Blog 1: Le journalist primeur est arrivé

Et voilà: Heute geht’s im State d’Ornano los

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Über französische Organisation, O mit Umlaut, radelnde
deutsche Funktionäre und das Gefühl einen kommenden Weltmeister zu überholen.

Kennen Sie den? Der Himmel ist, wo die Köche Franzosen, die Liebhaber Italiener und die Finanzverwalter Schweizer, die Autofahrer Briten sind und alles von Deutschen organisiert wird. Und die Hölle ist, wo die Köche britisch, die Finanzverwalter italienisch, die Liebhaber aus der Schweiz kommen, die Autofahrer deutsch und die Franzosen mit derOrganisation beauftragt sind. Kein Brüller, aber ein Klassiker. Einer mit einem wahren Kern. Die Stichworte lauten Hölle, Organisation und Franzosen!
Gestern

Nach elfeinhalb Stunden Autofahrt durch Belgien im Schnitt mit 30 Stundenkilometern die erste Überraschung: Offizielles Pressehotel (an einer äußerst gut befahrenen Ausfallstraße nach Caen), ab 21 Uhr Computer-Check-In. Ach ja, auf der Autobahn war auf einmal ein weißer LKW: Carl Hester stand drauf geschrieben. Da konnte ich dann kurz mal austesten, wie es sich anfühlt, einen potenziellen Weltmeister (ich nehme mal an, dass Valegro drauf stand) zu überholen.

Also Computer Check-In: Sieht aus wie ein Geldautomat, funktioniert auch ähnlich. Wenn der Pin, oder konkreter die Reservierungsnummer stimmt. Meine tat es nicht. Pas de reservation, keine Reservierung, tolle Wurst! Immerhin gibt es ein Notfalltelefon, an das auch bald eine Damenstimme geht: Do you speak English? Pardon? Anglais? Non! Na prima, also Schulfranzösisch rausgekramt und irgendwann steht die Dame auf einmal neben mir, die Schlüsselkarte in der Hand. Bonne nuit!

Heute

Das war ein Vorgeschmack, der Tragödie zweiter Teil sollte dann heute Morgen folgen. Akkreditierung. Es gibt unterschiedliche Angaben, wo man die Unterlagen abholen soll. Egal wo, Parkplätze gibt es keine. Auch keinen Parkschein. Ob ich den denn wirklich angefordert hätte, fragt die Dame. Selbstredend auf Französisch, Englisch kann hier ja niemand. Der chef de transportation ist nicht da und geht nicht ans Telefon. Warum auch? Wir haben Samstag, die Welt reist nach Caen, da kann man ja mal ausschlafen oder ein paar extra Croissants zuhause in den Café au lait tunken. Ich mache es kurz. Nach nur zweieinhalb Stunden komme ich mit meinem Konzept zunächst charmantes französisches Radebrechen, später Englisch mit Nachdruck (und gewürzt mit ein paar deutschen Kraftausdrücken, die eine der Damen hinter dem Tresen offenkundig versteht) ans Ziel. Ich habe den Parkschein und gehe triumphierend an Kolleginnen und Kollegen aus Neuseeland und Großbritannien vorbei, die noch nicht so erfolgreich waren wie ich. Auch das ö in meinem Nachnamen ist nicht einfach. Ich versuche es mit buchstabieren. Mein e ist wohl nicht ä genug, um als E verstanden zu wissen. Die ältere Dame macht immer schneller ä ich sage hin und wieder oui, wer uns hört, der könnte auch meinen, hier würde eine amouröse Szene zwischen einer älteren französischen Dame und einem Deutschen synchronisiert. Egal, mit Akkreditierung und Parkschein gehts zum zentralen Ort der Spiele: State Michel dOrnano.

Das Fußballstadion dOrnano ist ein beige gestrichener Betonklotz im Westen Caens, eingeweiht 1993 mit einem Freundschaftsspiel gegen den FC Bayern München (die Bayern verloren 1:4). Blaue Stahlrohre sollen wohl wollen etwas architektonische Raffinesse bringen. Ich weiß nicht, ob französische Zweitligafußballer auf Äckern kicken, aber der Sandboden im Stadion ist alles andere als eben. Das erkennt man mit einem Blick. Die Aufgänge und Treppenhäuser haben nicht den cremefarbenen Anstrich verpasst bekommen. Hier herrscht Sichtbeton vor, oben quellen Kabel aus der Decke, Stahlträger und funzelige Leuchtstoffröhren bieten ein ganz besonderes Ambiente. Location-Scouts für Tatort oder Wallander aufgepasst! Dies ist der Ort, an dem die missbrauchte Frauenleiche liegen muss. Und jeder Zuschauer wird sich fragen, wie man als Frau um Gottes Willen auf die dämliche Idee kommen kann, hier alleine lang zu gehen. Muss ja schief gehen.

Unser Erkundungstrupps besteht aus den ersten drei deutschen Journalisten, die schon da sind: Ein Plöner Fotograf, FN-Pressesprecherin Susanne Hennig und meine Wenigkeit. Im diffusen Dämmerlicht unter der Pressetribüne zitiert der Plöner plötzlich Goethes letzte Worte: Mehr Licht!! Er hat Recht. Und wenn wir gerade bei den Klassikern sind: Beim Weg vom Abreiteplatz ins Stadion hat Schillers Wilhelm Tell Pate gestanden: Durch diese hohle Gasse muss er kommen ein bestimmt 50 Meter langer Tunnel führt ins Stadion herein.

Fabienne Lütkemeier, die nach dem Ausfall von Totilas ins deutsche Dressurteam nachgerückt ist, guckt sich schon mal alles an. Reiten dürfen wir hier noch nicht, sagt sie. Erst morgen, nach dem Vet-Check, ist die Arena dann frei. 90 Sekunden haben die Dressurreiter im Wettkampf vom Beginn des Tunnels bis zum Einreiten ins Viereck Zeit Dressur gerichtet nach Fehler/Zeit, auch mal was Neues. Alles ist präzise festgelegt. Mal sehen, wie das dann in der Durchführung mit den französischen Kräften aussieht.

Alles andere als schlecht organisiert ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN). Chef de Mission ist Dr. Dennis Peiler. Er hat das Autodebakel rechtzeitig erkannt und Fahrräder für die Offiziellen gemietet. Wer mit dem Auto durch Caen kurvt, trifft immer wieder auf engagiert in die Pedale tretende deutsche Funktionäre, unschwer an den knallroten deutschen Teamjäckchen zu erkennen. Schmied Dieter Kröhnert hat einen kleinen Anhänger an seinem Velo. So shuttelt er zwischen den Stadien hin und her. Ich nehme an, dass er seine Pannenausrüstung dabei hat, Ersatzeisen, Abschleppseil und Pferdeheber. Und vermutlich er hat auch noch Platz für Baguette und andere Nahrungsmittel, denn die sind außerhalb des Stadionzauns deutlich günstiger zu haben. Bon Appetit!


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