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Der Olympiablog, aktuell aus Hongkong

Eyecatcher


Lesen Sie hier das Tagebuch von ST.GEORG Chefredakteurin Gabriele Pochhammer von den Reitwettbewerben der XXIX. Oympischen Spiele.
Blog  17.08.2008 05:27

Ein verpasster Rekord und die Geister der Vergangenheit

Also das kann Isabell nicht oft mit uns machen, das halten unsere Nerven nicht aus. Mit rund zehn Prozent Vorsprung vor Anky van Grunsven nach dem ersten Drittel des Grand Prix Special, fünf bis acht wären wohl übrig geblieben, schmeißt Satchmo auf einmal in der ersten Piaffe alles hin, ist drauf und dran, das Viereck rückwärts zu verlassen. Und die coole Socke reitet weiter, als ob nichts gewesen wäre, rettet die Führung knapp, auch wenn sie das Rekordergebnis von mehr als 80 Prozent, das wäre es wohl geworden, vergessen kann. „Shit“ habe sie gedacht, auf Englisch klingt das Wort doch noch ein bisschen besser. Als Isabell aus dem Viereck in die Mixed-Zone kam, ließ sie sich nichts anmerken, sondern sagte mit dem bekannten Werth-Strahlen: „So ist das eben.“ Nun kommen natürlich jedem, der diesen Sport schon etwas länger verfolgt, die Bilder der Vergangenheit hoch, Balve Deutsche Meisterschaft, EM Hickstead, immer dieselbe Stelle, immer bei der ersten Piaffe auf der Mittellinie, dieselben Probleme, die Isabell Werth letztlich den Startplatz in Athen 2004 kosteten. Von den Geistern der Vergangenheit, die doch endgültig besiegt schienen, will sie freilich nichts wissen, gar nichts. Das hätte nichts damit zu tun, ein Pferd dürfte sich wohl mal erschrecken. Ich gebe das jetzt mal so weiter und sage gar nichts dazu.

Das Entsetzen der holländischen Fraktion auf der kurzen Seite über Isabells Patzer hielt sich naturgemäß in Genzen, dort musste man sich beherrschen, um nicht loszuklatschen. Wie das holländische Kronprinzenpaar es fand, dass Anky nun doch noch eine Chance auf die Goldmedaille hat, war nicht mehr zu herauszubekommen, weil die beiden nach Salinero die Ehrentribüne fluchtartig verlassen hatten. Es sah ein bisschen aus nach „einer muss sich opfern, heute sind wir dran“. Da ging es ihnen übrigens nicht viel besser als den Zuschauern. Waren die Sitzreihen zu Beginn noch gut gefüllt, wurden sie im Laufe des Abends immer leerer und als Isabell ritt, konnte man jeden per Handschlag begrüßen. Das war eine Abstimmung mit den Füßen, was die Popularität des Dressursports anging. Da lob ich mir doch die dänische Prinzessin Benedikte. Sie saß vom ersten bis zum letzten Pferd senkrecht auf ihrem – nicht sehr bequemen – Plastikschalen-Sitz, auch als ihre Tochter Nathalie längst durch war, leider nicht so glanzvoll wie im Grand Prix, Digby wirkte ein wenig müde.

Auch die Nerven von Werth-Trainer Wittig bedurften gestern abend der Kräftigung. Ich traf ihn nachts um zwei auf der Straße vor dem Hotel mit Dirk Schröder, in der einen Hand eine halbleere Rotweinflasche, in der anderen ein Glas. Auch für ihn war die Stunde sinnvoller Kommentare schon vorbei. Wir, unser kleine Truppe deutscher Journalisten, hatten noch was gegessen in einer kleinen Garküche, draußen auf der Straße. Auf einem Lüftungsrohr saß eine Ratte und sah uns zu, wahrscheinlich wartete sie, dass wir endlich gingen, um sich an die Reste zu machen. Der Besitzer versuchte noch, seine Katze auf die Ratte anzusetzen, aber die hatte überhaupt keine Lust und schaute nur gelangweilt nach oben. Ich ging dann, weil ich nicht noch spät abends Zeugin eines Mordes werden wollte.

Heute abend wird es für die Springreiter Ernst. Mal sehen, ob die Taktik aufgeht, dass sie erst heute zur Favoriten-Form auflaufen.

Blog  16.08.2008 13:14

Von geheimnisvollen Lahmheiten, gefährlichen Steinen und Bubble-to-bubble

Gleich geht der Grand Prix Special los. Es ist zwar schon 19.15 Uhr, aber immer noch runde 30 Grad warm. Ich sitze auf der Pressetribüne, hier man den besten Blick auf das Geschehen live, kann ins Internet und sitzt nicht im unerträglich zugigen Pressezentrum, wo man sich den Tod holt, wenn man nicht in dicke Schals gehüllt ist. So gesehen, war der Spontankauf eines Pashmina-Schals auf dem Flughafen München vor der Abreise der beste Kauf, den ich im letzten halben Jahr getätigt habe.

Im Fahrstuhl traf ich Isabell Werth, noch in Shorts und ganz entspannt. Sie ist erst um viertel vor zwölf nachts dran. Satchmo macht das ihrer Ansicht nach nichts aus. „Wir haben ja schon in Aachen während der Quarantäne immer abends geritten, die Pferde sind jetzt daran gewöhnt.“ Die Holländer, die in unserem Hotel wie schon berichtet, eine ganze Lounge haben, in der es das heimische Bier gibt, hatten heute hohen Besuch, das Kronprinzenpaar war da. Willem Alexander und seine Frau Maxima – sehr schick mit originell geflochtenem Gürtel überm Hemd – sind größer als man denkt, wenn man sie nur von Fotos kennt. Ein stattliches Paar, alle Chinesen müssen zu ihnen aufgucken. Sie mussten gleich ein bisschen trösten: Imke Schellekens-Bartels musste ihr Pferd krank melden,  das steht ja schon auf unserer ST.GEORG-News-Seite. Auch dass nicht gesagt wurde, auf welchem Bein, es war das linke Vorderbein. Warum bloß? Damit die Richter nicht demnächst auf dieses Bein starren und nach Unregelmäßigkeiten suchen? Willem Alexander und Maxima fanden natürlich viele nette Worte für ihre Silbermedaillengewinner. Jetzt ist nur noch Anky übrig, um die Fans, die auch hier wieder in ihrem nicht wirklich dezenten Oranje-T-Shirts die Tribünen bevölkern, mit einer weiteren Medaille zu erfreuen.

Dank des königlichen Besuches mussten wir ein wenig länger auf den Bus warten, erst als die drei schwarzen Limousinen davon gerauscht waren, konnten wir einsteigen. Heute wieder nach dem System „Bubble-to-Bubble“ , was soviel heißt, wie Blase-zu-Blase: Der Sicherheitscheck wird schon im Hotel gemacht, dann werden wir zum Bus eskortiert und ohne Umzusteigen ins Reitstadion kutschiert. Alle schön getrennt. Neulich fuhren drei Busse, in einem saß ein Pferdepfleger, in einem ein Funktionär und in einem ein Journalist. Alle hatten dasselbe Ziel und das Ganze nennt sich „Grüne Spiele“.

Heute morgen lud der Verband der Pferdesportjournalisten in den Hongkong Jockey Club, Gast war auch FEI-Präsidentin Prinzessin Haya, die sich sichtbar um ein besseres Verhältnis zwischen FEI und den Medien bemüht. Und da ist ja noch viel zu tun.

Alle Menschen können irren, auch Journalisten. Und wenn wir früher und besser informiert worden wären, wären uns die Veränderungen an Sprung 18 des Geländes wohl in anderem Licht erschienen. Wie berichtet, wurde nach der Abnahme durch den Technischen Delegierten und die Ground Jury der Sprung verändert. Große Steine vor und hinter dem Sprung wurden durch Blumen und Buscharrangements ersetzt. Wie die englische Presse berichtete, war Kursdesigner Michael Etherington-Smith so verärgert, dass er drohte, nicht mehr für die FEI aufzubauen und der Vorsitzende des Vielseitigkeitskomitees Wayne Roycroft trat ein Jahr vor Ablauf seiner Amtzeit zurück. Was er inzwischen wieder rückgängig gemacht hat. Bei einer von der FEI einberufenen Pressekonferenz gestern wurde erklärt, warum der Sprung umgestaltet wurde. Man habe Sicherheitsbedenken gehabt, falls ein  Reiter auf die Steine gestürzt wäre. Das waren nämlich richtige Felssteine und keine der Attrappen, die ansonsten im Kurs herumlagen, um die Drainageanlage zu verdecken. Der schwedische FEI-Präsident Holmberg sagte mir, das Problem haben er und andere Mitglieder des FEI-Vorstandes beim Abgehen bemerkt, geändert wurde erst, als Prinzessin Haya aus Peking zurück war. Zwar wurde damit die zuständigen Gremien übergangen, aber, so Haya, „ich hätte die Nacht nicht ruhig schlafen können. Es hat genug Todesfälle gegeben auf Strecken, die von den zuständigen Fachleuten abgenommen waren. Wir wollten einfach ein Risiko ausschließen, die Anforderungen des Sprunges wurden damit nicht verändert.“ Da muss man einfach zugeben: Wo sie recht hat, hat sie recht. Und es ist ja tatsächlich ein Unterschied, ob man auf einen Felsbrocken oder in die Büsche fällt. Wobei zum Glück nachher gar keiner fiel. Da muss man auch mal sagen können: Sorry, da lag ich falsch!

Die deutschen Springreiter, die es so lässig angehen ließen in der ersten Qualifikation, dass sie jetzt hinter Hongkong liegen, ernteten für ihre Nonchalance, mit der sie von einem „Trainingspringen“ sprachen, sagen wir mal, Bewunderung. Ich bin sicher, die Rechnung geht auf und morgen gehen alle phantastisch. Für die Hongkongreiter war der gelungene Auftritt übrigens sehr wichtig: „Damit die Reiter das Gefühl haben, sie sind dabei bei Olympia, der ganze Aufwand hat sich gelohnt“, sagt Sascha Eckjans, der Nachfolger von Sönke Lauterbach in der Hongkong-Federation für die nächsten drei Jahre. Frisch verheiratet, die Frau ist mit, aber der Hund musste zu Hause bleiben.

Übrigens vielen Dank für die vielen Mails, die sich über die ST.GEORG-Berichterstattung freuen. Vom früheren sid-Chefreporter Dieter Ludwig wurde ich darauf hingewiesen, dass Ian Millar, der kanadische Springreiter, nicht 67 sondern erst 61 Jahre alt ist. Stimmt, sonst wäre er ja noch älter als Hugo Simon (66). Und wenn man ihn sein Pferd vortraben sah, ging er sowieso für 55 durch!

Gabriele Pochhammer  15.08.2008 08:42

Der Schmerz vergeht, der Ruhm bleibt – das ist Olympia

Wieder eine Nacht (fast) ohne Schlaf, das nächste Gold musste gefeiert werden und diesmal wurde Party-Geschichte geschrieben. Dänen, Niederländer und Deutsche zelebrierten gemeinsam ihre Medaillen und ließen es richtig krachen,  sangen mehr laut als schön auf der Bühne „We are the champions“: Isabell Werth, Heike Kemmer, Nadine Capellmann und, jawohl, auch Anky van Grunsven. Die holländischen Funktionäre kamen aus ihrer sehr komfortablen Lounge, die sie hier im ersten Stock für die Oranje-Fraktion angemietet haben, herunter zum feiernden Volk, der deutsche Delegationsleiter Reinhard Wendt, inzwischen schon ein erfahrener Party-Löwe hier im Riverside Hotel, am linken Flügel schwang im Takte mit, diesmal im Ringelhemd, neben ihm in neuer Rolle sehr fröhlich Dressurequipechef Martin Richenhagen, fast gar nicht hölzern. Der eher unsägliche  Olympiasong „Die goldenen Reiter“ stürmt unaufhaltsam die Riverside-Hotel-Charts. Es wurde wieder getanzt bis zum Umfallen, oben auf der Bühne, unten vor der Bühne.

Auf einmal waren auch die Buschis wieder da von ihrem Triumph-Trip nach Peking, Hinni Romeike tanzte mit Isabell Werth und Nadine Capellmann abwechselnd, Olympiasieger unter sich, auch so was hat’s wohl noch nie gegeben. Bei dem Lärm fiel es gar nicht auf, dass Hinni fast völlig verstummt ist, die Stimme ist vom vielen Reden ganz heiser, und überhaupt steht er inzwischen ein bisschen neben sich, ein kleines seliges Lächeln im Gesicht. Kein Wunder.

Heute morgen saßen die Buschis in der Hotelhalle und warteten auf den Bus zum Flughafen. Jetzt sind sie schon wieder im Flieger und können zum ersten Mal seit drei Tagen wieder schlafen. Kirsten Thomsen und Susanne Romeike fliegen nach Hamburg, die anderen nach Münster-Osnabrück. Wenn die wüssten, was sie da erwartet, der Flughafen Münster-Osnabrück steht vor der größten logistischen Herausforderung seiner Geschichte, Journalisten mussten bei der FN eine Akkreditierung beantragen, so groß wird der Ansturm zu Begrüßung der Olympioniken sein.  Dann geht’s nach Warendorf, und dann, ja dann packt Hinni seinen Schimmel in den Zweipferdehänger und tuckelt nach Hause nach Nübbel. Der Alltag hat sie wieder? Wohl noch lange nicht.

Nicht alle freuen sich über den deutschen Goldregen so wie wir. Im Pressezentrum spricht man bereits von einer „Over-Germansation“, („Über-Germanisierung“). „Lasst doch mal die anderen ran, wir wissen gar nicht mehr, was wir schreiben sollen“, klagte eine irische Kollegin. Wir schon. Besonders die Briten, an sich faire Sportsleute, sind richtig sauer. Über Bronze freuen sie sich so wie unsere Dressurreiter sich für Platz drei begeistern könnten, also nicht besonders. In den Medien heißt es, der Kurs sei zu leicht gewesen, zu kurz, ein Parcoursspringen im Gelände. Der Schweizer Paul Weier, Olympiamedaillengewinner 1960 und hier als Chefstewart vor Ort, hat wenig Verständnis dafür: „Stellen Sie sich bitte mal vor, wir hätten hier eine lange Prüfung mit Rennbahn gehabt?“ Mit erschöpften zusammenbrechenden Pferden! Und vielleicht sollte sich der eine oder andere Reiter, der losgebrettert ist wie geisteskrank, mal fragen, warum Hinni trotzdem am Ende viele Sekunden schneller war. Diese Medaillen wurden vor allem durch besseres Reiten gewonnen.

Auch nach Ende der Vielseitigkeit sind die Wogen, die durch die Eingriffe der FEI-Präsidentin Prinzessin Haya in den Geländekurs hochschlugen, noch nicht abgeebbt. Der Vorsitzende der FEI-Vielseitigkeitskommission, Wayne Roycroft, ist verärgert nach Australien abgereist, auch weil er die Medaillen nicht überreichen durfte. Das hatte Haya sich selbst vorbehalten. Seine Rücktrittsdrohung hat niemanden wirklich erschreckt, da seine Zeit ohnehin abgelaufen ist. Das Amt soll vom Briten Andrew Griffith übernommen werden, er gilt als Haya-hörig. Überhaupt ist es interessant zu beobachten, wie Prinzessin Haya, eine der Gattinnen des Dubai-Scheichs Mohammed Maktoum, den Weltreiterverband allmählich zu ihrem persönlichen Hofstaat umgestaltet.

Es gibt in Hongkong auch Blaublüter, die durch nichts anderes als gute sportliche Leistung auf sich aufmerksam machen wollen. Prinzessin Nathalie von Sayn-Wittgenstein, die Nichte der dänischen Königin Margarethe zum Beispiel. Über viele Jahren hat sich die deutsche Prinzessin mit dänischem Pass bis zu dem Punkt gearbeitet, an dem sie gestern stand: mit einer Bronzemedaille um den Hals auf dem Treppchen zusammen mit Andreas Helgstrand und Anne van Olst. Ihr Pferd Digby haben ihre Eltern, Prinz Richard zu Sayn-Wittgenstein und Prinzessin Benedikte von Dänemark selbst gezogen, Nathalie fährt ihren LKW meist selbst. Das Team rückte erst für die Schweiz nach und durfte kein Reservepferd mitnehmen, da sich die Reiter einzeln über die Weltrangliste qualifizieren mussten. Nathalie zu Ehren wurde das Protokoll der Siegerehrung kurzfristig noch ein wenig geändert. Die Medaillen überreichte IOC-Mitglied Ex-König Konstantin von Griechenland, Nathalies Onkel, der die Nichte herzlich umarmte. Auf ihrem T-Shirt bei der Siegesfeier stand „Pain is temporary, Fame is for ever.“  - „Der Schmerz geht vorüber, der Ruhm bleibt.“

Dressurreiter lassen's krachen
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Blog  14.08.2008 10:50

Von Märchenerzählern, Garküchen und Zahnproblemen

Heute sollte der Tag eigentlich ruhig anlaufen, erst heute abend steht die Mannschafts-Entscheidung in der Dressur auf dem Programm und das sieht ja ausgesprochen gut für die Deutschen aus: Heike brillant, die ersten beiden Holländer unter Form, da hat Anky einiges aufzuholen. Aber man muss ja auch noch mal sehen, wie Elvis und Satchmo ihre Sache machen.

Ausschlafen ging trotzdem nicht – in der Regel kommt hier keiner vor zwei Uhr nachts ins Bett – um acht Uhr mussten die Springpferde zur Verfassung antreten. Gleich im Anschluss daran baten die deutschen Springreiter zum Interview, es sei der einzige Zeitpunkt, an dem sie noch mal alle zusammen seien, so Pressesprecher Dennis Peiler. Und da hat Bundestrainer Kurt Gravemeier doch gestaunt, dass sich fast die gesamte deutsche Journalistenriege pünktlich unterm Sonnenschirm einfand. Obwohl es nicht viel zu berichten gibt, natürlich geht es allen Pferden gut und wenn es nicht so wäre, würde man es uns schwerlich auf die Nase binden.

Ob der Erfolg der Buschreiter sie motiviert hat? „Wir sind sowieso hochmotiviert. Natürlich haben wir uns mit den Buschreitern mitgefreut, aber das sind doch Märchenerzähler, die behaupten, das würde uns jetzt besonders motivieren. Das sind wir sowieso,“ sagte Ludger Beerbaum, ein bisschen, naja, kratzbürstig. Und Schwägerin Meredith bekräftigt: „Wir konzentrieren uns auf uns selbst, gucken nicht, was die anderen machen.“

Immerhin, bei Olympia sind schon die dollsten Sachen passiert, das weiß keiner besser als Ludger Beerbaum. Da erinnert er sich besonders gerne an die Spiele 1992 in Barcelona: Im Nationenpreis riss seine Hackamore-Kette, er konnte gerade noch vom Pferd springen, bevor Classic Touch volle Fahrt aufgenommen hatte. Sofort blieb die Holsteiner Stute stehen, unvergessen das Bild, wie Beerbaum gesenkten Hauptes mit seinem Pferd, das hinter ihm her trottete wie ein Hund, das Stadion verließ. Drei Tage später war er Olympiasieger, hatte sich in letzter Minute noch qualifizieren können, in einer zweiten Wertung als 44. von 45. Und im Finale selbst wurde der haushohe Favorit Jos Lansink Opfer eines Gewitterregens, der vor der Mauer einen See hinterlassen hatte, Egano blieb stehen. Beerbaum: „Ich ritt bei Sonnenschein, da war alles schon wieder trocken. Und dann hatte ich noch Glück, dass ich im Stechen, wo die Startfolge ausgelost wurde, als letzter Reiter dran war und sehen konnte, dass man Tempo machen musste. Gerade bei Olympia stehen nachher oft Reiter vorne, die keiner auf der Liste hatte.“

Auch die anderen Pferde bei der Verfassung sahen gut aus, Karsten Huck, Trainer des chinesischen Reiters Bin Zhang, war etwas ärgerlich, als sein Schützling erst eine Viertelstunde vor Beginn der Verfassungsprüfung im Stall eintrudelte, er selbst war bereits seit 7 Uhr vor Ort. Die einzige, die ihr Pferd nicht selbst vorführte, war übrigens die Reiterin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Latifah al Maktoum. Sie ließ ihr Pferd Kalaska de Semilly (v. Diamant de Semilly) von einem Angestellten  vortraben. Ob das Mädel, eine Verwandte von FEI-Präsidentin Haya, verschlafen hatte oder nicht wusste, wie man ein Pferd vorführt (in diesem Fall sei ein Kurs für Jungzüchter empfohlen), war nicht heraus zu bekommen. Aber reiten soll sie doch noch selbst, habe ich gehört.

Ich habe heute zum ersten Mal ein Lunch in einer der Garküchen probiert: Helle Klöße gefüllt mit undefinierbarer aber köstlicher Füllung, gleich um die Ecke vom Hotel. Für sage und schreibe einen Euro, zehn Honkong-Dollar! Hier gibt es tausender solcher kleiner Imbissrestaurants, sie sind vom frühen Morgen an gefüllt, weil die Wohnungen hier meist so winzig sind, dass auf Küchen verzichtet wird und die Leute dreimal am Tag essen gehen. Obwohl die Chinesen den ganzen Tag zu essen scheinen, auch die Volunteers im Reitstadion, sieht man kaum Dicke. Dick werden sie erst, wenn sie ein paar Monate in Europa trainiert haben, heißt es.

Weil man sich aber trotzdem viel weniger bewegt als zu Hause und hier im Pressezentrum immer süße fette Kekse rumliegen, schalte ich hin und wieder einen Workout im Fitness-Room ein. Auch interessant, wer da so alles seinen Body buildet. Der verhinderte französische Buschfavorit Nicholas Touzaint zum Beispiel stierte ziemlich frustiert auf den Fernseher mit Olympiaprogramm aus Peking, während er die Pedale trat. Oder Beat Mändli, der Schweizer Springreiter, der ebenfalls nur zu Fuß dabei ist, weil sein Pferd Ideot du Thot in der Quarantäne in Aachen lahm wurde. Informierte Kreise wissen zu berichten, dass es schon vorher nicht in Ordnung war, man wollte versuchen, es noch während der Quarantäne fit zu kriegen, was nicht klappte. Es rückte aber nicht Daniel Etter mit Peu à Peu nach, sondern Pius Schwyzer mit Nobless, genau jener Stute, die in Aachen auf zehn Meter an keinen Wassersprung ranging. Das macht sie aber nur auf Rasen, heißt es, auf Sand nie. Bin mal gespannt. Mändli also trainierte intensiv an der Maschine, mit der man eine tolle Taille kriegen soll. Nach ihm kam ein betagter Funktionär, als ich schließlich meine Bemühungen an dem Gerät aufnahm, steckte der Stab auf Höchstgewicht, 190 Kilo. Angeber.

Apropos Gewicht, während ich mich auf dem Laufband abmühte, sah ich im TV eine kleine Chinesin in der 49-Kilo-Klasse das Gewicht mehrer Säcke Hafer hochstemmen. Dafür kriegte sie eine Goldmedaille. Am meisten freue sie sich auf zuhause, sagte sie später. Sie habe ihre Eltern in den letzten vier Jahren genau sechs Tage gesehen.

Die Zeitungen berichten viel, vom Reitsport allerdings nicht besonders nett. Am Tag nach der Vielseitigkeitsdressur wurden vor allem auf der Tribüne schlafende Chinesen gezeigt, im Gelände Leute, die sich beschwerten, dass sie so früh aufstehen mussten und dass es soviel regnete. Dafür bieten die amerikanischen und die chinesischen Zeitungen interessante Blickwinkel aus verschiedenen Richtungen. Während die Chinesen den Medaillenspiegel nach üblicher Aufstellung (erst Gold, dann Silber, dann Bronze) abdrucken, da liegen sie vorne, wir auf Platz vier, druckt US-Today die Gesamtzahl der Medaillen ab, und da führen die Amis, wir auf Platz sechs. Die erste gefällt mir besser. Außerdem gibt es wütende Kontroversen in den Zeitungen um die chinesischen Turnerinnen. Manche der kleinen Athletinnen hätten noch Zahnlücken, was darauf schließe, dass die Milchzähne gerade erst ausgefallen sind, die neuen Zähne noch nicht geschoben haben. Das würde heißen, dass sie höchstens zehn Jahre alt sind. Die haben Sorgen, gucke ich mir die Reiter an, etwa den 67-jährigen Kanadier Ian Millar oder den 61-jährigen Dressurreiter Hiroshi Hoketsu, da stellt sich nicht die Frage, ob erste oder zweite Zähne, sondern ob zweite oder dritte.

Bis später!

Vielseitigkeit  13.08.2008 12:46

Die Nacht danach: Alle Hinni und weg

Als der Held des Tages eintraf, war es schon vier Uhr morgens. Die Dopingprobe hatte etwas länger gedauert bei Hinrich Romeike, Stichwort dehydriert. Da mussten erstmal zwei Liter Wasser durchlaufen, bis die Tester hatten, was sie wollten. Als der Doppelolympiasieger endlich eintraf, die beiden Medaillen um den Hals, da bebten schon die Wände in der Hotelbar. Kurt Gravemeier hatte die Siegesparty klar gemacht, als die Hotelleitung die Musik nur bis eins anlassen wollte, drohte der Springreiter-Bundestrainer kurzerhand, dass die ganze Gesellschaft in die Karaoke-Kneipe gegenüber umziehen würde. Das wirkte. Und so nahm die Feier ihren Lauf. Reinhard Wendt tanzte hüfteschwingend auf der Tanzfläche, die Reiter von Down Under erfreuten mit Gesang und einem kleinen Striptease, wobei unter anderem die makellose Gestalt von Mark Todd zu bewundern war. Der genießt es hier, man hat das Gefühl, er ist froh, wieder mittenmang in der Szene mitzuschwingen, peilt jetzt nach seinem ordentlichen Abschneiden, noch einmal die Weltreiterspiele 2012 in Kentucky an. Dann, so meint er aber, braucht er doch noch ein anderes Pferd als Gandalf. Mit der ersten Geländerunde des Tages, ruhig und mannschaftsdienlich, gab er den folgenden Reitern Sicherheit. Er ist immer noch eine Legende. Obwohl nur 17. (von Platz 30 in der Dressur), sah man ihn am nächsten Morgen schon wieder in einem kleinen Hotelpark dem Fernsehen Interviews geben. Nachdem Hinnis Medaillen ausführlich bewundert worden waren, die chinesischen Volunteers ihre Handy-Akkus leergeknipst hatten, nachdem Hinni und Paul Schockemöhle sich zu später, besser früher Stundegegenseitig höchster Wertschätzung versichert hatten, Jörg Naeve, Hinnis privater Springtrainer, noch einmal alle Schulterklopfer entgegengenommen hatte, verschwanden die letzten um sechs Uhr morgens aus der Bar. Ich glaube, das war schon die lustigste Nach in Hongkong.

Ausschlafen war nicht, die FN lud die Medien zum Lunch in den Jockey Club. Elf Gänge – ein wahres Festmahl, das sich bis in den Nachmittag hinzog.

Heute knallt die Hitze wie nichts Gutes, gleich beginn der Dressur Grand Prix mit Hans-Peter Minderhout  dem ersten Niederländer. Der Kampf geht weiter, beziehungsweise fängt erst richtig an.

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