Herning 2022 – einfach schön!

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Multi-Weltmeisterschaften in Herning bescherten uns Sternstunden des Sports dank einer perfekten, aber nicht penetrant-pedantischen Organisation, vor allem aber wegen der Leistungen in Viereck, Volti-Zirkel und Parcours, von denen man noch lange reden wird.

Es macht eben doch einen Unterschied, ob, wie zu Corona-Zeiten, gähnend leere Ränge auf Reiter und Pferde starren, oder ob da Menschen sitzen, die aufstöhnen, wenn was nicht klappt, bewundernd raunen, wenn etwas besonders gut klappt oder laut klatschend und Fahnen-schwenkend ihre Landsleute feiern, wie bei den Weltmeisterschaften in den vier Disziplinen Springen, Dressur, Paradressur und Voltigieren in Herning. Dass auch die Deutschen was zu feiern hatten, dafür sorgten vor allem die Voltigierer mit ihren Medaillen gleich zu Beginn des WM-Turniers. Dann wurde es etwas sparsamer mit dem Edelmetall, aber am Ende stand die Erkenntnis, dass auch hinter nicht-medaillengekrönten Ritten denkwürdige Leistungen stehen können. Eine davon hat die Pressestelle erbracht, von der viele andere auf der ganzen Welt sich eine Scheibe abschneiden können. Wo die unerreichte Edith de Reys, polyglott, sachkundig und hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe am Empfangstresen sitzt, kann für uns Journalisten nicht mehr viel schief gehen. Erst recht nicht, wenn Britt Carlsen als Pressechefin der Weltmeisterschaften im Hintergrund die Fäden in der Hand hält!

Kurze Wege vom Parkplatz, wunderbar vor allem für die Fotografen, die zentnerschwere Ausrüstung schleppen müssen. (Übrigens hatten es auch die ganz normalen zahlenden Zuschauer nicht viel weiter). Eine riesige Messehalle als Schreibsaal, mit großen Abständen auch für Corona-Paniker, zwei große TV-Schirme, die zwei Arenen zugleich zeigten. Das war vielleicht der Grund, warum auf der Pressetribüne der befürchtete Kampf um zu wenig Plätze ausblieb. Die ARD hatte sich übrigens bereits die ganze Zeit über mit fetten Schildern drei Sitze reservieren lassen, ohne dass dort jemand auftauchte. Die Journalisten hatten Zugang zum Abreitebereich, wo sie nicht nur beim Training zugucken, sondern auch mal auf einem Sofa (!) zwanglos mit den Reitern plaudern konnten.

Verhungert ist auch niemand in der Pressestelle, wem die ziegelsteingroßen Sandwiches den Appetit verschlugen, konnte sich an frischem Obst laben. Oder in die nie versiegenden Weingummi-Dosen greifen. Oder sich auf dem Platz allerlei Köstlichkeiten besorgen, die allerdings so in Plastik eingeschweißt waren, dass mancher schon keinen Hunger mehr hatte angesichts des Abfalls, den jede Mahlzeit produzierte. Und das bei dem ständigen Hinweis, wie nachhaltig die ganze Veranstaltung doch sei.

Eindrucksvoller Sport

Am Ende bringt jeder seine eigenen Bilder mit nach Hause, die von dieser WM bleiben. Bei mir sind es einmal die voltigierenden Akrobaten. Wie man auf dem Schultern eines Mitturners im Galopp noch Purzelbaum schlagen oder das Bein gen Himmel recken kann, jede Schwerkraft verachtend, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Dann die Parareiter auf ihren wunderbaren, schönen, gutwilligen Pferden, die jeden Wunsch ihres Reiters zu erahnen schienen und zeigten, was Partnerschaft zwischen Mensch und Tier bedeuten kann. Wieviel Mut gehört dazu, sich trotz körperlicher Einschränkungen auf ein Pferd zu setzen, das, aller Erziehung zum Trotz, ja immer noch ein großes, kraftstrotzendes Wesen bleibt!

In der Dressur schließlich war es einmal das Bild des Glanzrappen Glamourdale im starken Galopp, voller Kraft und Wucht, wie von einem anderen Stern. Dann Isabell Werth, im Grand Prix Special nach Lottie Fry einreitend, die ihrer Konkurrentin mit einem „Give-Me-five“ Anerkennung zollte. Sie wusste da schon, dass sie nicht mehr gewinnen konnte, aber sie ist zu sehr Sportsfrau, um eine überragende Leistung nicht zu würdigen. Sie hatte Lottie noch am Vortag Tipps für die Pirouette gegeben. Am Ende wurde sie vom britischen Richter Peter Storr um eine Bronzemedaille gebracht.

Die hätte auch Benjamin Werndl mit Famoso in der Kür verdient, der sich sensationell steigerte, sein Pferd, locker, die Nase vor der Senkrechten – und zwar immer! – das Maul geschlossen, ein Bild von harmonischer Eleganz, das man in Herning auch unter den Medaillenträgern suchen musste. Deswegen habe ich das Gerede vom „neuen feinen Reiten“ das die Gewinnerinnen für sich proklamierten, nicht verstanden. Um sich an die 21-jährige Nicole Uphoff zu erinnern, die 1988 mit Rembrandt Olympiasiegerin wurde, sind die diesjährigen Podiumsbewohnerinnen wohl zu jung, aber das Bild der Olympiasiegerin 2021 in Tokio, Jessica von Bredow-Werndl und Dalera, sollten sie doch noch vor Augen haben. 91,732 bekam sie in der Kür – da kann sich manche noch warm anziehen. Wir freuen uns jedenfalls auf das Comeback der beiden.

Bleiben wird leider das Bild der Mannschaftssiegerehrung, ganz links der Corona-infizierte Brite Gareth Hughes, der seine Konkurrenten und Mitstreiter umarmte und der Schirmherrin Prinzessin Benedikte herzlich die Hand schüttelte. Weder er noch die Mannschaftsführung hielten es für nötig, die anderen Reiter zu informieren. Diese Rücksichtslosigkeit und Ignoranz war jetzt mal nicht die feine englische Art.

Auch im Springen gab es Bilder, die bleiben. Der Sturz von André Thieme – in der Vielseitigkeit würden sie euphemistisch „Herunterfaller“ sagen – war ein Drama nicht nur für das deutsche Teamergebnis, sondern vor allem für den Reiter und die überragendes Stute Chakaria, die ja gar nichts dafür konnte, dass sie ihren Piloten verlor. Zu dieser Szene gehört das Bild von Marcus Ehning, die flugs ergriffene Hindernisstange quer vor dem Körper, um Chakaria bei ihren rasenden Runden aufzuhalten – auch ein bisschen der Held des Tages.

Dazu gehört für mich vor allem das Bild von Limbridge und Jana Wargers. Mit gespitzten Ohren, den Blick aufs nächste Hindernis gerichtet, fast immer perfekt von seiner eleganten und fein einwirkenden Reiterin unterstützt – so schön kann Springsport aussehen!


  1. berndride

    Die mangelnde Medienpräsenz im Deutschland führt eher dazu, diese Events zu ignorieren. Eurosport Zusammenfassungen spät abends wenn alles vorbei ist, lobenswert, aber kein Ersatz für wirklich aktuelle Übertragungen. Ein bisschen fachliche Kommentare in St. Georg und das war’s dann schon. Die Leute ignorieren das, selbst im Reitsport. Ich war am Wochenende auf einem kleinen Turnier. Niemand dort hat auch nur ein Wort über Herning verloren. Es hätte genausogut ein lokales Turnier im Ausland sein können, das weiter keinen interessiert. OK, ein paar S-Dressuren und Springen usw… Na, und? Uninteressant.

  2. ursula machner

    das fand ich sehr ärgerlich . habe mich schon darauf gefreut und im fernsehen wurde nix gezeigt und wenn, dann nur minimal. bin extra bei dem schönen wetter sonntag nachhause gefahren um die übertragung um 15.45 im ard zu sehen. eine stunde lang umsonst gesessen und geärgert. man hat ausführlichst turnen gezeigt, siegerehrung, umarmungen der sportler etc. etc. nichts von der wm, die ja auch nicht gerade jedes jahr stattfindet. jede wm ist ein großes event, das würdig ist, im fernsehen übertragen zu werden, oder nicht?

    • Claudia R.

      Letzten Sonntag konnte man von 14h-15h im ARD-Livestream der Sportschau zunächst das WM-Springen verfolgen. Dann unvermittelt Unterbrechung. Es sollte ca. 15.45h weitergehen, dann 17h, dann 17:15h im Live-Stream. Inzwischen gab es schon in den Medien die ersten Ergebnisse. Mit Glück hab ich dann bei der ARD ab ca. 17.20h die letzten Starter gesehen. Des Rätsels Lösung: 2 Mal Gold in einem Breitensport (Turnen München Euro…) mit vermutlich größerem Publikum, während der „Rand“sport Springen „nur“ einen 5. und 9. Platz für die Deutschen einbrachte, wenn dies auch durch eine spannende Aufholjagd erreicht wurde (aber das verstehen ja nur Reitsportfreunde.) Da kann ich die Öffentlichen-Rechtlichen noch verstehen. Aber: Wenn man den Programm-Plan so schnell ändert, warum ist es heute in digitalen Zeiten nicht möglich, per Einblendung eines Banners oder ähnlich darauf hinzuweisen. Das ist die eigentliche Unverschämtheit.
      Bei so wenig Medienpräsenz ist es dann auch nicht so verwunderlich, wenn selbst Reiter- und Pferdefreunde kaum mitbekommen, dass es die WM gab.

      • Hartwig Lau

        Ja, das ist die eigentliche Unverschämtheit, den Zuschauer dahingehend zu informieren, der 2.Umlauf beginne erst um 16.15 Uhr (statt 15.55 Uhr) usw.
        Zum Glück übertrug ClipMyHorse.de live, umso unverständlicher weshalb eine Fortsetzung des Livestreams unter http://www.sportschau.de offensichtlich nicht möglich war.

  3. Selja

    Ich bin wirklich Fan von Reitsport im TV – aber momentan zieht es mich da nicht hin – in der Dressur viele unschöne Bilder, im Springen im Livestream ständig irgendwelche Pausen, die anscheinend auch den TV Anstalten nicht bekannt waren…

    Und warum ist die WM parallel zu den European Championchips in München und der Schwimm EM in Rom – da hätte es doch bestimmt ein Wochenende mit weniger Konkurrenz gegeben


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