Helmzwang in Dressurprüfungen: Politik fürs Schaufenster?

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werden wir ab 1. Januar 2021 keine eleganten Dressurreiter in Frack und Zylinder mehr im Viereck sehen, sondern nur noch Helmträger. Überzeugende Argumente dafür gibt es nicht, die Reiter wollen zumindest die Wahl haben. Aber das scheint beim Weltverband niemanden zu interessieren.

Wer die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) kennt, müsste eigentlich wissen, dass ihre Mühlen zuweilen noch langsamer mahlen als die vom lieben Gott. Zwei Wochen vor der Generalversammlung in Lausanne, die diesmal Corona-bedingt online vonstatten geht, melden sich in einer Petition 141 Dressurreiter zu Wort, davon 75 der Top 100 der Weltrangliste. Sie fordern, dass ihnen auch künftig in Prüfungen die Wahl bleibt zwischen Zylinder und Reithelm. Letzterer soll ab 1. Januar 2021 aus Sicherheitsgründen zwingend vorgeschrieben werden.

Der Protest kommt mindestens ein Jahr zu spät. Denn bei der Generalversammlung in Moskau wurde über das Thema beraten und der Helmzwang beschlossen. Der deutsche Delegierte, FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach, war damals als einziger aufgestanden, um den Beschluss zu verhindern und den Reitern die Wahlmöglichkeit zu lassen. Vergebens. Die Deutsche FN hat jetzt zwar nochmal beantragt, die Wahl auch weiterhin zu ermöglichen, aber die FEI-Führung in Lausanne hat bereits abgewinkt und gedenkt offenbar nicht, das Fass nochmal aufzumachen. Nachzulesen auf der FEI-Website bei den Sitzungsunterlagen für die Generalversammlung in Lausanne.

Wenn es wirklich zu einer erneuten Abstimmung der Delegierten kommen sollte, weiß man, wie so was ausgeht. Zu viele Nationen stimmen erfahrungsgemäß fast automatisch für die Vorschläge der FEI-Führung, auch weil sie das Problem mangels Masse an Dressurreitern gar nicht haben und es ihnen ziemlich egal sein dürfte, ob einer im Bikini oder im Raumanzug ins Viereck reitet.

Tradition, Eleganz, Stil

Den führenden Dressurnationen ist das nicht egal. Tradition, Eleganz und ein gewisses Stilgefühl sind Attribute, mit denen der Sport gerne wirbt, auch auf höchster Ebene. Die Kombination von Frack und Helm ist nicht nur für Stil-Puristen eine Zumutung. „Frack mit Kappe – das geht doch gar nicht“, sagte Madeleine Winter-Schulze, Mäzenin von Isabell Werth und zu ihren aktiven Zeiten eine der elegantesten Erscheinungen im Dressurviereck.

Ohne Reitern wie der dreifachen Olympiasiegerin Charlotte Dujardin, die stets mit Helm reitet, Eleganz absprechen zu wollen, fühlen sich andere, wie Isabell Werth und 70 Prozent aller Top-Reiter mit dem schwarzen Zylinder wohler. Die Zeiten, in denen die deutsche Dressur-Ikone mit einem geschmacklich fragwürdigen aber wahrscheinlich lukrativ gesponserten Goldhelm auftrat, sind vorbei. Im Sommer 2020 begann Werth, zusammen mit dem Internationalen Dressurreiter Club (IDRC), die Petition zu planen. Sie und ihre Sportkollegen fühlten sich übergangen bei der Entscheidung zum Helmzwang.

„Es gab keine Informationen und keine Diskussionen mit den Reitern“, sagte Werth gegenüber der Website Eurodressage. Die Entscheidungen seien von der medizinischen Abteilung getroffen worden. Die allerdings kann sich kaum auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen, denn es ist kein einziger Fall von einer schweren Kopfverletzung in Dressurprüfungen bekannt.

Gegen die Helmpflicht auf dem Abreitplatz und bei Siegerehrungen, die ja in der Dressur häufiger mal zu einem gefährlichen Abenteuer ausarten, hat niemand etwas einzuwenden. Aber der Helmzwang auch auf Grand Prix-Niveau ist eine dieser Regeln, die nicht auf sachlichen Argumenten beruhen, sondern auf Demonstrationseifer: Seht hier, wir kümmern uns um die Sicherheit unserer Reiter. Schaufensterpolitik könnte man das auch nennen. Und etliche Funktionäre aus den Dressurländern haben wohl einfach verpennt, ihre Reiter rechtzeitig zu informieren und aufzurütteln.

Wie machen es andere Disziplinen?

Und es ist ja, aller Sicherheitsgebote zum Trotz, nicht so, dass jeder einen Helm tragen muss, der sich öffentlich zu Pferde und mit Pferden bewegt. Vierspännerfahrer in der Dressur sind davon befreit, ich stelle mir gerade Prinz Philipp, den makellosen britischen Gentleman, vor, wie er oben auf dem Bock sitzt, korrekt mit Wagendecke, Handschuhen maßgeschneidertem Rock aus feinstem Tuch und obendrauf dann der Reithelm. Oder Kaiserin Sissi, deren Bild im Damensattel mit Zylinder und wehendem Schleier jeder kennt.

Oder John Wayne, unverwechselbar unter seinem Westernhut grinsend. Denn auch Westernreiter müssen zwar laut Reglement à la Wildwest gekleidet sein, mit kariertem Hemd etwa, aber gekrönt wird die Erscheinung nicht mehr mit dem Stetson, sondern mit dem Reithelm. Die Aufregung im Lager der Reiner hält sich freilich in Grenzen. Einmal weil findige Geister eine Kombi-Version erfunden haben, bei der der Helm unter den Westernhut gebastelt wird, sodass nur noch der Kinnriemen verrät, was sich darunter verbirgt. Im übrigen haben die Westernreiter zur Zeit andere Probleme. Es ist absehbar, dass sie aus der FEI ausscheiden, weil sich der starke US-Verband nicht den FEI-Regeln unterwerfen will. „Da geht es nur noch um Macht und Prinzipien“, sagt Nico Hörmann, der die Reiner innerhalb der FN betreut.

„Ein Helm schränkt ein“

Ganz außen vor sind die Voltigierer, obwohl man doch denken könnte, Salto, Handstandstand und andere halsbrecherische Übungen verlangten geradezu nach Sicherheitsmaßnahmen. Das Gegenteil ist der Fall. „Ein Helm schränkt die Raumlage-Orientierung ein“, sagt der mehrfache Weltmeister Kai Vorberg. „Das Blickfeld wird eingeschränkt, außerdem stört das zusätzliche Gewicht. Der Sportler kann sich nicht mehr so frei bewegen.“ Wie in Dressurprüfungen ist kein Fall bekannt, bei dem sich ein Voltigierer in einem Wettbewerb eine schwere Kopfverletzung zugezogen hat. Spricht also alles dafür, den Frackträgern für die Prüfung – und nur da – die freie Wahl zu lassen. „Das hat auch was mit Demokratie zu tun“, sagt Isabell Werth.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich sind auch wir, die St.GEORG-Redaktion, dafür, dass beim Reiten ein Helm getragen wird. Die oben geschilderten Ausnahmen ändern nichts daran. Bilder ohne Helm schaffen es in der Regel nicht ins Heft oder auf die Website. Einzige Ausnahme: die Queen. Da reicht das Kopftuch.


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  1. Jenny

    Natürlich sind ständig Bilder ohne Helm präsent, auch in ihrem Heft. Sonst wären von der Deutschen Meisterschaft Dressur nur wenige Bilder übrig geblieben 😉 Auch das Cover vom Juli ziert eine Reiterin mit Zylinder.

    Ich sehe in dieser Schutzverordnung einen großen Fortschritt. Umso selbstverständlicher der Helm wird, desto mehr tragen Helm. So einfach ist das, wenn man das Gesamtbild betrachtet.
    Ist es diese Reform nicht wert, wenn dafür weniger folgenschwere Unfälle passieren? Hier spreche ich von den Unfällen, die es nicht in eine große Pferdezeitschrift schaffen.

    Es geht mir hier nicht um die Spitzenreiter im Viereck, sondern die Reiter daheim (oft Jugendliche/junge Erwachsene zwischen 15-25). Hier wird „ohne Helm reiten“ oft mit „ich kann ja reiten“, „mein Pferd ist sehr gut ausgebildet“oder ähnlichem gleichgesetzt. Auf dieses Phänomen trifft man im Breiten-, wie im Leistungssport. Ich schließe mich hier selbst nicht aus, habe ich doch selbst meinem Reitlehrer nachgeeifert und in unbeobachteten Momenten stolz den Helm weggelassen.

    Das Argument „Tradition“ greift für mich auch nicht. Tradition bedeutet nicht zwangsläufig gut oder gar richtig und das Festhalten daran zeugt von Stillstand.
    Als Marketinginstrument für unseren angeschlagenen Sport ist das definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

    Whataboutism, wie auch hier Westernreiten und Voltigieren anzuführen, ist immer dann Mittel der Wahl, wenn keine anderen triftigen Argumente vorhanden sind.

    Also bleibt nur die Stil-, Geschmacksfrage… einfach zu beantworten. Optik ersetzt nicht Sicherheit oder Vorbildfunktion. Punkt.

  2. Friederike

    Jetzt mal ehrlich: Da gibt es doch gar keine Diskussion. Jeder Reiter hat vom Sicherheitsaspekt her einen Helm zu tragen. Das muss schon als Vorbild gelten. Auch auf Grand Prix Niveau. In zwei Jahren kräht kein Hahn mehr nach einem Zylinder, weil es vernünftiger Alltag im Grand Prix Sport geworden ist. Und es wird wohl niemanden geben, der Charlotte Dujardin nicht als elegante Erscheinung im Dressursattel bezeichnen wird.

  3. Andrea

    Boah Leute mal ehrlich, jetzt macht Euch doch mal locker.
    Man kann sich auch in Watte packen.
    Dieses ständige Geschrei nach mehr Sicherheit. Von Airback über abwerfbare Hindernisse in der VS. Von 3-Punktverschnalltem Helm über Protektoren im Springen und jetzt der Dressursport mit Helmpflicht.

    Haben wir denn sonst wirklich keine Probleme?

    • Anne

      Liebe Andrea,

      aus Versicherungstechnischen Gründen MUSS eigentlich ein Helm getragen werden, sonst zahlt KEINE Versicherung – das zu Recht! Denn die Kosten bei Unfall kann man kaum bezahlen!

      Ich mach es von klein auf ohne eine Ausnahme. Daran gewöhnt man sich.

  4. Andrea

    Immer wieder der Knaller, wie man gleich in eine Schublade gesteckt wird. Äußerst Amüsant. 🙂

    Mein oberer Kommentar macht in keinster Weise eine Aussage darüber, ob ich selbst einen Helm
    trage oder nicht. Meines Erachtens nach, stand meine Person hier auch nicht zur Debatte.

    • Anne

      Und was wollten Sie dann mit Ihrem Kommentar ausdrücken?
      Sie regen sich ja schnell auf.

      Ich bin froh, dass dieses Thema hochkommt. Wenn bereits viel früher dieser abwerfbaren Hindernisse in der VS gegeben hätte, dann wäre vielleicht der wunderbare Nachwuchsstar Benjamin Winter nicht tödlich verunglückt. Das wollen wir doch verhindern, oder?

    • Doris

      Hallo Andrea, schade, aber SIE haben es offenbar noch immer nicht verstanden. Tja…
      Übrigens, die abwerfbaren Hindernisse, wie von Ihnen aufgeführt, dienen nicht nur der Sicherheit der Reiter…. oder ist Pferdeschutz auch überflüssig und „locker“ zu sehen?

  5. Carmen Fischer

    Mal ehrlich. anders bei der CoronaDisskusion haben wir hier viele Erfahrungszahlen für vermeidbar schwere Kopfverletzungengen beim Reiter.
    Stil ist nicht alles, und wenn das Tragen eines Helms ein einfaches Mittel ist, das bewiesenermaßen die Sterblichkeit/Invalidität bei Reitunfällen herabsetzt, dann drauf mit den Dingern.
    Frau Klimke wirkt doch nicht unelegant auf dem Viereck, und ihre Erfahrung auch über Sprünge im Gelände,und sinnvolle Eigen-Schutzmaßnahmen, sollte uns Vorbild genug sein.
    Besonders interessant finde ich Bilder, wo alle vier Pferdebeine hochumwickelt sind, aber der Reiter ohne Helm und festes Schuwerk zu Pferde sitzt.
    Man traut dem Pferd kaum das Laufen zu und sich dagegen gottgleiche Fähigkeiten beim Reiten.

  6. Anja

    Ich war mir erst nicht sicher, ob der Blogbeitrag satirisch gemeint ist. Ist er aber wohl nicht. Meine Meinung zu unserem Herrn Generalsekretär ist ohnehin nicht die beste, aber damit hat er mal wieder bestätigt, dass er zu sehr in vermeintlich ruhmreichen Traditionen verfangen ist. Und der Blogbeitrag schlägt hier in dieselbe Kerbe. Kaiserin Sissi als Orientierungsbild? Dann bitte auch den Damensitz fordern!

    Dazu, eher unsinnig, die Einbeziehung des Voltigiersports in die Argumentation des Blogs. „Aber was ist mit…?“ ist ein beliebtes Prinzip, wenn einem argumentativ die Puste ausgeht.

    Unabhängig vom notwendigen Eigenschutz der Reiter und Reiterinnen in der absoluten Spitzenklasse muss man doch gerade bei denen, die für Tausende ambitionierter Nachwuchssportler ein Vorbild sind, genau überlegen, welches Bild sie setzen. Und wer schon mal mit Teenies diskutieren musste, dass es zwar sein mag, dass der helm die Frisur zerdrückt, das aber immernoch besser ist als eine Delle im Schädel, der weiß, wovon ich spreche.


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