Gabriele Pochammer über Totilas, der einfach nur Pferd sein möchte

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer hat sich den Gerüchten über Edward Gals Besuch bei Totilas angenommen.

Es war beim Abendessen mit Freunden. Die nichts mit Pferden zu tun haben, dem Sport eher mit freundlichem Desinteresse gegenüber stehen. Irgendwann fiel das Wort „Totilas“. „Das war doch dieser tolle Hengst“, sagt Ralph, „der alles gewonnen hat.“ „Genau“ fügt seine Frau hinzu, „das war ein wunderschönes Pferd.“

Sie können kaum eine Piaffe von einer Pirouette unterscheiden, aber sie kennen ihn alle, auch zwei Jahre noch nach seinem letzten glanzlosen Auftritt bei der Europameisterschaft in Aachen, zwei Jahre, nachdem er sichtlich lahm seine Wettkampfkarriere beendete und alle Welt sich fragte, wie so ein angeschlagenes Pferd überhaupt für eine deutsche Mannschaft nominiert werden konnte. Schwamm drüber, daraus haben alle gelernt.

Glanzmomente

In Erinnerung bleiben die glanzvollen Momente dieses Pferdes unter seinem „Schöpfer“ Edward Gal und später, weit weniger glanzvoll, aber doch immer wieder siegreich, unter Matthias Rath. Die Piaffen und Passagen, die Pirouetten, vorzugsweise in der Kür vorgetragen zu wuchtigen Glockenschlägen, das zog Laien und Fachleute in ihren Bann, wobei letztere dann auch mal über die schleppende Hinterhand und die verspannten exaltierten Bewegungen hinwegsahen. Show-Bewegungen, die am Ende ihren Preis forderten und Knochen, Sehnen und Gelenke einem frühen Verschleiß preisgaben. Totilas war gut für den Dressursport, weil er viele Menschen in seinen Bann zog, die schon den Abreiteplatz in mehreren Reihen umringten und anschließend die Tribünen stürmten. Weil er Fans hatte, die völlig abdrehten und sich um den Handschuh des Gebisskontrolleurs rissen, an dem der Schaum des Wunderpferdes klebte. Ein Teil der Faszination war natürlich auch der horrende Preis, zehn Millionen soll Paul Schockemöhle dafür bezahlt haben, angeblich. Bestätigt wurde das nie.

Pauline von Hardenberg

Einer der letzten Auftritte von Matthias Alexander Rath und Totilas (© Pauline von Hardenberg)

PR-Aktionen rund um seinen Verkauf

Weitgehend in Vergessenheit geraten sind zum Glück die peinlichen PR-Aktionen, angefangen von der unguten Kooperation mit der Bildzeitung, die mit Journalismus nichts zu tun hatten, die T-Shirts und Kaffeebecher mit den Konterfeis von Rath und Totilas im Fanshop und die Eintragung des Pferdes als Handelsmarke, in der Hoffnung aus dem Dressurstar noch mehr Geld zu ziehen. Gehalten hat sich das leise Bedauern, dass Totilas nicht bei dem Reiter geblieben ist, der ihn groß gemacht hat. Der Niederländer Edward Gal mühte sich bei der EM in Göteborg auf Voice ab, einem Pferd, das mit Totilas nur die Farbe gemeinsam hat. Er hat sich nie zu dem Verkauf geäußert, er hat mitkassiert und geschwiegen. Bis heute.

Julia Rau

Edward Gal und Totilas hier bei den Weltreiterspielen in Kentucky 2010. (© Julia Rau)

Was ist dran an den Gerüchten?

Auch als eine südwestdeutsche Tageszeitung glaubte, ihren Lesern ein Riesengeheimnis zu verraten, lehnte er jeden Kommentar ab. Gal habe noch einmal Totilas geritten. Das wird aus dem Stall Schockemöhle bestätigt. Im vergangenen Winter bei einem Besuch in Mühlen hat er kurz draufgesessen. Just for Fun. In Mühlen kann er jetzt endlich in Ruhe dem Job nachgehen, für den ihn Schockemöhle einst gekauft hat, Stuten decken, beziehungsweise aufs Phantom springen und absamen. Ohne herunterzufallen bisher. Das war ihm passiert, als er bei Familie Rath-Linsenhoff in Kronberg stand, und bescherte ihm eine seiner vielen Verletzungspausen. Nebenher wird er leicht geritten, um fit zu bleiben. Bei Gal von der Dressurwebsite Eurodressage nach dem Ritt auf seinem einstigen Wunderpferd gefragt, kommt nur die übliche störrische Reaktion: „Kein Kommentar.“ Auch sein Lebensgefährte Hans Peter Minderhoud mauert: „Kein Kommentar, das Buch ist geschlossen.“ Der brüske Bruch mit der Vergangenheit muss einen Grund haben. Man würde ihn gerne erfahren. Totilas’ Fans können derweil zufrieden sein: es geht ihm gut, er ist gesund genug, um ein bisschen geritten zu werden. Und er möchte jetzt endlich mal Pferd sein und nicht Mythos.


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