Halbzeit: Nach Tryon ist vor Tokio

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Nur noch drei Reiter werden bei den Olympischen Spielen 2020 pro Nation für die Mannschaft reiten. Was das für Deutschland bedeuten könnte? Darüber macht sich St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer so ihre Gedanken.

Die deutschen Reiter haben bei den Weltmeisterschaften in North Carolina bekanntlich glänzend abgeschnitten und mit 17 Podiumsplätzen ihre Spitzenstellung in  der Welt bekräftigt. Die Medaillen hängen im Schrank, der Marathon der Ehrungen läuft. Jeder will ein bisschen was von den Helden haben. Der Termin mit der neuen Springreiter-Weltmeisterin Simone Blum in der Münchner Staatskanzlei war wahrscheinlich für Ministerpräsident Markus Söder einer der netteren der letzten Wochen. Ein solch sensationeller Erfolg, errungen über fünf schwere Parcours an vier Tagen katapultiert eine Reiterin an die Spitze der Welt – sollte man meinen.

Wer die Weltrangliste von 1. Oktober studiert, reibt sich freilich die Augen. Man muss schon tief auf Seite zwei herunterscrollen, um den Namen Blum zu finden. Auf Platz 87 hat es Simone Blum geschafft, immerhin ein Sprung von 55 Plätzen, vorher war sie die Nummer 143. Aber in die Top Ten zu kommen, wird für sie sehr schwer werden. Für Reiter mit einem einzigen Spitzenpferd wie Simone mit ihrer Alice, die sie auch noch sehr überlegt einsetzen und es auf ein großes Ziel wie die Weltmeisterschaft hin schonen, ist diese Liste nicht gemacht. Eher für die Großverdiener mit mehreren Spitzenpferden, die auf der Global Champions Tour oder beim Grand Slam nicht nur viel Geld sondern auch viele Weltranglistenpunkte einsammeln. Die neue Weltmeisterin wird es verschmerzen können. Sie und das Team von Bundestrainer Otto Becker haben in Tryon mehr erreicht, als die Papierform versprochen hat.

Eine Bestandsaufnahme

Doch jetzt gilt: noch 22 Monate bis Tokio.  Zwei Schwalben machen noch keinen olympischen Sommer. „Leitfuchs“ Marcus Ehning, mit einem seiner Pferde zurzeit auf Platz fünf bester Deutscher der vom Niederländer Harrie Smolders (Niederlande) angeführten Weltrangliste, und Weltmeisterin Simone Blum mit Alice. Dann wird es eng. Daniel Deusser rangiert zwar gleich hinter Ehning, auf Rang sechs, kommt aber nach derzeitigem Stand nicht in Frage für einen Olympiastart, da er, wie auch Christian Ahlmann (Platz 21) bekanntlich die Athletenvereinbarung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nicht unterschrieben hat. Ohne die Unterschrift unter das ungeliebte und nicht unumstrittene Papier kein Platz im Kader. (Unter anderem verzichtet der Sportler darauf, bei  Streitigkeiten öffentliche Gerichte anzurufen.)

Otto Becker sollte nicht darauf vertrauen, dass sich die beiden Top-Reiter die Sache anders überlegen, sobald sie ein Championatspferd haben, ein Pferd, das in der Lage ist, vier oder fünf schwere Kurse innerhalb weniger Tagen zu gehen. Ob ihm Laura Klaphake und Catch me if you can noch zur Verfügung stehen, ist ungewiss. Ein Verkauf der zehnjährigen Stute, die Paul Schockemöhle gehört, ist denkbar. Im Nationenpreisfinale in Barcelona, dem letzten Saisonhöhepunkt, erreichte das deutsche Team nicht den zweiten Umlauf der acht Besten. Dass es die Trostrunde gewinnen konnte, ist, wie der Name sagt, ein Trost, Wenn auch ein schwacher.

Neuer Modus in Tokio

Drei Top-Reiter braucht es, um in Japan mitreden  zu können. Erstmals werden ja nur drei Reiter pro Nation ein Team bilden, es gibt kein Streichergebnis, jede Schwäche, ein schlechter Tag, nichts wird verziehen, alles zählt. Was die Sache nicht einfacher macht.

Auch nicht für die anderen beiden Olympia-Disziplinen. In zwei Jahren kann auch die Dressurwelt wieder anders aussehen. Bella Rose von Isabell Werth ist dann 16 und wird, sofern gesund und munter, immer noch Weltklasse sein, und vielleicht sogar sicherer und souveräner als bei den beiden Siegen in Tryon, im Grand Prix und im Special. Auch Cosmo von Sönke Rothenberger ist dann erst 13 und im besten Sportalter. Wer immer die Nummer drei sein wird, Dorothee Schneider, Jessica von Bredow-Werndl oder jemand, an den wir noch gar nicht denken – das Team wird stark sein. Ob stark genug für Gold, wird sich zeigen. Die Briten, mit der dreifachen Olympiasiegerin Charlotte Dujardin auf Freestyle, in England schon „Miss Valegro“ genannt in Anlehnung an den unvergessenen Olympiahelden Valegro, holen auf. Freestyle wird bis dahin auf der Stelle piaffieren, wetten dass? Und sonst macht sie ja jetzt schon nicht viel falsch.

Besonders bitter ist die Drei-Reiter-Formel für die Vielseitigkeit, wo schnell mal etwas eintritt, was das Mannschaftsergebnis umwirft, ein kleiner Vorbeiläufer, ein paar Sekunden zu langsam, selbst wenn der Ersatzreiter anders als bisher zur Teamrettung eingesetzt werden kann. Wer Medaillen gewinnen will, kann darauf nicht bauen.  Wie dünn die Decke in Deutschland ist , konnte man in Tryon sehen, wo am Ende nur Ingrid Klimke die Erwartungen erfüllte. Hale Bob ist in zwei Jahren 16, genauso alt wie Charisma, als Mark Todd in Seoul 1988 zum zweiten Mal Olympiasieger wurde. Michael Jung, der Doppelsieger des CCI*** Strzegom, hat vielleicht in zwei Jahren wieder ein Pferd von Olympiaklasse. Und nicht zuletzt können sich bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr in Luhmühlen Jungtalente plötzlich für Olympia empfehlen – das hatten wir schon öfter. Eine Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Und da sind wir mitten  drin.


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  1. Horst Müller

    Drei-Reiter-Formel ist besonders bitter für die Vielseitigkeit.
    Das kommt auf die Betrachtungsweise an.
    Chancengleichheit besteht weiterhin.
    Mehr als drei Spitzen-Championats-Reiter hatte Deutschland noch nie (JKA).
    Wozu braucht man Dauerstreichergebnisse, die niemals zu einem anrechenbaren Mannschaftsergebnis beigetragen haben, sich aber Doppelmannschaftsolympiasieger nennen?
    Durch deren Freistellung vom Dienst erhöhen sich allenfalls die Postgebühren.


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