Gabriele Pochhammer über zwei- und vierbeinige Legenden

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

St.GEORG Herausgeberin über Reiter-Pferd-Paare, die untrennbar zusammengehörten und die Frage, warum sie heute so selten geworden zu sein scheinen.

„Zwei Herzen im Dreivierteltakt“ heißt eine Schnulze aus dem vorigen Jahrhundert, die wohl suggerieren sollte, das da zwei Menschen beim Walzertakt ein Herz und eine Seele sind und womöglich nicht nur da.

Auch die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) hat in ihrer 2016 kurz vor den Olympischen Spielen in Rio in Gang gesetzte Kampagne #Two Hearts die Idee der innigen Zweisamkeit aufgegriffen. Hier geht es um den Gleichklang zweier zunächst grundverschiedener Lebewesen, Pferd und Mensch, ein sogenanntes Alleinstellungsmerkmal des Pferdesports. Mit der Aktion sollte der Pferdesport weiten Kreisen nahe gebracht werden, einer von mehreren Schachzügen, um das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu überzeugen, dass Pferde zu Olympia gehören wie die fünf Ringe.

„Im Pferdesport geht es vor allem um die besondere intuitive Verbindung (…) zwischen zwei Athleten, die unseren Sport zu einem der fesselndsten der Olympische Spiele macht“, sagt FEI-Präsident Ingmar de Vos.

Das klingt doch gut. Die Herzen von Reiter und Pferd schlagen gleichsam in einem Takt, wenn es um den Sieg geht, was für eine nette Idee. Unter der Rubrik „Two Hearts“ sind dann auf der FEI-Website menschelnde Geschichten über Ross und Reiter zu lesen.

Die, die nicht ohneeinander konnten

Reiter und Pferd-Paare, die so aufeinander eingespielt sind, dass sie tatsächlich im selben Takt zu tanzen scheinen, haben schon immer dem Reitsport auch in pferdefernen Kreisen zu Faszination und Begeisterung verholfen. Paare, die Ikonen wurden, gewissermaßen fleischgewordene  Verkörperungen der Zentauren, der mythologischen Wesen, halb Mensch halb Pferd.

John Whitaker und Milton waren so eine Legende, der stoische Brite und sein schneeweißer Schimmel, der aussah wie ein Karussellpferdchen, mit wehender Mähne und einer eigenwilligen Springmanier, mit der er gleichwohl dreimal den Springreiter-Weltcup gewann. Die Faszination hielt lange über seine Karrierende im Parcours hinaus an, Milton war noch in hohem Alter ein gefragter Eröffner von Supermärkten und Stargast vieler Events, geliebt von einer riesigen Fan-Gemeinde.

Oder Nicole Uphoff mit Rembrandt: der Braune tanzte so leicht übers Dressurviereck, dass es gar nicht nach Arbeit aussah. Und die gelegentlichen Frechheiten, die sich Rembrandt leistete, taten seiner Popularität keinen Abbruch, im Gegenteil. Er war eben kein Sportgerät, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut. Mit einem eigenen Kopf.

Der lange Kanadier Ian Millar und sein riesiger Fuchs Big Ben waren so ein Paar, die füreinander geschaffen schienen, eine Institution auf den großen Plätzen der Welt, Ludger Beerbaum und Ratina, Otto Becker und Cento.

In der Vielseitigkeit fallen mir Mark Todd und der nur 1,60 Meter kleine Charisma ein, zweifacher Olympiachampion, der große Mann und das kleine Pferd, die alles möglich machten.

Und natürlich unsere deutsche Buschlegende Michael Jung und Sam. In allen Fällen war es schier undenkbar, dass plötzlich ein anderer Reiter im Sattel sitzt. Teil des Mythos’ ist die Unzertrennlichkeit, wie bei den Zentauren.

Nur noch Sportgeräte?

Wird das Pferd weiter gereicht wie ein gebrauchtes Sportgerät, ist es mit der Legende schnell vorbei, wie sich am Beispiel Totilas zeigte. Mit Edward Gal zweifellos eine Jahrhundertpartnerschaft, nach Millionendeal unter Matthias Rath nur noch ein müder Abklatsch früheren Glanzes, trotz enormer PR-Bemühungen. Nix mehr mit Legende. Aber leider der Zug der Zeit.

Der Hengst Cornetto K zum Beispiel, der jetzt unter dem fünften Reiter in internationalen Top-Events erfolgreich auftritt. In den Sport gebracht wurde er von dem Belgier Dominique Hendricks, der Brasilianer Doda de Miranda ritt ihn in Rio, da war er schon zum Zankapfel im Scheidungskrieg zwischen Doda und Athina Onassis geworden. Anschließend wechselte er zu Dodas Landsmann Yuri Mansur, von dort zum Italiener Alberto Zorzi und wird jetzt von der Britin Alexandra Thornton geritten, Dritte im Weltcupspringen in Al Rayyan (Katar).

Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute an diesem Pferd verdient haben, möchte auch nicht bezweifeln, dass es gute Reiter waren und sind, die in seinem Sattel saßen und sitzen. Aber unter einer Lebenspartnerschaft zwischen Mensch und Pferd, wie sie die FEI zu Werbezwecken suggeriert, stellt man sich doch was anderes vor. Das klingt doch mehr nach Lebensabschnittsgefährte, ziemlich unromantisch.

Wenn die Pferde austauschbar werden, ein Reiter jedes Wochenende mit einem anderen Pferd antritt, ist das aus seiner Sicht richtig. Er braucht mehrere Pferde, um vorne dabei zu bleiben. Und das wiederum muss er, um sein Standing in der Weltrangliste nicht zu verschlechtern. Wenn er nicht sein bestes Pferd durch zu viele Starts verheizen will, muss er mehrere Eisen im Feuer haben. Aber in der Außenwirkung entsteht schnell der Eindruck, die Pferde seien austauschbar. Traumpaare, die jeder kennt und liebt, wachsen nicht von heute auf morgen zusammen. Sie müssen in den Augen des Publikums zusammen gehören, nur dann sind sie eine Werbung für den Reitsport. Aber vielleicht sind die Zeiten der „Zwei Herzen, ein Wille“ längst vorbei. Das ist sicherlich auch der FEI nicht entgangen.


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