Aachen-Blog – Max Kühner: „Wir leben unseren Sport“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Frühstück bei Hamptons. Auf ein paar Worte mit dem Sieger im Europapreis.

Eigentlich müsste er dringend zum Friseur, sagt Max Kühner. Ich finde zwar, er sieht fabelhaft aus und weiß gar nicht, wo ein Friseur durch Abschneiden noch was verbessern will, aber sei’s drum. Ich freue mich, dass der Sieger im Preis von Europa gestern Abend noch Zeit findet für ein Gespräch, beim Frühstück im Hotel Hampton, fünf Minuten zu Fuß vom Reitstadion, 15 Minuten, wenn man, wie ich, erstmal in die falsche Richtung rennt.

Mit Übersicht, statt spektakulär

Tisch Nummer 17, ein Zweiertisch, passt. Max Kühner holt mir einen Kaffee, widmet sich seinem Käsebrötchen, es kann losgehen. Er erzählt von Elektric Blue, dem Pferd, das ihn gestern zum Sieg getragen hat, als erster Starter im Stechen, eine trickige Position. Entweder man macht eine ruhige Runde, mit wenig Aussichten auf den Sieg oder man beeilt sich, auf die Gefahr hin, dass eine Stange fällt. „Der Umlauf war zu leicht, es gab zu viele Nuller, und es war klar, dass nur schnelle Pferde im Stechen sein würden, denn die anderen waren ja schon vorher aussortiert.“

Mit Elektric Blue, heute zehn, war es Liebe auf den ersten Blick. Der erste Blick galt einem Video, anlässlich der Hengstkörung der Süddeutschen in München. Der zweieinhalbjährige Braune sprang „mit Übersicht“, wie Max Kühner sagt, nicht spektakulär. Nach dem Kauf führte der Weg vom Körplatz direkt in die Tierklinik, um Elektric Blue von seiner Männlichkeit zu befreien. „War einfach kein Hengsttyp.“

Die geborenen Profis

Alle Pferde kommen jung zu Familie Kühner. „Wir leben den Sport“, sagt er. Wir, das sind seine dänische Frau Liv, eigentlich Dressurreiterin, und drei Töchter im Alter von elf und acht Jahren und acht Monaten. Die beiden Älteren sind schon im Springsattel unterwegs, mit Ponys und mit Pferden bei den „Children“. Pferde faszinieren sie. „Sie sind die geborenen Profis“, sagt Kühner. Wie äußert sich sowas schon im Kindesalter? „Wie sie mit Niederlagen umgehen.“ sagt er, „Sie wissen, das gehört dazu. Es gibt schon Enttäuschungen, aber ohne Niederlage gibt es auch nicht den nächsten Erfolg.“

Die beiden jüngeren Töchter sind mit ihrer Mutter unterwegs nach Aachen. Vielleicht deswegen der Friseurtermin? Im Großen Preis am Sonntag lauert ja nochmal eine große Chance. Die Elfjährige ist mit einer älteren Freundin, die schon den Führerschein hat, mit Pferd und LKW unterwegs nach Österreich zum einem Turnier.

Den reiterlichen Wechsel von Deutschland nach Österreich vor einigen Jahren hat Max Kühner keinen Moment bereut. Hier ist er die Nummer Eins, kann seine Turnierpläne selbst gestalten. „In Deutschland bekam ich zwar viele Chancen in Nationenpreisen, aber es gab immer welche, die deutlich vor mir waren.“ Er beschwert sich nicht, sondern stellt nur fest: „Für Championate war ich oft auf der Longlist, auch unter den ersten acht, aber nie unter den letzten vier, die dann zum Einsatz kamen. Ich war immer in Warteposition.“ Es war die große Zeit von Ludger und Markus Beerbaum, Marcus Ehning und Meredith Michaels-Beerbaum. Heute wäre Bundestrainer Otto Becker wahrscheinlich manchmal froh, einen Max Kühner im Team zu haben.

Max Kühner war nicht immer ausschließlich Reiter. Nach dem Abitur bestand der Vater auf einem Studium: BWL. „Es war furchtbar langweilig, damals habe ich meinen Vater verflucht, heute bin ich ihm dankbar.“ Das Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge hat ihm nicht geschadet, nicht bei der Gründung seiner eigenen Leasingfirma, als zweites Standbein, noch bei seinem Reitbetrieb. Wie alle Top-Reiter ist er ständig auf der Suche nach hochbegabten Springpferden. Mannschaftsolympiasieger Peder Fredricson hat mir mal gesagt: „Wir alle gucken jedes Wochenende bei Clipmyhorse und in der FEI-Database nach Pferden, die immer null gehen. Die braucht man.“ Und die wollen alle haben. Max Kühner hat das System noch verfeinert. Seine Reiterkollegen erzählen sich ehrfürchtig, dass er von seinen Mitarbeitern einen Algorithmus hat erstellen lassen, der alle Pferde in einem bestimmten Alter, Fünf- und Sechsjährige, erfasst, die 15 mal hintereinander Null gegangen sind. Und die guckt er sich dann näher an. Irgendwie genial.

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Wie alle Reiter in dieser Kategorie, handelt er natürlich auch. Irgendwie muss das Rad sich drehen. „Sonst laufen die Kosten davon.“ Max Kühner rechnet, dass ein Spitzenpferd, das spitzenmäßig betreut wird, mit Physiotherapie und allem Pipapo, ihn 3000 Euro im Monat kostet. Ohne Reiten. Und dann auf einmal erscheinen die Millionenbeträge, die für einige wenige Pferde gezahlt werden, gar nicht mehr so gigantisch. Jedenfalls nicht für die, die sich das leisten können.