Hans Günter Winkler – Gabriele Pochhammer erinnert an die Ikone des Pferdesports, plus: historische Bildergalerie

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

„In einer Reihe mit Max Schmeling“ titeln Kollegen der Tagespresse. Sie haben Recht: Hans Günter Winkler, „HGW“, war eine Persönlichkeit, die auch bei Nichtreitern einen Namen hatte. Zu wissen wer er war, gehört beinahe zur Allgemeinbildung. Er hat Sportgeschichte geschrieben. Bis zu seinem Tod mit 91 Jahren. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer erinnert an den großen Horseman.

Fast jeder in diesem Land, der mit Reitsport zu tun hat, hat ihn irgendwann mal getroffen. Und dazu braucht man noch nicht mal besonders alt zu sein. Die Nachwuchsreiter beim „Goldenen Sattel“ im Rahmens des Weltcup-Turniers „Partner Pferd“ in Leipzig erstarrten nicht gerade vor Ehrfurcht, als ihnen der 91-jährige Hans Günter Winkler im Januar 2018 gratulierte, aber beeindruckt waren sie schon von dem alten Herrn, dessen gebeugte Statur verkennen ließ, was für ein wacher Geist in ihr wohnte.

„HGW“ wusste immer noch genau wie gutes Reiten aussieht. Und er hatte noch soviel vor. 100 Jahre wollte er alt werden, und zusammen mit Andreas Ostholt, seinem Nachfolger auf seiner Reitanlage Birkenhof in Warendorf, noch viele gute Pferde in den Sport bringen. Am vergangenen Wochenende ist er gestorben.

Am 24. Juli, an dem Tag, an dem er 92 Jahre alt geworden wäre, wird er in einer Trauerfeier verabschiedet, in der Reithalle der Bundeswehrsportschule, an der ersten Warendorfer Wirkungsstätte des fünffachen Olympiasiegers, der Anfang der 50er-Jahre nach Warendorf kam.

Von Rau gerufen?

Nicht wirklich von Gustav Rau gerufen, wie in manchen Nachrufen zu lesen ist. Der damalige Leiter des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR) hatte zwar mal auf einem Turnier eine Bemerkung in dieser Richtung fallen lassen, aber nicht geahnt, dass Winkler sie wörtlich nehmen würde.

Ein paar Tage stand er mit vier Pferden auf der Matte. Und das erwies sich als Glücksfall nicht nur für die deutsche Reiterei, sondern auch für die Stadt Warendorf. Dass sie heute als „Stadt des Pferdes“ gilt, hatte sie schon längst vor dem Bau der opulenten FN-Verbandszentrale vor allem HGW und seinen weltweiten Erfolgen zu verdanken. Zu Recht ist er deshalb Ehrenbürger der Stadt. In Warendorf begann auch die Partnerschaft mit Halla, der „verrückten Ziege“, die keiner reiten wollte oder konnte.

Anfänge im Busch

Der Anfang beider Karriere begann im Busch, das erwies sich allerdings für Pferd und Reiter als Kamikaze-Unternehmen. Winkler konzentrierte sich auf den Springsport, stellt das Training mit Halla, die ja auch mal Hindernisrennen gegangen war, völlig um. Sie musste lernen, sich auf den Punkt genau an den Sprung heranreiten zu lassen, um dann sauber abzudrücken.

Das klingt nicht sehr aufregend, weil das heute alle machen, aber damals galt oft noch: Das Pferd wird den richtigen Absprung schon selbst finden. Und die kaprizöse Dame zu disziplinieren, war gewiss nicht einfach. Dass sie ganz gut alleine zurechtkommt, hat Halla dann bei HGWs legendärem Olympia-Ritt 1956 in Stockholm bewiesen.

Der Ritt zur Unsterblichkeit

Als er, schwer verletzt mit einem Muskelriss, halb betäubt durch eine Mischung aus Kaffee und Morphium, sie im zweiten Umlauf nicht mehr unterstützen, geschweige denn punktgenau zum Absprung reiten konnte, löste Halla die Aufgabe fabelhaft alleine, blieb null. Spätestens da war aus der „verrückten Ziege“ die „Wunderstute“ geworden. Wenn er auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn hätte aufhören sollen, „dann hätte ich nach Stockholm Schluss machen müssen“, sagte Winkler gelegentlich.

Medaillenbilanz

Er ritt noch 30 Jahre lang weiter, gewann in dieser Zeit weitere drei olympische Goldmedaillen, einmal Silber und einmal Bronze und war bis zum sechsten Gold von Reiner Klimke in Seoul 1988 der olympisch erfolgreichste Reiter aller Zeiten (Klimke wurde bekanntlich inzwischen von Isabell Werth übertrumpft).

Ein Pferd wie Halla hat er nie wieder bekommen, und alle, die das Pferd ihres Lebens schon gehabt haben, können sich trösten: Auch danach kann es noch tolle Erfolge geben. Den beiden Goldmedaillen von Stockholm folgten bekannt drei weitere Goldmedaillen, plus Silber und Bronze.

Gegenwind der jungen Wilden

Es war im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972, dass Winkler, inzwischen längst der anerkannte „Altmeister“, Gegenwind bekam von einer neuen jungen Springreiter-Generation. Ihre Anführer hießen Paul Schockemöhle und Hendrik Snoek, und sie wollten nicht akzeptieren, dass HGW ohne den damals obligatorischen Sichtungsweg zu gehen, mit nach München sollte. Es gibt ein Foto der jungen Rebellen, die wild entschlossen in die Kamera blicken, Paul und Henrik mit längeren Haaren, ganz auf 68-er gebürstet. Sie erreichten, dass Winkler in München lediglich im Nationenpreis, nicht in der Einzelwertung starten durfte.

Vom Stallmeister zum Herren

Für seine Kollegen, aber auch für seine Reitschüler war er da noch der „Herr Winkler“, meist im feinen Zwirn, distanziert, unvorstellbar, dass dieser Mann jemals eine Mistkarre geschoben hat. Die Notzeiten als Stallmeister der Alliierten Besatzungstruppen in Kronberg lagen weit zurück. Er trug schon englischen Tweed lange bevor die Jeunesse Dorée von heute im angesagten Country Look über Großstadtmärkte strich.

Winkler war ein Kind der Nachkriegszeit, er zeigte den Deutschen nach dem verlorenen Weltkrieg, dass man es aus eigener Kraft schaffen kann, wenn man nur hart genug arbeitet, wenn man einen eisernen Willen und Disziplin hat und auch mal auf die Leberwurst auf dem Brot zu verzichten bereit ist. Das ist ein Teil seiner Legende. Nie mehr arm sein – das Credo zog sich durch sein Leben. Er blieb der Aufsteiger, der nicht nur in sportliche sondern auch in gesellschaftliche Höhen strebte, der auf Jagd ging und unter Kronleuchtern so gewandt parlierte, als gehöre er schon immer dazu.

Strenger Trainer

Winkler war ein unerbittlicher Lehrer. Was er selbst bei seinem Vater gelernt hatte, gab er an seine Schüler weiter, und da war kein Platz für neumoderne Rücksicht auf zarte Reiterseelen. Wer nicht spurte, musste schon mal zur Strafe die Fenster an seinem Stall putzen, Hindernisstangen stemmen oder vor seinen silbernen Trophäen knien.

Sein strenger Ton traf alle, eingeschlossen zumindest drei seiner vier Ehefrauen, die zugleich ambitionierte Springreiterinnen waren, und zwar egal, ob Zuschauer dabei waren oder nicht. Wer durchhielt, konnte viel lernen. Dass das gute Reiten nicht verloren geht, das war sein Anliegen bis zum letzten Atemzug.

Förderer des Sports

Dafür hat Hans Güner Winkler auch nach seinem Abschied  aus dem aktiven Sport 1986 viel getan. Da wurde aus HGW, dem ehrgeizigen Konkurrenten, HGW der Förderer des Reitsports, dem sich immer noch viele Türen in Vorstandsetagen öffneten, die anderen verschlossen blieben. Er fing bei der Jugend an. Nach dem Vorbild der damals überall bewunderten US-Stilisten führte er ein, dass jungen Reiter wieder nach Stil bewertet werden. Ganze Springreitergenerationen wurden durch das von ihm geschaffene Nachwuchschampionat geprägt.

Bis zum Schluss

Vor wenigen Wochen sah man ihn noch beim Turnier im westfälischen Schloss Holte-Stukenbrock auf einem dieser unbequemen Turnierbänkchen sitzen und seinen jungen Pferden zuschauen. Dort traf ihn eine frühere Springreiterkollegin, Romi Kirchhoff, die unter ihrem Mädchennamen Romi Röhr 1962 Deutsche Meisterin war. Und schnell war man vom L-Parcours 2018 zurück zum gemeinsam bestrittenen internationalen Turnier in Pinerolo in den 50er-Jahren. Nichts hatte er vergessen! Aber niemals hat ihm der Blick zurück den auf die Zukunft versperrt. Und das ist vielleicht HGWs größte Leistung.

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