Gabriele Pochhammer: Blog 1 aus Strzegom

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Die Deutschen bei der Geländebesichtigung – in diesem Jahr erstmals ohne Chris Bartle. Ein herber Verlust, wie ganz sicher nicht nur Andreas Dibowski findet. (© Pauline von Hardenberg)

Gabriele Pochhammer hat sich mit Polens Nationaltrainer Andreas Dibowski über Strzegom, seine Rolle als polnischer Nationaltrainer und den Weggang von Chris Bartle unterhalten. Außerdem haben wir einige Trainingsbilder vom Titelverteidiger.

Alles ist noch ganz entspannt am Tag der Verfassungsprüfung in Strzegom. Zeit für ein paar Schwätzchen hier und da, bevor der Wettkampfstress voll greift. Die Reiter, die morgen daran sind, von den Deutschen sind das Julia Krajewski, Bettina Hoy und Josefa Sommer, dürfen heute abend den Pferden die Arena zeigen, im Schritt wohlgemerkt. „Familiarization“ nennt man diese freundliche Rücksichtnahme auf die Psyche der vierbeinigen Top-Sportler.

Ein „besch…eidenes Jahr“

Auch die Trainer sind noch ganz locker. Zum Bespiel Andreas Dibowski, dessen beide Pferde It’s Me xx und Butts Avedon, mit denen er auf der Reserveliste stand, indisponiert sind. „Wirklich ein super beschissenes Jahr für mich“, sagt er. Stattdessen betreut er als polnischer Nationaltrainer die Gastgeber, vier Team- und ein Einzelreiter. Eigentlich hätten zwölf polnische Reiter starten dürfen, aber nur diese fünf hatten die erforderliche Vorqualifikation. „Immerhin haben wir jetzt eine Mannschaft“, sagt Dibo, der vor anderthalb Jahren seinen Job antrat. „Früher waren es nur ein oder zwei Reiter. Aber so schnell kann man den Schalter nicht umlegen.“ Seine Schützlinge kennen sich in Strzegom bestens aus, sind hier alle schon geritten. „Aber sie haben nur wenig Auslandserfahrung, das ist ein Problem“, sagt Dibo. Insgesamt gibt es in Polen nur drei Plätze, auf denen größere Vielseitigkeitsprüfungen veranstaltet werden können. Der Hausherr der Reitanlage Morawa, Marcin Konarski, richtet jährlich vier bis fünf Events auf Ein- bis Dreisterne-Niveau aus, jedes Mal kommen bis zu 600 Pferde. Also ein großes Rad. Perfekt, findet Dibo. „Alles ist abgedeckt, im Frühjahr sind die Prüfungen eher soft, im Sommer an der oberen Grenze der jeweiligen Kategorie, im Herbst für junge Pferde und im Oktober nochmal für Reiter und Pferde, die eine Stufe höher wollen.“

Doch lieber Reiter als Trainer

Er selbst kommt zwischen November und März einmal im Monat nach Polen für Kurzlehrgänge. Vielen Reitern fehle die Grundausbildung. Ob er weitermacht, steht in den Sternen. Sein Vertrag wurde wie alle Trainerverträge vom polnischen Reiterverband gekündigt, nach Querelen innerhalb des Verbandes, bei denen in einem Jahr dreimal die Führung wechselte. Der neue Präsident machte jetzt erst mal Tabula rasa. Er will auch bestimmen, wer in die Mannschaft kommt, und das geht mit Dibo gar nicht. „Das kann doch nur entscheiden, wer Reiter und Pferde gut kennt.“ sagt er. Den Trainerjob macht er gerne, aber er ist nicht darauf angewiesen. „Selber reiten macht doch noch mehr Spaß, ich fühle mich im Moment noch mehr als Reiter denn als Trainer.“

Bartle unersetzlich

Was seine deutschen Kollegen angeht, kann seiner Meinung nach jeder Teamreiter auch Europameister werden. Und das im ersten Jahr ohne Chris Bartle, der in Strzegom mit seinen britischen Schützlingen voll beschäftigt ist. „Bei diesen Reitern wird sich der Weggang von Chris nicht so bemerkbar machen“, vermutet Dibo, „da wird von den Spezialtrainern Jürgen Koschel und Markus Döring viel aufgefangen.“ Jemanden für die  Geländeausbildung des Nachwuchses zu finden, sei ungleich schwieriger. Das Beste an Chris? „Er weiß instinktiv, welcher Reiter Minimal- und welcher Maximalbetreuung braucht. Er drängt sich nicht auf, aber ist immer da, wenn es wichtig wird. Er war auch nie beleidigt, wenn sich ein Reiter anders entschloss. Chris ist nicht zu ersetzen.“ Ein paar gute Geländetipps versprechen sich die Deutschen von Andrew Nicholson, dem neuseeländischen Badminton-Sieger 2017. Er wird morgen erwartet.

Laptop-Fenster

Das Pressezentrum hat sich geleert, nur in der Phalanx der deutschen Journalisten wird noch gearbeitet. Wir machen uns auf den Heimweg in unser Hotel, 20 Minuten Fahrt. Es ist ein Nebengebäude zu einem formidablen Schloss, früher offenbar als Gesindehaus genutzt. Die beiden Fensterchen in meinem Schlafzimmer sind so groß wie mein Laptop. Aber die Leute sollten ja auch nicht aus dem Fenster gucken, sondern arbeiten. Genau wie wir.

Zum Schluss noch ein bisschen was zum Sehen und Freuen: Michael Jung und Rocana beim Training (Fotos: Pauline von Hardenberg).