Speiseplan von „Bio-Hengst“ Escobar in seinem ersten Winter – nicht zu viel und nicht zu wenig

Escobar 16 Monate

Escobar mit 16 Monaten – alles in Lack! (© Privat)

Der nächste Blog über die Aufzucht von Hengstanwärter Escobar dreht sich um die Frage der richtigen Fütterung und warum es in dieser Hinsicht so wichtig ist, den passenden Aufzuchtstall zu finden?

Ich habe noch die Sätze der alten Züchter aus meiner Jugendzeit im Kopf: „Die Pferde müssen sich Großhungern.“ Ist das so? Ich gebe zu, lange war ich auch der Überzeugung, dass man junge Pferde in der Aufzucht eher zu viel füttern kann. Ich konnte mir auch in den ersten Jahren meiner tierärztlichen Praxis nicht vorstellen, dass unsere Fohlen wirklich so viel benötigen, um gesund groß zu werden. Stehen doch auch in der Natur nicht an jedem Baum eimerweise Mineralstoffe, Vitamine und Spurenelemente herum.

Allerdings können wir unsere großwüchsigen Warmblutfohlen auch nicht mehr mit den Wildponys der polnischen Steppe, oder der Dülmener Heidelandschaft vergleichen. Und betrachtet man Bilder von wildlebenden Mustangs, so wünscht man dem einen oder anderen Nachwuchs schon mal einen Eimer Kraftfutter auf seinem Weg durch die Steppe Nevadas. Zudem haben wir nun doch einen anderen Anspruch an die Aufzucht unserer zukünftigen Sportkameraden, als nur die natürliche Selektion der Natur, wo das pure Überleben im Vordergrund steht. Was ist also nötig und was ist für unsere Fohlen und Jährlinge eher zu viel des Guten?

Escobars Entwicklung in Bildern

Eine Wissenschaft für sich

Die Fütterung eines Pferdes richtet sich allgemein nach dem Erhaltungsbedarf und den Zuschlägen für den Mehrbedarf bei Leistung. Bei einem Pferd im Wachstum bezieht sich der Mehrbedarf für Leistung auf das Wachstum und was die Energieleistung angeht, auch auf den Energieverbrauch in der Herde – für Bewegung und Spiel, sowie auf den Energieverbrauch durch klimatische Verhältnisse wie Kälte, Hitze, Wind, Nässe, Insekten etc.

Einig sind sich alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen darin, dass Warmblutfohlen in den ersten drei Lebensmonaten stark wachsen. Im weiteren Verlauf sprechen die einen von einem sprunghaften Wachstumsschub im vierten/fünften Lebensmonat, die anderen nehmen einen späteren Zeitpunkt an. Wieder andere meinen, das Wachstum verliefe mehr oder weniger linear.

Bei meiner Recherche quer durch die mir zur Verfügung stehenden Veröffentlichungen bin ich, vergleicht man die statistischen Auswertungen in den Diagrammen mit den aufgeführten Ausreißern, häufiger über einen wechselnden Wachstumsverlauf im ersten Lebensjahr gestolpert. Je größer die Probandenzahlen, desto mehr gleichen sich in den zusammenfassenden Statistiken die Ausreißer nach oben und unten wieder aus.

Darstellung des Größenwachstums von Hengstfohlen Ecobar.

Die sprunghaften Anstiege im Wachstum ebenso wie die linearen Wachstumsverläufe scheinen dabei von verschiedenen Faktoren abhängig zu sein, wie Geburtszeitpunkt, Vegetation/ Klima des Aufzuchtjahres, Bewegung und zur Verfügung stehende Fläche, Anzahl der Tiere in der Gruppe, Fütterrungsmanagement des Betriebes.

Das bedeutet, dass das Wachstum der Fohlen in den verschiedenen Lebensmonaten individuell unterschiedlich sein kann. Ich glaube, dass daher auch keine Vereinheitlichung möglich ist. Allerdings bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass Größenwachstum, Gewichtszunahme, Röhrbeinumfang und Mineralisierung  des Skeletts bei Warmblutfohlen mit dem Fütterungs- und Betriebsmanagement zusammenhängen.

Einigkeit herrscht auch darüber, dass ab dem vierten/fünften Laktationsmonats die Muttermilch Defizite im Verhältnis zum Bedarf unserer heutigen Warmblutfohlen aufweist. Vor allem die Mineralstoffe Calcium, Phosphor, Magnesium, Kupfer, Zink und Mangan sind hiervon betroffen. Diese Defizite beginnen im dritten/vierten Lebensmonat, so dass eine gesunde Mineralisierung des Skeletts infrage gestellt sein kann. Aus diesen Erkenntnissen folgt unweigerlich, dass ein Saugfohlen tatsächlich ab dem dritten/vierten Lebensmonat einen zusätzlichen Bedarf an den entsprechenden Mineralstoffen,  Aminosäuren, Eiweiß und Vitaminen hat.

Das bedeutet, nur eine dem Wachstum angepasste Ernährung in Verbindung mit adäquaten Bewegungsmöglichkeiten sichert eine korrekte Skelettreifung und eine sinnvolle Entwicklung des Sehnen-, Band- und Muskelapparates.

Eine ungleiche Entwicklung durch mangelhafte Bewegung, unzureichende Fütterung, Stellungsfehler auch durch unzureichende Hufbearbeitung, oder zu viel bzw. zu wenig Abrieb des Hufhorns, aber natürlich auch durch Überfütterung, können Entwicklungsstörungen in den Wachstumszonen, sowie in den Gelenken (OCD) verursachen.

Aus diesem Wissen heraus ist es nachvollziehbar, dass ein Mineralfutter, welches für ausgewachsene Freizeit-, Sportpferde konzipiert ist, aus meiner Sicht nie den Mehrbedarf eines Saugfohlens/ Jährlings abdecken kann. Zu unterschiedlich sind die Bedarfswerte der verschiedenen Gruppen.

Daraus folgt aber auch, dass eine Fütterung (Rationsgestaltung) – und das gilt nun für alle Alters- und Nutzungsstufen der Pferde – nie unabhängig von der Haltung und vom Einzeltier betrachtet werden kann. Bedarfswerte bieten Anhaltspunkte. Sie geben Hinweise, zu welchem Wachstumszeitpunkt Defizite in der Ernährungslage entstehen können. Sie geben einem also den roten Faden in der Fütterung vor. Aber Einflüsse wie die zur Verfügung stehenden Bewegungsflächen, Gruppengrößen, Spiel- und Stresspartner in der Gruppe, sowie die unterschiedlichen Witterungsverhältnisse müssen dabei mit berücksichtigt werden.

Erfahrungen mit Escobar

In dem ersten Aufzuchtstall, in dem ich Escobar nach dem Absetzen untergebracht hatte, war die Gruppe zu groß für die zur Verfügung stehenden Laufstallfläche, was immensen Stress in der Herde verursachte. Zudem kamen die Fohlen nur selten auf die nun auch zu kleinen Sandpaddocks. Die vereinbarte Heufütterung wurde durch Maissilage ersetzt und Kraft- und Mineralfuttergaben fanden vermutlich nicht statt. Kurz: Hier konnte Escobar nicht bleiben.

In dem neuen Aufzuchtstall angekommen, wurde mir als erstes die Frage gestellt, wie Escobar gefüttert werden soll. Ich war positiv überrascht zu sehen, dass Vivien Schauren tatsächlich einmal täglich jeden Absetzer nach den individuellen Wünschen des Besitzers füttert.

Dazu waren beide der Gruppe zur Verfügung stehenden Laufställe mit Stroh eingestreut. Beide Laufställe wurden einmal wöchentlich vollständig gemistet und neu eingestreut. Zwei Heuraufen, eine im Laufstall und eine überdacht auf der großen Außenfläche, wurden ständig aufgefüllt.

In der Winter Ration von Escobar stehen 7 kg Heu/Tag. Dies ist in einer Schätzung begründet, die aus der Heumenge resultiert, die Vivien Schauren pro Woche im Winter in die Raufen nachgefüllt hat. Dabei wurden für den eineinhalbjährigen Wallach und die zwei Ponyabsetzer der Aufzuchtgruppe entsprechend angepasste Mengen angenommen. Dass Warmblutabsetzer im ersten Jahr 7 kg Heu/ Tag fressen, hat mich auch überrascht. Nehmen doch alle Quellen eine deutlich niedrigere Heumenge bei ad libitum Fütterung an.

Die Fohlen hatten Raum, sich zwischen den Laufställen, der großen betonierten Außenfläche und einer großzügigen Sandfläche frei zu bewegen. Dies bedeutete für die Rationsgestaltung abzuschätzen, wie viel Zeit die Fohlen/ Absetzer vermutlich mit ruhiger Bewegung und mit aktivem Spielen verbringen werden.

Die Ration, die Escobar im ersten Winter erhielt, hatte ich nach den Bedarfswerten der GfE zusammengestellt. Sie erschien mir anfangs sehr hoch und ich hätte sie auch reduziert, wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, Escobar würde zu mastig werden. Die Ration blieb aber bis zum Weideauftrieb Mitte Mai bestehen.

Escobars Fütterung im Überblick

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