Blog 3 aus Aachen:  Was Horsemanship wirklich ist

Dirk Schrade und Hop and Skip

Was Horsemanship wirklich ist, konnte man in Aachen von den Buschreitern lernen.

Der Begriff Horsemanship hat in der Reitersprache ja verschiedene Bedeutungen. Manche verstehen darunter, Pferde über Stangen auf dem Boden zu bugsieren oder sie zu überreden, über eine flatternde quietschbunte Plane zu gehen. Ist natürlich auch wichtig im Reiterleben, sowas begegnet einem ja dauernd. Schon sehr viel länger, bevor geschäftstüchtigen Amerikanern einfiel, das Wort für ihre teuer verkauften Wunder-Methoden zu gebrauchen, verstanden Engländer und andere Pferdemenschen etwas anderes unter Horsemanship: Das tiefe Verständnis und das Gefühl für das Pferd, ohne das niemand ein guter Reiter wird, noch nicht mal ein guter Pfleger oder Trainer. Wie Horsemanship aussieht, konnten die Zuschauer am Rande des Abreiteplatzes in Aachen erleben: Der nicht nur äußerlich große Mark Todd, Vielseitigkeits-Doppelolympiasieger, saß nach dem Cross von seinem Pferd Campino ab. Statt den Hannoveraner der Helfer-Crew zu überlassen, griff er selbst zu Schwamm und Wassereimer, kühlte sein Pferd, fühlte die Beine ab, ließ es sich vorführen, ob alles in Ordnung war. Erst dann stand er dem Stadionsprecher für ein Interview zur Verfügung. Und damit war er nicht der Einzige. Der nächste Reiter, Dirk Schrade, machte es genauso, versorgte Hop and Skip höchst selbst, bevor Freundin Johanna von Fircks umarmt wurde. Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen. Sind Vielseitigkeitsreiter die besseren Menschen? Im Prinzip wohl nicht, aber einen Dressurreiter mit Schwamm und Eimer habe ich in Aachen jedenfalls nicht gesehen …

Ohne Unterstützung durch Mann und Kinder kämpfte sich die Schwedin Sara Algotsson-Ostholt in Aachen auf der Rabino-Tochter Reality mit einem Vorbeilaufer durch den Kurs von Rüdiger Schwarz. „Schwerer als wir morgens dachten“, sagte sie. Ehemann Frank Ostholt und Sohn Erik (zehn Monate) hatten noch bei der Dressur unterstützend eingreifen können, heute ist Frank Ostholt selbst mit vier Pferden auf einem kleineren Turnier unterwegs. Kindergartenkind Wilma (5) ist so verrückt nach Pferden, wie es sich bei der Abstammung (beide Eltern Olympiamedaillengewinner) gehört. Und Vater Frank fand sich unlängst in einer Rolle wieder, die er lange weit von sich gewiesen hatte: als Führer in der Führzügelklasse mit seiner Tochter auf Reality. Stolz wie Bolle auf den Sieg seines Sprösslings. Diese erste goldene Schleife hat nun einen ganz besonderen Platz im Hause Ostholt! Insgesamt ist es ein rechter Balanceakt zwischen Kindern, Pferden, Training und Turnieren. Nicht immer ist ja wie in Aachen ein so begabter Babysitter wie Reinhard Wendt, pensionierter FN-Sportchef, zur Stelle, um Klein Erik zu bespaßen, wenn die Eltern im Sattel sitzen. Also dringend gesucht: ein Aupair-Mädchen.

Etwas glücklos agierte Niklas Bschorer bei seinem ersten Aachen-Auftritt, nach mehreren Verweigerungen von Tom Tom Go gab er auf. Der 20-Jährige gilt als Riesentalent, trainiert in England, wo er in der Nähe von Bristol fünf Boxen gemietet hat. Er reitet nicht nur, sondern pflegt auch selbst, eine Pferdepflegerin würde das Budget sprengen. Zum Springtraining fährt er zu Mark Todd, für die Dressur kommt der Vater, der Tierarzt Dr. Wolfgang Bschorer, aus Bayern angereist. Er ist nach wie vor der Hauptsponsor seines Sohnes, der bereits als Schüler längere Zeit beim Honorartrainer der deutschen Reiter, Chris Bartle, in Yorkshire trainiert hat. Dort ging er auch zur Schule, die er mit so guten Noten abschloss, dass er sofort einen Medizin-Studienplatz in Deutschland bekam. „Der liegt jetzt auf Halde“, sagt Niklas. „vielleicht studiere ich auch BWL in England.“ Weil man dabei nämlich weiter reiten kann. Niklas’ Prioritäten sind also  auch klar.

Erst morgen steigt die Siegerehrung für die Buschreiter, davon werden noch einmal die deutschen Pferde vorgeführt, um das Team für die EM im schottischen Blair festzuzurren. Keiner murrt, alle finden es herrlich, noch einen Tag in der Soers feste den Doppelsieg zu feiern. Sind eben doch ’ne andere Sorte, unsere Buschis.


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