Blog aus Aachen: Alte Freundinnen, Fluchtinstinkt und neue Schals

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Das CHIO Aachen (© www.chiuoaachen.de)

St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer über Fluchtinstinkte, alte Freundschaften und die Unterstützung der Mongolei und des deutschen Bruttosozialprodukts.

Auf dem Bereithalteplatz in Aachen bot sich am Donnerstag ein kurioses Bild. Lauter Pferde, die wie vor einem Rennen von Pflegern herumgeführt wurden. Alle auf Kandare, alle Reiterinnen mit Helm. Gibt es jetzt schon Führzügelklassen für Erwachsene, dachte ich. Unserer kreativen FN ist ja alles zuzutrauen. Ich lag falsch, es war die Siegerehrung für den Grand Prix de Dressage, der Prüfung, in der Gehorsam und Vertrauen des Pferd ein wichtiges Beurteilungskriterium sind.  Auch Reiterinnen, die im Viereck im eleganten Zylinder auftraten, hatten sich für die Siegerehrung mit festem Helm bewaffnet, eine sehr gute Sicherheitsmaßnahme, wie sich herausstellte. Kaum wurden die Pferde im großen Stadion von der Kette gelassen, brach das Chaos aus. Alle liefen durcheinander, von einer ordentlichen Aufstellung konnte keine Rede sein, gerade noch gelang es, dem Siegerpferd Verdades von Laura Graves die Sponsorendecke überzuwerfen. Der Stadionsprecher rief zur Ehrenrunde auf, das war entschieden ein Fehler. Ein Pferd ging durch, ein anderes raste ventre à terre auf einer Endlosschleife, die anderen gebärdeten sich wie eine Herde Wildpferde.

Warum geht es bei Vielseitigkeits- und Springpferden eigentlich so viel gesitteter zu? Reitmeister Martin Plewa, als CICO-Chefrichter vor Ort,  hat eine Erklärung zur Hand: „Jedes Pferd hat den Urinstinkt, seine Fluchtreflexe zu trainieren. Dressurpferde haben dazu selten Gelegenheit, weil sie fast nie auf die Weide kommen. Und dann sind sie auf einmal mit vielen Artgenossen in der Soers.“ Yippi, endlich mal losrennen, das erfreut einfach das Dressurpferdeherz! Turnierleiter Frank Kempermann, zugleich Vorsitzender des FEI-Dressurausschusses, hat dazu eine Idee: „Die sollten alle mal ein paar Wochen bei der Polizeistaffel trainieren.“

Gestern Abend hatte Bella Rose mit Isabell Werth ihren zweiten großen Auftritt in der Soers. Und alle kamen, aus dem Springlager Ludger Beerbaum mit Frau und Töchtern, Vierspänner-Bundestrainer Charly Geiger, Nelson Pessoa, einst Weltspitze im Springsattel, jetzt Springtrainer der Australier und deswegen im Aussie-Outfit. Sie wurden belohnt, durch eine Vorstellung, die Dressurfans einen Schauer über den Rücken jagte. Soooo schön.(Ausführliches lesen Sie hier).

Es ist ja immer wieder interessant zu hören, wie die Reiterinnen in die Mikros jubeln, wenn sie nach ihren Pferden gefragt werden. Glaubt man Jessica von Bredow-Werndl kriegt Unee eine Depri, wenn nicht er, sondern ein anderer Vierbeiner aus der Box gezogen wird. Laura Klaphakes Catch me if you can ist so was von glücklich, wenn sie nach zwei Monaten Pause endlich wieder einen Sprung machen darf. Und Wolle, wie Sandra Auffahrts Weltmeister Opgun Luovo genannt wird, war ja so enttäuscht, dass er nicht in Aachen gehen durfte. „Er liebt Aachen und kriegt immer ganz große glänzende Augen, wenn er hier ist“, sagte Sandra. Da sind wir jetzt aber mal alle ganz traurig für Wolle.

Die Promi-Dichte wächst, je mehr es dem Weekend zugeht. Fußballstar Thomas Müller und Ehefrau Lisa, beide bekennende Pferdefans, sind schon ein paar Tage hier und schauen vor allen zu, wenn Isabell Werth reitet. Sie trainiert bekanntlich Pferde von Lisa Müller und sie selbst.  Irgendwie hat der glücklose WM-Kicker diesmal mehr Zeit, sich ungestört dem Sport zu widmen. Auch Ex-Minister Karl Theodor von Guttenberg mit Frau Stephanie schaute heute vorbei.

Dann traf ich Irene, eine Freundin, mit der ich mich vor Jahrzehnten in derselben Reitschule um die Grundzüge der Reitkunst bemühte. Klein kräftig, fröhlich, bewaffnet mit einem Sonnenhut, Akkreditierung um den Hals. Sie ist Hindernisrichterin im Gelände, zusammen mit einer Handvoll Vereinskameraden vom Reiterverein Offenburg. Ein Verein, der mehrere Vielseitigkeitsturniere im Jahr ausrichtet und sich in Aachen für das verantwortungsvolle Amt beworben hat. Irgendwie klasse, finde ich.

Und dann sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass meine Freundinnen und ich das Bruttosozialprodukt der Mongolei gesteigert haben, es gibt hier nämlich einen Stand mit den schönsten Kaschis und Tüchern aus dem fernen Asien und ich habe einiges vom Silbernen-Pferd-Preisgeld dahin getragen. Ich sage keinen Namen, das wäre ja Produktplacement, ihgitt! Der Stand ist übrigens gleich neben dem Fahrplatz.


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