Deutsche Meisterschaften in Riesenbeck und Balve – Corona-Turniere können auch schön sein!

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Gabriele Pochammer über ihre ganz persönlichen Eindrücke von den Deutschen Jugendmeisterschaften der Springreiter in Riesenbeck und den Deutschen Dressurmeisterschaften in Balve.

Wenn man in diesen Tagen irgendwo hinfährt, wo mehr als zehn Leuten beisammen sind, fällt es schwer, nicht an Corona erinnert zu werden. Masken und Abstandsregeln legen sich wie Mehltau über vieles, was normalerweise ein fröhliches Event wäre. Aber am vergangenen Wochenende war ich bei zwei Turnieren, wo man tatsächlich vergaß, dass wir in ernsten Pandemie-Zeiten leben – ohne dass die geltenden und ja durchaus vernünftigen Regeln verletzt wurden.

In Riesenbeck traf sich der Springreiternachwuchs zur Deutschen Meisterschaft, eine Woche nach den Dressurreitern. Auf der weitläufigen Anlage, die Ludger Beerbaum gemeinsam mit Grundeigentümer Baron Phillip Heereman geschaffen hat, kam sich auch ohne Maske niemand in die Quere, aber natürlich hatte jeder eine in der Tasche, falls es irgendwo eng werden sollte. Unter Zuschaueransturm leiden die Jugend-DM ja ohnehin nicht, was schade ist, denn es war eine Freude zu sehen, wie fein und mit geschultem Sitz die meisten der jungen Leute ihre fabelhaften Pferde, darunter ganz viele edle, „jugendgerechte“ Typen, über die Kurse steuerten.

Die Eröffnungsfeier wurde zu Fuß, mit Standarte des jeweiligen Landesverbandes, zelebriert. Hausherr Ludger Beerbaum fand ermunternde Worte zur Einführung. Alle stellten sich und ihr Pferd kurz vor, die Reiter, die natürlich meist Reiterinnen waren (Ich erspare mir Sternchen und anderen „gendergerechten“ Blödsinn), zwischen zwölf und 21 Jahre, inzwischen in vier Altersklassen, Ponys, Children (auf Pferden), Junioren und Junge Reiter. Mindestens so aufgeregt wie der Nachwuchs waren die dazugehörigen Trainer, selbst oft bekannte Namen. Ich sah unter anderem Karsten Huck und Dirk Ahlmann aus Holstein.

Von Riesenbeck nach Balve

Nur anderthalb Autostunden entfernt – davon viele Kilometer durch romantische Sauerland-Wälder – ging es nach Balve, seit 2011 in ununterbrochener Folge Gastgeber der Deutschen Meisterschaften Dressur und Springen. Diesmal war einiges anders. Die Spring-DM musste Turnierchefin Rosalie von Landsberg-Velen absagen. Sie wurde bekanntlich inzwischen auf Mitte November in die große Halle nach Riesenbeck verlegt. Das finanzielle Risiko sei für den Reiterverein Balve angesichts der stark eingeschränkten Zuschauerzahl einfach zu groß gewesen, sagte Rosalie von Landsberg. Statt 20.000 Besuchern, die in guten Jahren den Weg in die idyllische Anlage neben Schloss Wocklum finden, waren nur 600 zugelassen. Nun, für die Dressur war das kein Problem, ich erinnere mich an Dressurprüfungen, bei denen weniger Leute auf den Tribünen saßen.

Ein feines kleines Event mit zwei VIP-Zelten, benannt nach den Meisterpferden des vergangenen Jahres, Emilio von Isabell Werth und Showtime von Dorothee Schneider, dazu freundliche September-Sonne. Jeder kannte jeden, am Abreiteplatz konnte man Reiter und Pferde bei der Vorbereitung beobachten, hier und da ein bisschen schwätzen – eigentlich sind das die schönsten Turniere. Das sagt natürlich eine, die kein Geld in so einer Veranstaltung stecken hat. Von einer schwarzen Null sei man weit entfernt, sagte Rosalie von Landsberg am Sonntagnachmittag.

Pflichtveranstaltung für die Kaderreiter

Für den Dressur-A-Kader hatte Bundestrainerin Monica Theodorescu die DM zum Pflichttermin ausgerufen. „Das einzige Turnier mit allen drei Prüfungen in diesem Jahr“, sagte sie. Grand Prix als Quali, Meister-Titel jeweils in Special und Kür. Alle kamen, aber nicht alle mit den ersten Pferden. Von denen hätten manche zu Saisonbeginn kleine Zipperlein gehabt, so die Bundestrainerin. Deshalb seien sie noch nicht wieder voll im Training.

Der erste Titel

Ich denke, der erste Titel in einem Sportlerleben ist der schönste und der ging an Jessica von Bredow-Werndl mit ihrem EM-Pferd Dalera im Grand Prix Special. Zwar hat sie schon einige Schärpen aus dem Nachwuchsbereich, aber dieses war die erste bei den „Senioren“, also den Erwachsenen. Da rollten bei der Siegerehrung ein paar Tränchen. Das Gefühl? „Geil!“, kam die Antwort aus zartem Munde. Und der Blumenstrauß wurde geschwenkt, dass den Blüten ganz schwindelig wurde.

Es war schließlich nicht irgendein Sieg, sondern ein Sieg über die Frau, die der Nimbus der Unbesiegbarkeit umweht und hinter der sich Jessica oft genug einreihen musste. Isabell Werth wahrte wie immer Contenance, fand lobende Worte für ihre einstige Schülerin, der sie vor einigen Jahren in schwieriger Phase aus dem sportlichen Tief geholfen hat. Jessica hatte damals eine Durststrecke und schon überlegt, den Spitzensport aufzugeben. „Ich war zu der Zeit nicht sehr selbstbewusst und fuhr dann zu einer Frau, die für mich damals unerreichbar schien“, sagt Jessica. Sie habe ihr das richtige Werkzeug an die Hand gegeben. „Ich bin Isabell unendlich dankbar, jetzt vor ihr zu stehen, ist einfach abgefahren.“ Vor ihrem Ritt hatte sie einen langen Waldspaziergang mit dem dreijährigen Sohn Moritz gemacht. „Dann wird man sich wieder bewusst, dass es im Leben auch noch andere Dinge als Reiten gibt“, sagt sie.

Unfreiwilliger Zaungast

Zugucken zum Beispiel. Das war am Sonntag während der Kür das Schicksal von Jessicas Bruder Benjamin. Er hatte sich beim Schauabend, zu dem eine von TV-Star Jörg Pilawa moderierte Geschicklichkeitsfahrt mit dem Segway gehörte, das Schlüsselbein gebrochen. Er zeigte mir am Sonntag das Video, wie er kurzfristig auf dem schwankenden Gefährt die Balance verliert und weit in den Sand geschleudert wird. „Wenn ich den Arm ganz still halte, tut es nicht weh“, sagte er, aber „wenn ich die kleinste Bewegung mache, schmerzt es höllisch.“

Jetzt hofft er, um eine OP herumzukommen, aber 14 Tage wird er wohl zu Fuß gehen müssen. Dabei hatte er seine Pferde so gut in Schuss, wurde im Special mit Daily Mirror Vierter hinter den EM-Reiterinnen Jessica, Isabell und Dorothee Schneider, deren Faustus das erste Mal an einer DM-Medaille beteiligt war.

Zwei persönliche Bestleistungen konnte Faustus in Balve verbuchen. „Die Erfolge, mit denen man nicht rechnet, sind doch die tollsten“, strahlte Dorothee, die damit schon wieder ein Pferd auf die große Bühne gebracht hat.

In der Kür rückte Isabell dann ihre Welt wieder zurecht, gewann vor Jessi die Kür. Sie hatte ganz offensichtlich nicht vor, Niederlagen einreißen zu lassen und Platz zwei zu abonnieren. Die Entschlossenheit sah man ihr schon beim Einreiten an. „Sie hatte ja geradezu das Messer zwischen den Zähnen“, rief mir eine Richterin nach der Prüfung zu. Natürlich nur bildlich gesprochen. Isabell bleibt das Maß aller Dinge. Aber Jessi hat schon mal in bisschen am Sockel gekratzt. Und dabei wird sie es vermutlich nicht belassen.


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