eine Nullrunde von John bei seinen siebten olympischen Spielen hätte die Briten noch weiter nach vorne gebracht. Jetzt wird sich zeigen, ob im Geiste des Sports oder nach den Regeln entschieden wird. Ich tippe auf Letzteres, im Geiste des Sports wäre das erste Mal, ich sage nur Athen!! Da wurde in der Vielseitigkeit auch eine sportliche Leistung wegen eines Formfehlers per Gerichtsbeschluss pulverisiert!

Gemault haben übrigens auch die Holländer, weil Isabell Werth den Special trotz des groben Ungehorsams von Satchmo gewonnen hat. Vergessen wird dabei freilich, dass sie ohne diesen Fehler mit gefühlten 80 Prozent gewonnen hätte und natürlich hart bestraft wurde für den Zwischenfall. Und ohne den Ungehorsam läge sie so weit vorne läge, dass Anky Salinero morgen abend gar nicht mehr zu satteln brauchte.

Inzwischen, drei Tage vor dem letzten Wettbewerb am Donnerstag, hat sich die Lage, was unsere Aufpasser angeht, sichtlich entspannt. Fuhr heute zum ersten Mal mit einigen Funktionären im Bus. Auch hat man mit der Zeit so seine Schlupflöcher gefunden für den Stallbereich und andere verbotene Areale. Das verrate ich hier aber nicht, weil der chinesische Geheimdienst ja alles mitliest.

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