Fall Samourai du Thot – Fragezeichen hinter den Aussagen des Mannschaftstierarztes

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

Es gibt neue Erkenntnisse im Medikationsfall Samourai du Thot, die Zweifel aufkommen lassen an der Aussage von Mannschaftstierarzt Carsten Rohde. Gabriele Pochhammer über die jüngsten Entwicklungen, die auch andere Fälle in anderem Licht erscheinen lassen.

Während sich in den Reitställen allmählich Weihnachtsstimmung breit macht, sorgt in der deutschen Reiterzentrale in Warendorf immer noch der Fall Samourai du Thot für ganz unfeierlichen Aufruhr. Denn offenbar ist doch einiges anders gelaufen, als vorher den Medien erzählt wurde. Das Medikament Equioxx, das zum (erheblich) positiven Befund beim Championatspferd von Julia Krawjewski und zum Verlust der Silbermedaille der deutschen Mannschaft bei der Vielseitigkeits-EM in Strzegom im September 2017 geführt hatte, befand sich sehr wohl im Arzneikoffer des Mannschaftstierarztes Dr. Carsten Rohde. Er hatte ausgesagt, dass er das Medikament, das fiebersenkend, schmerzstillend und entzündungshemmen wirkt und 30 Tage lang nachweisbar ist, gar nicht mit nach Strzegom genommen habe. Das entsprach nicht den Tatsachen, wie sich herausstellte.

Es sei, so wurde dem Exekutiv-Ausschuss des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) mitgeteilt, wohl versehentlich durch eine Assistenzkraft mit in die Medikamententasche gepackt worden, und zwar in Form von Spritzen. Warum hat er das nicht gleich gesagt? Wie sich aus weiteren Nachforschungen ergab, stand Equioxx bereits bei den Olympischen Spielen in Rio auf der Medikamentenliste des Mannschaftstierarztes. Beim Viersterne-CCI in Badminton wurde es durch den Team-Vet um ein Haar versehentlich dem Pferd von Andreas Dibowski verabreicht, wenn der Pfleger nicht rechtzeitig den Irrtum bemerkt hätte, dass sich nämlich in der Tube Equioxx und nicht das erlaubte Magenmittel Gastrogard befand.

Rohde zog jetzt die Konsequenzen und trat nach zehn Jahren als Mannschaftstierarzt der deutschen Vielseitigkeitsreiter zurück. Bei ihm sei der Eindruck entstanden, „dass nicht mehr alle Personen im Verband hinter mir stehen“, begründete er seine Entscheidung. Wen wundert’s? Und trotz der lobenden Dankesworte von FN-Sportchef Dr. Dennis Peiler bleibt der dringende Verdacht, dass der Rücktritt so freiwillig dann doch nicht war. Die übrige Darstellung bleibt: Samourai, der dem DOKR gehört, habe das Medikament nicht bekommen, das wäre nur nach Absprache mit der Reiterin möglich gewesen. Da gibt es strenge Regelungen. Mit seiner Vertuschungstaktik hat Rohde Julia Krajewski also eine Bärendienst erwiesen.

Die Folgen für die Reiterin

Die in Equioxx enthaltene Substanz Firocoxib ist zwar im Training erlaubt, aber im Wettkampf verboten. Es handelt mithin sich nicht um Doping sondern um eine minderschwere verbotene Medikation. Nachdem die Reiterin keine plausible Erklärung für den Fund hatte geben können, akzeptierte sie die „Administrative Strafe“ des Weltreiterverbandes FEI. Sie muss insgesamt 2500 Schweizer Franken zahlen. Damit vermied sie eine Sperre. „Der Fall ist unlösbar“, sagt FN-Sportchef Dr. Dennis Peiler „Es ist nicht mehr feststellbar, wie die Substanz ins Pferd gekommen ist.“ Da Julia Krajewski auch Bundestrainerin der Junioren und Jungen Reiter ist, beschäftigte sich der Exekutiv-Ausschuss des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) mit dem Fall. Die Sanktion klingt milder als sie ist: Ausschluss aus dem Kader bis 30. Juni 2018. Julia Krajewski darf zwar weiter an Turnieren teilnehmen, aber die Unterstützung durch die Deutsche Sporthilfe ruht, auch Vergünstigungen im Bundesleistungzentrum, die nur Kadereiter genießen, wie etwa verbilligte Einstellgebühren, entfallen für diesen Zeitraum. Ausdrücklich wurde ihr das Vertrauen als Bundestrainerin ausgesprochen.

Das sagt die Vielseitigkeitsszene

Die Sanktionen spalten das Reiterlager. Die einen, etwa Hendrik von Paepcke, Olympiareiter 1996 und inzwischen Mitglied im Vielseitigkeitsausschuss, halten sie für eine ungerechtfertigte Strafe, eine Rufschädigung von Krajewski. „Ich finde es unglaublich, wie der Verband mit ihr umgegangen ist, schließlich hängt auch ihre Karriere daran.“ Er ist, wie auch Kaderreiter Andreas Dibwoski überzeugt, dass Fremdverschulden zur positiven Probe geführt hat, also dass jemand Samourai etwas geben hat, um Julia Krajewski zu schaden.

Firocoxib kommt auch in Tablettenform in einem Medikament für Hunde vor, ist also leicht, etwa in einem Apfel zu verabreichen.  „Die Security in Strzegom war lächerlich“, sagte Dibowski, der als polnischer Trainer vor Ort war. „Jeder konnte in die Ställe rein, der es wollte.“ Die Listen, auf denen festgehalten wird, wer in den Nachtstunden das Stallgelände betritt, hat der zuständige FEI-Steward eine Woche nach der EM vernichtet. „Da muss eine Video-Überwachung her“, sagt Dibowski. „Oder wir müssen unsere Pferde rund um die Uhr bewachen“.

Breido Graf zu Rantzau gesteht Fehler im Fall Ahlmann ein

Kritik kommt aus dem Lager der anderen Disziplinen. Mit ihnen sei der Verband nicht so kooperativ verfahren, heißt es. Erinnert wird in diesem Zusammenhang an den Fall Christian Ahlmann nach den Olympischen Spielen in Hongkong 2008. Damals war die deutsche FN gegen die FEI vor den CAS, das höchste Sportgericht,  gezogen, um eine schärfere Strafe für Ahlmann zu erwirken – unter dem Druck der Fernsehanstalten, die mit Streichung der Übertragungen drohten. Es endete damit, dass Ahlmann nicht wegen verbotener Medikation verurteilt wurde wie die drei Reiter, bei denen dieselbe Substanz Capsaicin gefunden worden war, sondern wegen des schwerer wiegenden Dopings inklusive einer Sechs-Monats-Sperre. Man habe damals falsch gehandelt, sagt Breido Graf zu Rantzau, Präsident der FN, heute in der Rückschau. Mehr noch:

Das war der größte Fehler meiner Amtszeit!

FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau

„Wenn das einen Paradigmenwechsel bedeutet, dass künftig die FN und der betroffene Reiter gemeinsam versuchen, einen Medikations- oder Dopingfall aufzuklären, dann ist das für mich ok“, so Peter Hofmann, Vorsitzende des Springausschusses und Mitglied der Exekutiv-Kommission.

Übrigens wurde im Zuge der Nachforschungen festgestellt, dass die Stallbücher mehrerer Kaderreiter nicht korrekt geführt wurden. Darin muss quasi alles festgehalten werden, was das Pferd bekommt. „Außer Wasser, Heu und Hafer,“ sagt Peiler. Wer schlampt, muss jetzt zahlen. 200 Euro werden fällig.

In eigener Sache

Mit dieser „Moment Mal“-Ausgabe verabschiedet sich St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer in die Weihnachtsferien. Anfang Januar ist sie wieder da und berichtet in ihrer wöchentlichen Kolumne. 


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  1. Müller

    Dr. Peiler sagt:“ Wer schlampt, muss jetzt zahlen. 200€ werden jetzt fällig.“
    Ist Dr. Peiler bewusst, dass er an erster Stelle der Schlamperei steht, hat er offensichtlich die Forderung in den Kadervereinbarungen mit den Reitern, das Stallbuch zu den verschiedensten Anlässen vorlegen zu lassen, nicht verfolgt.


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