Die Macht der Gene

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Manchen liegt der Pferdesport wohl einfach im Blut. Oder besser gesagt in den Genen – ein Paradebeispiel dafür ist Familie Whitaker aus Großbritannien, die aus dem Parcours quasi gar nicht mehr wegzudenken ist.

Der Sohn von Fußballstar Ronaldo trat am vergangenen Wochenende in Kempen am Niederrhein auf. Das Team Juventus Turin des Achtjährigen verlor 3:0 gegen die Kinder von Borussia Dortmund, aber unter der Aufsicht seines Leibwächters durfte Klein-Ronaldo mit anderen Kindern für ein Selfie posieren. So was nennt man wohl geerbte Prominenz. Das wird irgendwann natürlich nicht mehr genügen und wenn der Junge am Ende seinem Vater auf dem Fußballfeld nicht das Wasser reichen kann, dreht sich wohlwollendes Interesse ganz schnell in Häme um.

Erfolge über mehrere Generationen hinweg sind im Pferdesport nicht selten – was auch damit zu tun hat, dass Kinder, die im Stall groß werden und für die Reiten so selbstverständlich ist wie Essen und Trinken, erst mal einen klaren Heimvorteil haben gegenüber ihren Pferde-fern heranwachsenden Spielkameraden. In den deutschen Teams der Weltmeisterschaft in Tryon 2018 gab es dafür mehrere Beispiele: Sönke Rothenberger, der Sohn von Weltcup-Sieger Sven Rothenberger im Dressurteam, das von Bundestrainerin Monica Theodorescu, der Tochter des früheren Spitzenreiters und -ausbilders George Theodorescu geführt wurde. Maurice Tebbel, der Sohn des mehrfachen Championatsreiters René Tebbel im Springen. Ingrid Klimke, Tochter des sechsfachen Olympiasiegers Reiner Klimke in der Dressur. Und im niederländischen Vierspänner-Team fährt Bram Chardon immer schneller seinem Vater Ijsbrand davon.

Der Whitaker-Clan

Aber keine Familie hat annähernd so viele Spitzenreiter hervorgebracht wie der britische Whitaker-Clan. Nicht weniger als zwölf Whitakers sind in diesem Jahr laut Weltreiterverband FEI im Springsattel für das Vereinigte Königreich unterwegs, vier davon werden beim Hamburger Derby starten.

Alles fing auf der Hayside Farm im Dorf Upper Cumberworth in West Yorkshire an. John war der älteste von vier Brüdern. Mutter Enid war die treibende Kraft, was die reiterliche Laufbahn ihrer Söhne John, Michael, Ian und Steven anging. Vater Donald hatte einen Milchviehbetrieb, den er mit Hilfe von Arbeitspferden bewirtschaftete. Die Jugs fuhren vor der Schule mit dem Pferdekarren die Milch aus. Und abends durften sie manchmal ein bisschen länger aufbleiben, um noch Reiten im Fernsehen zu gucken.  Seit fast einem halben Jahrhundert ist der Name Whitaker im Springsport ein „Household Name“, wie die Briten sagen, so vertraut, als ob er zur Familie gehört. Auf jeden Fall zur Reiterfamilie.

Der heutige Senior und zugleich das Flagschiff des Clans, John Whitaker, ist diesmal in Hamburg nicht dabei. Der Derbysieger von 1989 brach sich auf dem Abreiteplatz beim Weltcup-Finale in Göteborg im April bei einem Sturz mit Argento das Schlüsselbein. Was ihn nicht davon abhielt, auf dem roten Teppich zu Fuß ins Scandinavium zu marschieren, um seinen Einzug in die „Hall of Fame“ der Gothenborg Horse Show zu zelebrieren. „Zum Glück ist Argento nichts passiert und er konnte  die Zeit für seine Aufgaben als Deckhengst nutzen“, sagt John Whitaker pragmatisch in der britischen Pferdezeitschrift „Horse and Hound“ . „Aber Runterfallen gehört halt zum Geschäft.“

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John Whitaker und Argento bei den Munich Indoors 2014. (© www.toffi-images.de)

Hart im Nehmen

Davon kann er ein Lied singen. 2006 stürzte er in Hamburg in der zweiten Derbyqualifikation mit Give me Remus, blieb minutenlang regungslos liegen. Am Ende war es „nur“ eine Gehirnerschütterung – nicht der Rede wert für einen Unverwüstlichen wie John. Der Schlüsselbeinbruch war nun eine Premiere. Johns Verletzungsstatistik umfasst einen gebrochenen Fuß als Kind, einen Beinbruch, ein paar Gehirnerschütterungen. „Eigentlich habe ich immer ziemlich viel Glück gehabt“, findet er. Ach, und da waren da noch die beiden gebrochenen Wirbel, von denen er gar nichts wusste und die nur zufällig bei einer vorsorglichen MRT-Untersuchung nach einem Sturz vor ein paar Jahren entdeckt wurden.

Wann das passiert sein soll, daran kann er sich beim besten Willen nicht erinnern. „Ich bin zwar ein paarmal runtergefallen und es tat auch ein bisschen weh, aber nicht, was nicht nach zwei Tagen wieder okay gewesen wäre. Da habe ich wohl Glück gehabt.“ Irgendjemand hat zu ihm vor kurzem gesagt, er solle es doch in seinem Alter ein bisschen ruhiger angehen lassen. Gute Idee, aber John sagte: „Bloß, dass man nichts gewinnt, wenn man es ruhiger angehen lässt.“

Auch nach seinem Göteborg-Maleur sitzt er schon wieder im Sattel, aber zum Derby nach Hamburg schickt er diesmal seine Verwandtschaft. Da ist einmal Bruder Michael (59), neben John die zweite Säule des britischen Springsports über viele Jahrzehnte. Johns Sohn Robert (36) und seine Neffen William (30) und James (20), die Söhne von John und Michaels Bruder Ian. Alle mit internationalen Erfolgen auf dem Konto wie ihre Vettern und Cousinen, die sonstwo auf der Welt starten. Fast alle sind sie Profis, trainieren auf ihren verschiedenen Anlagen, jeder mit mindestens vier Pferden für internationale Auftritte ausgestattet. Alle aus dem gleichen Holz geschnitzt. Wenn sie nach John kommen, alles Dauerbrenner.


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