Gabriele Pochhammer darüber, was Turniere wertvoll macht

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die beiden Turniere in Balve und Neumünster haben auf den ersten Blick nicht allzu viel gemeinsam. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man bei Turnieren wie diesen das Herzblut und die Leidenschaft fürs Pferd, die diese Turniere auch für viele Reiter wertvoller machen als so manches Millionenspektakel.

Balve, Schauplatz der Deutschen Meisterschaften in Springen und Dressur, lockt in jedem Juni die Pferdeleute oder auch einfach nur Pferdefreunde ins idyllische Sauerland. Im wahrsten Sine des Worte „in the middle mit nowhere“ auf einen zwischen hügeligen Wäldern eingebetteten Turnierplatz, den viele als den schönsten Deutschlands bezeichnen. Gleich daneben liegt das Wasserschloss Wocklum, Stammsitz der Grafen von Landsberg-Velen.

Dieter Graf Landsberg war, wie die meisten wissen, viele Jahre Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), aber auch, und das war ihm manchmal noch wichtiger, Vorsitzender seines Heimatreitvereins Balve. Er war auch Vizepräsident der internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) und seitdem hat kein Deutscher ein auch nur annähernd so wichtiges Amt beim Weltverband innehabt.

Aber das „Balve Optimum“, wie es seit einigen Jahren trendig heißt, stand immer ganz oben an bei ihm. Und das merkte man. Seine vier Töchter waren von Anfang an eingespannt, wer alt genug ist, erinnert Barbara und Rosalie auf ihren Fahrrädern zwischen Stall, Parcours und Abreiteplatz hin und her flitzen, oder am Dressurviereck an den Richterhäuschen entlang spurten, um die Protokolle einzusammeln.

Das machen jetzt Töchter, Nichten, Neffen oder Kinder aus dem Reitverein. Rosalie v. Landsberg und Barbara Gräfin Brühl halten heute die Zügel in der Hand, um beim Optimum das Optimale zu erreichen. Irgendwie bleibt es ein Familienfest.

Lockende Euros

Was gar nicht so einfach ist in Zeiten, in denen milliardenschwere Veranstalter, denen die Zuschauer ziemlich egal sind, die Top-Reiter mit astronomischen Gewinngeldern weglocken. Nach Balve kommen die Menschen, weil sie Reiter und Pferde kennen oder kennenlernen wollen. Denn Isabell Werth und Christian Ahlmann begegnet man ja nicht jeden Tag live.

Es sind große und nicht ganz so große Namen. Wenn die Stars kommen, dann nicht mit ihren ersten, sondern vielleicht mit den zweiten und dritten Pferden. Es gibt ein Dreisterne-CSI neben der Deutschen Meisterschaft und der Titel ist immer noch etwas wert. Auch wenn ihn zunehmend die zweite Garde als Sprungbrett nutzt. Die Dressurreiter kommen in Bestbesetzung, Balve ist quasi ein Pflichtauftritt für Aachen-Kandidaten.

Abends wird Party gemacht, in der Balver Höhle, „Europas größter Kulturhöhle“ gleich um die Ecke. Diejenige, die in den frühen Morgenstunden die Höhle wieder abschließt, ist meist Rosalie von Landsberg selbst.

Dankeschön der besonderen Art

Das nötige Geld zusammen zu bekommen, ist gerade für die mittelgroßen Veranstalter in Deutschland nicht leicht. Die umliegende Unternehmen hat Rosalie v. Landsberg auf ihrer Seite, auch weil sie mit einem gleichzeitig mit dem Turnier stattfindenden Wirtschaftsforum bekannte Namen aus Politik und Wirtschaft  nach Wocklum zieht.

Als Dank, vor allem für die Sponsoren, gab es jetzt einen fulminanten Kaminabend im Schloss. Es stammt in frühen Teilen aus den 14. Jahrhundert und ist voller Kunstschätze, das sehen auch die VIPs  nicht jeden Tag.

Neumünster – Zentrum von Pferdezucht und -sport im Norden

Neumünster ist ganz anders, natürlich. Der nordische Hallenklassiker im Februar, die ehr nüchterne Holstenhalle in denkmalgeschützter Nazi-Architektur, aber Zentrum des Pferdesports zwischen den Meeren. Hier treffen sich die Züchter, um zu sehen, wie sich die Deckhengste im Parcours bewähren, die sie für ihre Stuten ausgeguckt haben, hier sieht der Großvater seine Enkelin auf dem selbstgezogenen Pferd die ersten Lorbeeren sammeln, oder auch beim Schaubild des Reitvereins mitmachen. Hier trifft man alle auf ein Schwätzchen, die man lange nicht gesehen hat. Oder kann die enorm günstigen Führstricke oder die enorm teuren Nobel-Reitstiefel erstehen. Oder am Abreiteplatz zusehen, wie es die Großen machen. Zur Weltcup-Kür oder zum Großen Preis ist die Bude ausverkauft, was nicht so schwer ist, weil nur 2500 Zuschauer reinpassen, aber die Halle tobt.

Dinge, die wichtiger sind als Geld

Es sind die Turniere wie Balve und Neumünster, die den Reitsport in unserem Land am Leben halten, nicht die „Boutique-Turniere“ in fernen Kontinenten. Sie kämpfen um Geld, um Fernsehzeiten, um Aufmerksamkeit. In Balve hielt der Springreiter Andreas Kreuzer eine kleine Dankesrede. „Natürlich gibt es woanders höhere Geldpreise“, sagte er. „Natürlich muss jeder, der einen Springstall zu unterhalten hat, auch mal Geld verdienen. Aber es gibt Dinge in unserem Sport, die sind wichtiger als Geld.“ Das wird manchmal vergessen. Vielen Dank, Andreas Kreuzer!


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  1. Andreas Künnemann

    Schöner Artikel. Fehlt mir nur noch das Turnier in Nörten-Hardenberg. Wie bei den Veranstaltungen in Neumünster oder Balve ist das persönliche Engagement einer „Pferde“-Familie , der Familie von Hardenberg, ausschlaggebend das man sich als Reiter, Besitzer oder Trainer sehr wohl fühlt!


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