Auf der Suche nach dem wahren Horsemanship

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Von Horsemanship, jener schwer definierbaren Gabe, Pferde zu verstehen, war an dieser Stelle schon öfter die Rede. Wir nennen es auch Pferdeverstand, die Fähigkeiten, sich in ein Pferd hineinzudenken. Viele bemühen sich ihr ganzes Leben darum, andere, und das sind wahrscheinlich die wahren Pferdeleute, müssen sich nicht bemühen, denen ist der Pferdeverstand angeboren wie anderen das Mathematik-Gen.

Jetzt fiel mir ein Buch in die Hand, in dem es genau darum geht. Der junge Kanadier Tik Maynard begab sich auf eine Art Bildungsreise, auf der Suche nach Horsemanship, nach der wahren Pferdeausbildung. Was ist das eigentlich, wo finde ich es und von wem kann ich es am besten lernen? Der Ansatz ist zumindest ungewöhnlich und erinnert auf den ersten Blick an die Suche der Romantiker nach der Blauen Blume. Aber nur auf den ersten, mit der Romantik ist es schnell vorbei.

Tik, der zwar aus einer Pferdefamilie stammt, aber bis zu seinem Aufbruch wohl ein eher mittelmäßiger Reiter ist, versucht zunächst eine Stelle als Praktikant zu finden. Stallarbeit gegen Reitunterricht – so stellt er sich das vor. Vielleicht hätte ihm einer sagen sollen, dass das ein wenig naiv ist, ganz ohne Geld, ohne eigene Pferde und für den jeweiligen Stallchef alles andere als ein zahlungskräftiger Kunde. Tik wälzt Internet-Seiten, bekommt meist Absagen, dann doch ein paar Zusagen für eine Praktikanten-Stelle, die erste in einem renommierten Dressurstall am Niederrhein, nein, nicht bei Isabell Werth.

Lehrjahre in Deutschland

Zwölf Boxen täglich ausmisten, Pferde für den Chef fertigmachen, abreiten, trocken reiten. Der Unterricht ist spärlich, gelegentlich ein kurzes Wort, dann ist der Praktikant wieder tagelang Luft für den Chef. Nach acht Wochen wird ihm bedeutet – nicht vom Chef persönlich, sondern von einer Angestellten – er solle bitte gehen, er sei nicht gut genug für den professionellen Stall. Er geht, ohne ein böses Wort zu verlieren und verbucht die Zeit als lehrreiches Experiment. So beschreibt Tik diese erste deutsche Erfahrung in seinem Buch.

Zum Glück gibt es noch eine zweite, bei Ingrid Klimke. Dort findet er alles, was er erhofft und erwartet hat. Der Name Klimke ist für ihn reine Magie, Ingrid als Tochter ihres berühmten Vaters Reiner Klimke Objekt ungetrübter Bewunderung. Tik bekommt Reitunterricht, lernt durchs Zuschauen und bekommt kluge Antworten auf die vielen Fragen, die ihm auf der Seele brennen. Über Ingrid Klimke schreibt er: „Sie war immer vorzeigbar. Nie habe ich sie ihre Stimme erheben hören, doch jedes Wort, das sie sprach, trug das Gewicht ihrer Familiendynastie.“ Schön gesagt.

In Münster trifft er auch Paul Stecken, damals 92, den Nestor der klassischen Reitausbildung, von dem er bis dahin nur gelesen hatt. Tik darf sogar in der Unterrichtsstunde bei Stecken mitreiten und erfährt von einem Freund, dass Stecken ihm „reiterliches Gefühl“ bescheinigt hat. „Hier und da ein wohlwollendes Wort kann Motivation schaffen, die dich monatelang voranbringt“, schreibt er. Guter Tipp in Richtung Ausbilder.

Neuer Wortschatz

Die Zeit bei Ingrid ist viel zu schnell vorbei, es zieht den Suchenden weiter. Die nächste Station ist der Vielseitigkeitsstall von David und Karen O’Connor in Florida, beide internationale Spitzenklasse, David Olympiasieger 2000. Bei diesen beiden ist „Verständnis“ das Schlüsselwort. Tik ändert seinen Wortschatz: Er sagt kooperativ statt unterwürfig, bitten statt sagen, sollte, nicht musste. Kleinigkeiten gewiss, aber bekanntlich verändert Sprache auch das Denken. „Es war David, der mich darauf hinwies, das wir lernen sollten, die Sprache des Pferdes zu sprechen, anstatt das Pferd zu zwingen, unser menschliches Vokabular zu verstehen. “

Das Praktikum beim kanadischen Springreiter Ian Millar dauert nur einen Tag. Es ist beendet, als Millar erfährt, dass sein neuer Eleve für US-Pferdezeitschriften schreibt. („Das ist ja, als ob ich die Paparazzi in mein Schlafzimmer einlade.“) Weiter führt ihn der Weg nach Texas, weniger um das Reiten zu verbessern, als Cutting und Jungpferdearbeit zu lernen. Und das sogenannte Natural Horsemanship, eine Ausbildungsmethode weitgehend von Boden aus. Schon das Wort ist etwas albern, denn eine unnatürliche Horsemanship ist schwer vorstellbar. Tik lernt im Westernsattel zu sitzen und mit dem Knotenhalfter umzugehen, er lernt mit dem Lasso Rinder zu fangen und ein Pferd dazu zu bringen, ihm ohne Zaumzeug und Sattel zu folgen. Interessante Erfahrung.

Eine neue Welt

Im Springstall von Anne Kursinski in Wellington macht er sich so gut, dass sie ihm eine Stelle als Assistenztrainer anbietet, die Zeit des Ausmistens ist Geschichte. Im Turnierzentrum Wellington Village sieht er eine neue Welt wie aus einem Society-Roman entsprungen: Drogen, Sex, hohe Einsätze, Konkurrenz, Klatsch, teure Pferde, schicke Menschen. Aber auch lange Arbeitstage und Wochenendpartys, die bis Dienstag dauern. Er bleibt noch eine Weile bei Anne, der Perfektionistin, lernt immer mehr dazu. Es ist die letzte Station seiner Suche nach dem wahren Horsemanship.

Inzwischen hat er die Frau seines Lebens gefunden, die Vielseitigkeitsreiterin Sinead Halpin. Die beiden machen sich selbstständig, sind gefragte Trainer, die eine Antwort auf manche Frage haben, die nicht im Lehrbuch steht. Was haben Tik die Wanderjahre gebracht? Vielleicht nicht die Olympiaqualifikation, aber ein paar Aha-Erlebnisse, die womöglich genauso viel wert sind. Etwa, wenn Ingrid Klimke sagt: „Egal, was Du für ein guter Reiter bist, egal, wie außergewöhnlich dein Sitz ist, das Pferd wird sich ohne dich immer leichter und eleganter bewegen. Es liegt an uns Reitern, unsichtbar zu sein, sodass wir diese Geschöpfe vorzeigen dürfen.“

Tik Maynard: Wanderjahre eines Horseman. Auf der Suche nach der wahren Pferdeausbildung. Kosmos 2020, ISBN 978-3-440-16835-6, 22 Euro


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