Doping aus Versehen?

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Der International Jumping Riders Club (IJRC) wünschst sich mehr Schutz für Reiter und Pferde, um unbeabsichtigten Doping- bzw. Medikationsfällen zu vermeiden. Der richtige Weg?

Doping beziehungsweise verbotene Medikation sind wie die zwei Seiten einer Medaille, wie bereits in der vergangenen Woche beschrieben. Auf der einen Seite stehen die Bemühungen der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), mit wirksamen Kontrollen das Wohl des Pferdes und die Chancengleichheit im Wettkampf zu gewährleisten. Letzteres wird immer schwieriger. Es tauchen immer neue Tricks auf, um den Kontrolleuren ein Schnippchen zu schlagen. Das ist so, nicht nur im Pferdesport, und die FEI hat die Pflicht gegenzusteuern.

Es geht aber auch um das Recht der Athleten, vor ungerechtfertigten Beschuldigungen und Sanktionen geschützt zu werden. Das ist so selbstverständlich, dass es eigentlich nicht der Erwähnung wert ist. Ist es aber doch. Der Internationale Springreiterclub, International Jumping Riders Club (IJRC), fordert ist in seinem jüngsten Newsletter eindrücklich erhöhte Sicherheitsmaßnahmen, um Pferde, und damit ihre Reiter, vor unbeabsichtigten Doping- bzw. Medikationsfällen zu schützen. Dabei geht es um bessere Stallsicherheit im allgemeinen und um verunreinigtes Futter im Besonderen. Der Club fordert die FEI zu rigorosen Maßnahmen auf.

Um das Wohl des Pferdes sicherzustellen, heißt es in dem Newsletter, müssten Pferde die Möglichkeit haben, sich im Stall auszuruhen ohne ständige Störungen durch Menschen, Lärm oder anderes. Dass es im Stall nicht zugehen sollte wie im Bienenstock, bedarf keiner Zustimmung. Es ist Sache der Veranstalter, die Zugänge noch strenger zu handhaben als bisher.

Die Krux mit dem Futter

Die zweite Sorge der Reiter gilt der Verunreinigung von Futter. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass in Fertigfuttermitteln verbotene Substanzen, oft pflanzlicher Herkunft (Kakaobohnen, Baldrian) enthalten sind, die aufgrund moderner Analysemethoden auch in winzigen Mengen nachweisbar sind. Der IJRC beruft sich auf eine FEI-Quelle, die von 41 Fällen in zwei Jahren spricht. Für den Reiter ist das erstmal eine Katastrophe, meist wird er sofort suspendiert und muss jetzt nachweisen, dass ihn, die verantwortliche Person, keinerlei Schuld trifft, ihm auch keine Fahrlässigkeit vorgeworfen werden kann. Das ist langwierig und teuer.

Einer der prominentesten Fälle war der Schweizer Steve Guerdat, bei dessen Pferden Nino des Buissonets und Nasa in La Baule im Juli 2015 die Dopingsubstanzen Codein und Morphin, beides enthalten in Schlafmohnsamen, gefunden wurden. Zwar wurde Guerdats Sperre nach einer Woche wieder aufgehoben, aber die Pferde blieben gesperrt bis zum 19. September. Erst nachdem durch Recherchen beim Futtermittelhersteller Guerdats Unschuld feststand und er von der FEI in aller Form rehabilitiert worden war. Aber da war die Europameisterschaft in Aachen schon vorbei, ohne Guerdat. Alle Kosten (Laboruntersuchungen etc.) musste er selbst tragen. Der Sieg im Großen Preis von La Baule blieb aberkannt, eine automatische Konsequenz – das Pferd hatte ja die verbotene Substanz im Körper. Das zeigt, welche fatalen Folgen ein Dopingverfahren für einen Reiter haben kann, auch wenn er unschuldig ist.

IJRC fordert Maßnahmen

Kein Wunder also, dass viele Reiter das Gefühl haben, Doping/Medikation „aus Versehen“ schwebe wie ein Damoklesschwert über ihnen. Es sei extrem schwierig, genaue Kontrolle über alles zu haben, was das Pferd frisst und die Liste der verbotenen Substanzen sei „extrem lang“, heißt es IJRC Newsletter. Die Liste wurde, nehme ich mal an, von kompetenten Veterinären aus guten Gründen erstellt. Sie wird ständig angepasst, um mit dem Ideenreichtum einiger Athleten und ihrer Teams Schritt zu halten.

Um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, fordert der Springreiterclub konkrete Maßnahmen:

  • Nachweise, dass die Boxen desinfiziert wurden, bevor ein Pferd eingestallt wird. (Manche Boxen werden während eines Turniers von verschiedenen Pferden belegt.)
  • Sicher verschlossene Boxen vor der Neubelegung (Keine Plastikband, sondern Kette mit Schloss.)
  • Verpacktes, versiegeltes und zertifiziertes Stroh. Es ist ja schon passiert, dass ein Hund ins Stroh gepinkelt und es so mit einer verbotenen Substanz „verunreinigt“ hat.
  • Der Veranstalter muss garantieren, dass Heu und anderes über ihn verkauftes Futter frei von verbotenen Substanzen ist, andernfalls trägt er die Verantwortung.
  • Ein kleinerer Personenkreis soll Zugang zum Stall haben, es muss verhindert werden, dass sich Unbefugte und Hunde im Stall aufhalten.
  • Sicherheitskontrollen am Eingang.
  • Videoüberwachung obligatorisch bei allen größeren Events.

Dem Reiter die Verantwortung abnehmen?

Alles vernünftige und berechtigte Forderungen, allerdings auch ein Vorstoß, den Reitern die Last der Verantwortung zu erleichtern. Der Reiter als „Verantwortliche Person“ ist ein Eckpfeiler im Dopingkontrollsystem. Denn wenn es möglich ist, die Verantwortung auf Grooms, Trainer und andere, durch die FEI nicht greifbare Personen zu delegieren, kann man sich vorstellen, was passiert. Der Reiter jedenfalls war’s dann nie.

Wobei natürlich auch der IJRC betont, wie sehr das Wohl des Pferdes für ihn an oberster Stelle stehe und Regelbrecher sanktioniert werden müssten. Letzteren ist es zu verdanken, das immer schärfere Kontrollmethoden entwickelt werden. Sie können sich noch immer klammheimlicher Duldung erfreuen – solange sie sich nicht erwischen lassen. Die meisten Dopingfälle werden nach wie vor nicht von Banditen verursacht, die sich in den Stall schleichen und ein Pferd mit verbotenen Substanzen füttern, sondern durch die „Verantwortlichen Personen“ und ihre Helfer. Vielleicht wäre das auch mal ein Ansatzpunkt.


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  1. Berndride

    Es wäre vielleicht besser mal sinnvolle, bzw. überhaupt irgendwelche, Grenzwerte zu definieren. Der Inhalt von Morphin oder Baldrian bei Schlafmohnblumen im Futter ist so gering, dass es keine Auswirkung auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit eine Pferdes hat. Der Nachweis kleinster Molekülmengen im Körper eines 600-700kg schweren Pferdes mit immer feineren Analysemethoden ist sinnlose Technik. Hier ist die Veterinärmedizin mal gefragt Grenzwerte zu erarbeiten. Dann fallen die Probleme mit Verunreinigungen weg.


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