Das Geschäft mit den Beistellpferden

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Im Mai 2018 berichteten wir über mehrere Fälle, in denen von ihren Besitzern in gutem Glauben abgegebene Beistellpferde plötzlich verschwunden waren. Das gibt es nicht nur in Niedersachsen, wie eine Bekannte von St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer jetzt feststellen musste.

Dies ist eine Geschichte, die schon viele Pferdebesitzer erlebt haben, die ihr Pferd mit einem sogenannten Schutzvertrag in vermeintlich gute Hände entlassen haben. Bettina Hörich, in jüngeren Jahren eine erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin, dachte, sie habe eine für alle ideale Lösung gefunden, als sie ihr Zweisterne-erfolgreiches Vielseitigkeitspferd Nanette einer österreichischen Züchterin anvertraute. Nanette war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt, reiterlich nur noch bedingt einsatzfähig und hatte bereits zwei Fohlen gebracht. Aber Familie Hörich hatte auf die Dauer nicht die richtigen Möglichkeiten für einen Zuchtbetrieb.

Viel versprochen, nichts gehalten

Die Züchterin, Inhaberin eines schicken kleinen Gestüts, nennen wir sie Heidi B., wollte versuchen, aus der sporterfolgreichen Stute noch ein oder zwei Fohlen zu ziehen. Sie versprach, dem Pferd ein gutes Zuhause auf ihrem schönen, luxuriös ausgestatteten Gestüt zu geben. Besiegelt wurde die Vereinbarung durch einen Schutzvertrag, in dem sich Heidi B. verpflichtete, Familie Hörich zu informieren, falls Nanette ernsthaft krank wurde oder eine Euthanasie im Raum stand. Dann hörte man nichts mehr voneinander, bis Hörich auf Umwegen erfuhr, dass das Pferd tot sei. Sie hakte nach und bekam zur Antwort, man habe das Pferd nach einer schweren Weideverletzung „erlösen“ müssen.

Weitere Recherchen ergaben, dass das Pferd nicht eingeschläfert, sondern zum Schlachter gebracht worden war, nachdem es „dauerhaft lahm“ gewesen sei. Der Pferdepass war verschwunden, ein von Hörichs eingeschalteter Anwalt erreichte zunächst nichts.

Das sagt der Rechtsanwalt

Für St.GEORG Rechtsberater Christian Weiss ist dies kein Einzelfall. „Es gibt Leute, die halten sich an Verträge, für andere ist das nur ein Blatt Papier.“ Die einzige Möglichkeit, sich abzusichern, ist für ihn die Vereinbarung einer Vertragsstrafe im Schutzvertrag. Sie muss so hoch sein, dass es schmerzt, wenn sie bei Vertragsbruch fällig und gerichtlich eingetrieben wird. „Ich halte eine Vertragsstrafe von bspw. 10.000 Euro für wesentlich wirksamer als alles (anwaltliche) Lamentieren über Wirksamkeit, Sittenwidrigkeit oder gar Tierschutz“, sagt der Jurist. Außerdem rät er zu häufigen Kontrollen mit Fotobeweis. Wenn Besuche bei dem Pferd immer wieder verhindert werden, dann ist etwas faul.

Berichte von spurlos verschwundenen Pferden kursieren regelmäßig in den Medien. In Niedersachsen „verschwanden“ im Laufe der letzten Jahre mehr 60 Pflegepferde, die zum Teil als Beisteller weggeben worden waren (St.GEORG berichtete). Einige tauchten wieder auf, waren inzwischen, obwohl gesundheitlich angeschlagen, als nutzbare Reitpferde weiterverkauft worden. Ihre Vorbesitzer mussten sie für teures Geld zurückkaufen. Dahinter steckt, so die Vermutung der Polizei, ein krimineller Händlerring, der an diesen Pferden noch Geld verdient.

Bei anderen Pferden, von denen ja viele kostenlos abgegeben wurden, kam jede Hilfe zu spät, sie waren längst auf irgendwelchen Schlachthöfen gelandet. Und brachten dann auch noch was ein. Sehr häufig wurden sie geschlachtet, obwohl im Pass der Vermerk „Kein Schlachtpferd“ stand, den der Tierarzt eintragen muss, sobald ein Pferd mit Medikamenten behandelt wird, die es für die Lebensmittelgewinnung untauglich macht. Das ist ein eklatanter Verstoß gegen das Lebensmittelgesetz der entsprechend bestraft wird. Es sind auch Fälle bekannt geworden, in denen die Pässe gefälscht wurden, das heißt, die Nieten wurden geöffnet und die Seite mit dem Vermerk einfach entfernt.

Fazit: Auch der letzte Gang muss ein gemeinsamer sein!

Auch Bettina Hörich fragte sich nun, was aus ihrer Nanette geworden ist. Der Pass war verschwunden, bzw. angeblich an den österreichischen Pferdezuchtverband zurückgeschickt worden. „Dort allerdings ist er nie angekommen“, sagt Bettina Hörich. Auf mehrfache Nachfrage wurde ihr als Beweis für die Schlachtung eine Kopie des vermeintlich verschwundenen Passes mit dem Vermerk „Geschlachtet“ geschickt. „Jetzt wissen wir wenigstens, wo unser Pferd ist“, sagt Bettina Hörich. Zumindest hofft sie das.

Irgendwann steht jeder Pferdebesitzer vor der letzten Frage. Ratschläge zu geben, ist schwierig. Aber Sicherheit gibt es nur auf einem Wege: Es auszuhalten, dabei zu sein, wenn das Pferd seinen letzten Atemzug tut.


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