Don’t party, don’t panic – jeder hat so seine Malaisen mit Covid und Computern in Tokio …

Gabriele Pochhammer Olympia 2021 Blog

St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer bloggt von den Olympischen Spielen 2021 in Tokio. (© www.st-georg.de)

Warum das Dressurtrio nur 30 Minuten für seine Siegesfeier hatte und uns ein außer Rand und Band geratenes Computersystem den letzten Nerv raubt.

Nach dem nächtlichen Triumph der Dressurdamen gestern Abend wäre ja unter normalen Umständen eine Sause bis zum Abwinken angesagt gewesen. Fehlanzeige. „Wir trinken jetzt noch schnell einen mit den Pflegern im Stall, aber der wird in einer halben Stunde zugemacht“, sagte Isabell Werth bei der Pressekonferenz. „Und im Hotel gibt es dann gar nichts mehr.“

Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl, die Fragerei bitte möglichst schnell zu beenden. Aber alle hatten sie ja auch schon seit Tagen geduldig in der Mixed-Zone auf unsere Handys gesprochen, Monica Theodorescu sogar einmal persönlich die Mobilphones mit dem Tablett eingesammelt, da können wir uns wirklich nicht beschweren.

Auch die Fragerunde beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), bei der Journalisten zum Zuge kommen, die sonst weniger mit Pferden zu tun haben, musste ausfallen, weil heute ja nochmal um die Einzelmedaillen gekämpft wird und Isabell, Jessica und Dorothee morgen mitsamt ihren Medaillen schon wieder im Flieger sitzen. So die Corona-Vorschrift. 48 Stunden, nachdem man seine „Aufgabe“ erledigt hat, muss man wieder aus dem Lande verschwinden. Stattdessen gab es eine Video-PK morgens um 7.45 Uhr, deutsche Zeit kurz nach Mitternacht. Die haben wir verpasst, weil wir gerade im Taxi zum Sea Forest saßen, wo uns der Geländeaufbauer Derek du Grazia ein paar typische Hindernisse erklärte. Davon später mehr.

Spitze im Spucken, aber Probleme beim Buchen

Corona-Schikanen plagen uns weiter, alle vier Tage ist ja ein Spucktest dran. Jeder hat da eine andere Methode, um das Röhrchen zu füllen. Der eine „sammelt“ eine halbe Stunde lang. Ein anderer, auch das wurde uns berichtet, hat mit ein bisschen Wasser aufgefüllt – hat offenbar keiner gemerkt, Test war ganz normal negativ.

Nervig ist das „Buchungssystem“ für jede Prüfung. Wir haben natürlich gleich am ersten Tag alles im Reitstadion gebucht, was ging, für die ganzen zwei Wochen. Einen Tag vorher soll man eine Mail erhalten, dass man „accepted“ ist. Wenn man sie denn erhält. Manchmal vergisst das System uns einfach. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich gestern Nacht ins Buchungssystem guckte und ich offenbar gar keinen Zugang für die Kür beantragt hatte. Das Datum war aus meiner Liste verschwunden.

Ich sah mich schon im Haupt-Pressezentrum vor dem Fernseher sitzen und so tun, als sei ich vor Ort, und schickte ein paar panische Mails rum, mit der Drohung, mich von der Tokyo Bridge zu stürzen, wenn ich zur Kür nicht ins Stadion komme. Und tat danach keine Auge zu, in der deprimierenden Überzeugung, dass ich offenbar zu blöd bin, ein richtiges Datum und die richtige Prüfung anzukreuzen. Und überlegte schon, wie ich es den anderen sage.

Ich fing beim Frühstück mit Jan an, und als der bei sich nachguckte, war bei ihm genau dasselbe: keine Kür auf der Buchungsseite. Jetzt Panik bei ihm, Entspannung bei mir. Konnte ja nur an diesem verdammten System liegen. Andere waren auch betroffen und Pressechef Andy schickte eine seiner Mails rum, die mit dem Satz beginnen: „Don’t panic, we get you in.“ War auch so, aber jedesmal ist man erstmal mit den Nerven zu Fuß!!

Erholung im Park und warum vier Kleiderbügel Luxus sein können

Die Buschis treten morgen zur Verfassungsprüfung an. Dann übermorgen und Samstag Dressur, und zwar auch am Vormittag, wenn es ganz schön heiß sein kann. „Ich beneide die Buschreiter nicht“, sagte Isabell, „das kann ganz schön heftig werden.“ Die Pferde hatten einen langen Flug, 24 Stunden, erzählt der Ausschussvorsitzende Jens Adolphsen. Das lag an der Zwischenlandung in Dubai. Auf dem Rückweg können sie direkt fliegen. Die Pferde waren ziemlich müde, sagt er, hätten sich aber gut erholt. Und nutzen jetzt jede Gelegenheit, sich auf dem Grasareal hinter den Trainingsplätzen zu wälzen.

Gestern morgen hatte ich nochmal so ein Erlebnis der anderen Art. Als ich aus dem Bad komme, fängt auf einmal mein Handy auf dem Bett ungefragt an zu reden. In rasender Abfolge spulen Instagram-Stories übers Display, alle haben irgendwie mit Reiten und Tokio zu tun.

Auf einmal ein Video von FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach, der in seinem mintfarbenen Mannschafts-T-Shirt auf dem Bett in seinem auch nicht sehr großen Hotelzimmer sitzt und die lieben Pferdefreunde in Deutschland an seinem Dasein in Tokyo teilhaben lässt. Auf einem zweiten Bett im Hintergrund türmen sich allerlei Klamotten und das muss erstmal erklärt werden: Er hat nämlich keinen Kleiderschrank und deswegen muss alles auf dem Bett gelagert werden. Nicht dass einer denkt, er wäre so unordentlich.

Mein Zimmer ist zwar nur halb so groß, aber ich habe einen Schrank mit genau vier Bügeln, der ist so vollgestopft, dass er kaum noch zu geht. Dennoch: Luxus bekommt hier auf einmal eine ganz neue Bedeutung!