Gabriele Pochhammer zu der Verschiebung der Olympischen Spiele 2020 aufgrund der Corona-Pandemie

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

IOC-Chef Thomas Bach hat sich dem Druck von allen Seiten gebeugt und Olympia 2020 wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben. Warum hat er so lange gezögert? Gabriele Pochhammer sucht nach Antworten auf viele Fragen und hat auch mit einigen Reitern gesprochen, wie sie die Situation sehen.

Das war fünf vor zwölf. Die Olympischen Spiele werden, wie auf SG-online berichtet, verschoben, voraussichtlich um ein Jahr, sollen spätestens im Sommer 2021 stattfinden. Das gaben der IOC-Präsident Thomas Bach und der japanische Regierungschef Shinzo Abe jetzt bekannt.

Es überraschte niemanden mehr. Wie ein gewisses langohriges Grautier, das für seine Sturheit bekannt ist, hatte sich der deutsche IOC-Chef überlange gegen die Einsicht gesträubt, dass angesichts der Corona-Pandemie die Olympischen Spiele in Tokio nicht wie geplant am 24. Juli eröffnet werden können.

Mehr als 380.000 Menschen sind inzwischen weltweit infiziert, 16.500 verstorben, Stand Dienstag 14 Uhr. Die Verschiebung war weltweit gefordert worden, auch von Athleten, wie dem Athletensprecher Max Hartung und Dressurkönigin Isabell Werth.

Wann genau die Spiele jetzt ausgetragen werden und was verändert werden muss, soll das IOC zusammen mit dem Organisationskomitee, den Sponsoren und den japanischen Behörden in den nächsten Wochen klären.

Warum wurde so lange gezögert?

Sehr viel flexibler als das IOC hatte der Fußball reagiert und die Europameisterschaft ins nächste Jahr verlegt. Nur Bach hatte gemauert und bis zuletzt auf einer vierwöchigen Entscheidungsphase bestanden. Damit hatte er längst seinen eigenen Verband nicht mehr hinter sich.

Stimmen im IOC forderten die Absage bereits vor Tagen. Große Sportnationen wie Kanada und Australien hatten schon einen Boykott angekündigt, andere wären vermutlich gefolgt. Eine weitere quälende Phase der Ungewissheit hätte das IOC zerbrechen können.

Wäre man Psychologe, könnte man das Bach’sche Beharren vielleicht auf ein Trauma zurückführen, auf den westlichen Olympiaboykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 nach dem Einmarsch der Russen in Afghanistan, eine Entscheidung des DOSB, die der 27-jährige Fechter Bach damals heftig kritisierte.

Folgen des Aufschubes

Die Entscheidung zu verschieben, ist die eine Sache, die Umsetzung eine andere. Fest steht, eine Verschiebung wird teuer und kompliziert für alle. Milliarden zusätzlicher Kosten stehen im Raum, zum Beispiel sind die Wohnungen, die für das Athletendorf gebaut wurden, längst verkauft. Im nächsten Jahr sollen in ihnen, so ist der Plan, bereits die neuen japanischen Besitzer wohnen.

Bedenken gab es von Athletenseite nicht nur wegen der Gefahren für die Gesundheit der Sportler, ihrer Begleitteams und der Millionen Zuschauer, sondern auch wegen der eingeschränkten Doping-Kontrollen. Trainingskontrollen werden in diesen Zeiten, in denen in 167 Ländern Kontakt- und Reiseverbote herrschen, drastisch heruntergefahren. Sie werden in vielen Sportarten, etwa in der Leichtathletik, für wichtiger gehalten als die Wettkampfkontrollen selbst, weil im Vorfeld mit verbotenen Mitteln Muskelkraft und Ausdauer verbessert werden können. Corona kommt also für potentielle Dopingsünder wie gerufen.

Der Reitsport hat mit Doping der Athleten weniger zu tun, fast alle positiven Fälle sind „Versehen“, aber auch die Trainingskontrollen, die die deutsche nationale Antidoping-Agentur (NADA) bei Kaderpferden vornimmt, sind vorläufig ausgesetzt.

Reaktion der Reiter

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) scheint regelrecht erleichtert. „Die Spiele in Tokio wären zu einer Spielwiese für das Virus geworden, und deshalb war es vollkommen richtig, jetzt die Reißleine zu ziehen“, sagt Sportchef Dr. Dennis Peiler. „Diese Entscheidung ist zu einhundert Prozent im Sinne der Athleten und der Chancengleichheit gefallen. Auch unser Präsidium hat sich heute dementsprechend positioniert.“

Für die Reiter im Olympiakader ist der Saisonhöhepunkt weggefallen, es wird in diesem Sommer kein internationales Senioren-Championat geben. „Am Ende war es ja keine Überraschung“, sagt Springreiter Christian Ahlmann, „es war wohl nicht anders vernünftig zu regeln. Aber unser großes Ziel ist erstmal weg, die ganze Planung dahin.“

Wie viele seiner Kollegen nutzt er die Corona-Pause für eine Frühjahrsputz auf seiner Anlage in Marl. „Ich habe gerade den Pinsel in der Hand“, sagt er während unseres Telefonats, „auf dem Pferd habe ich in den letzten Wochen nicht viel gesessen.“

Dressurreiterin Jessica von Bredow-Werndl, die mit ihrer Stute Dalera zum Kreis der Medaillenfavoriten gehört, ist gefasst: „Ich bin froh, dass die Spiele nicht ganz ausfallen, das wäre für viele Sportler schrecklich gewesen. Jetzt hoffe ich, dass bald alles zur Normalität zurückfindet. Ich bin Optimist, aber auch Realist. Ich halte mich an die Empfehlungen und Regeln und hoffe, dass wir alle gestärkt aus der Krise hervorgehen. Selbst sind wir (mein Bruder und ich), Gesellschafter in Gastronomien hier in Rosenheim und Kolbermoor und auch mit unserem Sportstudio wirtschaftlich sehr betroffen. In Aubenhausen haben wir großes Glück, dass unsere Mitarbeiter auf der Anlage leben und so die Vorschriften relativ leicht einzuhalten sind.“ Eine komplette Absage mag sich Jessica gar nicht ausmalen: „Für mich sind die Olympischen Spiele eine großartige Chance. Dalera ist so im Flow, in so guter Form, ich hoffe, auch im nächsten Jahr.“

„Ich würde schon gerne irgendwann nach Tokio fahren“, sagt auch Michael Jung. Der dreifache Olympiasieger (zweimal Einzel, einmal Mannschaft), hat in Tokio die Chance, sich als erster Reiter das dritte olympische Einzelgold zu holen, das ist bisher noch niemandem gelungen. „Aber es muss natürlich wieder sicher sein.“

„Wir hoffen, dass wir bald wieder normalen Sport treiben können“, sagt Vielseitigkeitsbundestrainer Hans Melzer. „Alle trainieren weiter wie bisher, unsere Pferde sind super in Schuss, man muss natürlich sehen, dass die Reiter fokussiert bleiben. Im Herbst gibt es vielleicht noch ein paar schöne Prüfungen, etwa Blenheim, Boekelo oder Pau. Unsere Reiter haben es ja besser als viele andere Sportler, weil alle zuhause auf eigenen Anlagen trainieren können und nicht irgendwohin fahren müssen. Jetzt hoffe ich nur, dass nicht ein paar Leute in den sozialen Medien posten, was sie für tolle gemeinsame Ausritte machen.“

Aber geritten werden muss, denn laut Tierschutzrichtlinien haben Pferde ein Anrecht auf tägliches Training plus freie Bewegung. Alles andere wäre tierschutzwidrig.

Noch gibt es viele Fragezeichen

Auch wenn jetzt Gewissheit über die Tokio-Absage herrscht, wächst die Unsicherheit in vielen Bereichen. Was wird aus den Europameisterschaften für 2021, die jetzt überall vorbereitet werden? Was ist mit der Grundqualifikation der Olympiareiter, gilt die weiter oder muss sie neu erritten werden?

Viele Turniere sind schon abgesagt, andere Veranstalter halten sich noch bedeckt und warten ab, wie das Hamburger Derby (20. bis 24. Mai) oder der CHIO Aachen (29. Mai bis 7. Juni). Wie es aus Insiderkreisen heißt, bewirbt sich Aachen um einen neuen Termin, bestätigt wird das noch nicht. Zwei Termine sind ja jetzt frei geworden, die beiden Wochenenden im August, an denen eigentlich in Japan die olympische Flagge wehen sollte …

 


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