Gabriele Pochhammer über gestrichene Schlussnoten, Hinterhandgamaschen und Frauen in FEI-Ämtern

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über gestrichene Schlussnoten in der Dressur, das Hinterhandgamaschen-Verbot ab 2021 und über zu wenig Frauen in FEI-Ämtern.

Die Generalversammlung des Weltreiterverbandes FEI in Montevideo ist Geschichte, es war mal wieder ein Event am anderen Ende der Welt, weit entfernt von den Hochburgen des Pferdesports. Aber das hat ja offenbar ein bisschen System. Inzwischen wird alles online übertragen und wer Zeit und Lust hatte, den Tag vor dem Computer zu verbringen, erfuhr Erstaunliches.

Schlussnoten ade

Etwa, dass 75 Prozent der Pferdesportler weltweit weiblich sind. Außer in Saudi-Arabien, behaupte ich jetzt mal, denn reiten unter Ganzkörperverschleierung dürfte nicht nur das Pferd irritieren, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, einen Helm zu befestigen. Und Sitz und Einwirkung sind ja auch nicht wirklich zu beurteilen. Das übrigens ist das einzige, was von den so wichtigen Schlussnoten erhalten geblieben ist, alle anderen, Losgelassenheit, Rittigkeit, Schwung, etc. fallen weg. Diese Kriterien sollten bereits bei jeder Lektion berücksichtigt werden. Na ja, wir werden sehen, ob dies nicht doch ein Schritt weiter in die mechanisierte Fehlerlosigkeit ist. Leichter wird’s für die Richter auf jeden Fall, denn um die Schlussnoten zu vergeben, muss man ja richtig was von der Sache verstehen. Einen kleinen Etappensieg errangen die Gegner der „Hi-Lo-Regelung“, nach der der höchste und niedrigste Richter gestrichen wird. Die Entscheidung wurde erstmal verschoben und soll im nächsten Jahr nochmal getestet werden. Aber von unabhängigen Fachleuten und nicht von denen, die solche Statistik-Tools verkaufen.

Frauen in FEI-Ämtern und weitere Beschlüsse

Mögen also 75 Prozent der Reiter Reiterinnen sein, in deutschen Reitschulen gefühlte 95 Prozent, so seien nur 30 Prozent der Kandidaten für FEI-Ämter Frauen, sagte Generalsekretärin Sabrina Ibanez. Die FEI-Domina beherrschte mit scharfer Stimme und strengem Ton die vor ihr sitzende Männerrunde, („Hören Sie, Gentleman“). Es lohnte sich offenbar nicht, die deutlich noch weniger als 30 Prozent Frauen extra anzusprechen. Das macht natürlich Lust, sich um ein Amt zu bewerben.

Widerworte gab’s wenig, das meiste war vorher in kleinen Kreisen ausdiskutiert worden, beziehungsweise stand schon in der Sitzungsvorlage. Damit ist also das neue olympische Format mit nur noch drei Reitern abgesegnet, auch die neue Sterne-Verteilung in der Vielseitigkeit, mit der Fünfsterne-Mogelpackung, wobei weniger verlangt wird als bei den bisherigen Viersterne-Prüfungen, die als eine Art Busch-Dinosaurer in einen Zoo für verrückte Draufgänger verbannt werden.

Hinterhandgamaschen-Verbot kommt

Über das Thema Hinterhandgamaschen, in Insider-Kreisen auch Zuckis genannt, war im Vorfeld heftig diskutiert worden, vor allem über den Zeitraum, in dem sie eingeführt werden sollen. Am Ende wurde der Vorschlag des FEI-Bureaus angenommen. Erst ab 2021 sind sie für alle verboten, ab 2019 für Ponyreiter, ab 2020 für Junioren und Junge Reiter. Es sind dann nur noch eine Art Streichkappen, maximal sechs Zentimeter hoch, erlaubt, die ausschließlich den Schutz des Beines dienen und nicht mehr dazu missbraucht werden können, durch strammes Anziehen das Pferd zu veranlassen, die Hinterbeine über dem Sprung so in die Luft zu knallen, dass ein Handstand mit Überschlag zu befürchten ist. Bei den meisten Körungen ist man ja auch schon so weit, Holstein war der Vorreiter und hat gezeigt, dass seine Junghengste die Zuckis gar nicht nötig haben, um rüber zu kommen. Viele Pferde, die man für Überflieger hielt, wieder ganz normale Mitteleuropäer werden. Und auch die Preise, die dafür zu erzielen sind, können aus den Sternen wieder herunterkommen.

Die Reiter haben sich längst damit abgefunden. „Wir müssen sicherstellen, dass alle Regeln das Beste fürs Pferd in Auge haben“, sagt der Weltcup-Etappensieger von Stuttgart, Steve Guerdat. Das klingt nach Stereotyp, aber beim Olympiasieger von 2012 kann man ziemlich sicher sein, dass er es genauso meint.

Bei der Party am Endes Tages durfte der deutsche FEI-Delegierte Sönke Lauterbach noch eine Ehrung entgegennehmen, stellvertretend für Dressur-Ikone Isabell Werth die per Video zugeschaltet war. Sie wurde beste Athletin des Jahres und darf sich nun mit einem neuen Titel schmücken: Werth, the Unstoppable. Die nicht Aufzuhaltende. Glückwunsch!


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