Holsteiner Verband verabschiedet Dr. Thomas Nissen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Nach 32 Jahren als Zuchtleiter und Geschäftsführer des Verbandes der Züchter des Holsteiner Pferdes legt Dr. Thomas Nissen Ende 2020 seine Ämter nieder und geht in den Ruhestand. Im Rahmen der Holsteiner Körung und Elite-Auktion in Neumünster wurde er verabschiedet.

Das Bild hatte Symbolkraft, auch wenn es vermutlich ganz praktisch gemeint war. Bevor es los ging mit der feierlichen Verabschiedung von Dr. Thomas Nissen als Zuchtleiter des Holsteiner Verbandes, in der Holstenhalle nach der Proklamation des Siegerhengstes, nahm ihm sein designierter Nachfolger Stephan Haarhoff den roten Ordner aus der Hand. Jenen Ordner, in dem Nissen in den drei Tagen der 50. Hengstkörung und in den Wochen davor bei den Besichtigungen seine Notizen und Eindrücke eingetragen hatte. Mancher würde was drum geben, wenn er da mal reingucken könnte.

Aber jetzt brauchte Nissen seine Hände für andere Dinge als für einen Ordner, dessen Inhalt in diesem Moment bereits Geschichte war. Die drei Zuchthelden Cascadello, Casall und Calido tänzelten herein, viele Weggefährten waren gekommen, um Adieu zu sagen. Natürlich kam keiner mit leeren Händen. Da war es ein Glück, dass Thomas Nissens Ehefrau Hilde und sein Sohn Christian neben ihm standen, an die er die Gaben erst mal weiterreichen konnte. Ein bisschen wie bei der Queen.

Respekt und Anerkennung

Freundliche Worte gehören wohl zum Abschied aus einem Amt, dass Thomas Nissen 32 Jahre lang glänzend ausgefüllt hat. Aber dies war mehr. Bei jedem Redner klangen der Respekt und die Anerkennung an, die sich Nissen in diesen Jahren erworben hat. „Du kannst zuhören, erst dann bildest du dir eine Meinung, die du dann klar vertrittst “, sagte Verbandspräsident Hinrich Köhlbrandt. Reichlich Pathos ließ Dr. Klaus Miesner, Zuchtchef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) raus. Er bezeichnete Nissen als den „herausragenden Leuchtturm Norddeutschlands…, der das Holsteiner Pferd und deren Züchter weit über die Grenzen Deutschlands hat erstrahlen lassen.“ So was hört man wohl nur einmal im Leben!

Im Gepäck hatte Miesner die Goldene Gustav-Rau-Medaille, die höchste Auszeichnung, die die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) bereit hält für einen, der sich um die Pferdezucht verdient gemacht hat. Der Präsident des Weltzuchtverbandes, der Däne Jan Pedersen, nannte ihn eine „Ehrenmann“ (Was denn sonst?), der jetzt auch Ehrenmitglied im WBFSH-Vorstand ist. „Wir konnten uns auf dich verlassen“, sagte der Moderator der Abschiedsparade, Harm Sievers. Die Vertreter der Körbezirke, Ulrich Steuber und Eva Junkelmann, priesen sein diplomatisches Geschick.

Das ist tatsächlich beachtlich und in Kombination mit seiner von niemandem je angezweifelten Integrität vielleicht der Schlüssel, warum Nissen in Holstein so ein hohes Ansehen genießt. Um unparteiisch und unabhängig zu sein und Interessenkonflikte zu vermeiden, gab er seine eigene, erfolgreiche Zucht auf. Seit jeher wird in der Holsteiner Züchterschaft viel gestritten, mal mehr mal weniger heftig. Bequeme Ja-Sager waren die Pferdeleute zwischen den Meeren nie. Aber mit Thomas Nissen Streit zu bekommen, ist so gut wie unmöglich. Immer höflich, immer geduldig und auch bei polternden Attacken. Kein Kumpeltyp, aber als schleswig-holsteinischer Bauernsohn gehörte er schon per Geburt dazu. Seine Fachkompetenz stärkt ihm den Rücken.

Janne Bugtrup

Dr. Thomas Nissen wurde anlässlich der Körung und Elite-Auktion in Neumünster mit seiner feierlichen Verabschiedung überrascht. Seine Frau Hilde und sein Sohn Christian begleiteten den scheidenden Holsteiner Zuchtleiter. (© Janne Bugtrup)

Verdienste rund im die Holsteiner Zucht

Während Nissens Amtszeit hat sich die Welt der Holsteiner Zucht verändert, er hat diese Veränderungen angestoßen beziehungsweise mitgetragen. Der Phase der starken Vollblutzufuhr in den 60er und 70er-Jahren folgte in den 80er- und 90er-Jahren die damals gewiss notwendige Konsolidierung unter anderem mithilfe der beiden C-Hengste Capitol I und Cor de la Bryère. Ein Pferd, das nicht als Holsteiner geboren war, konnte es kaum noch werden. Die Holsteiner Zucht schloss das Zuchtbuch weitgehend, bis auf wenige Zuchtversuchs-Hengste. In diese Zeit fallen die großen Erfolge der Holsteiner Springpferde, bis hin zum Spitzenplatz in der Weltzuchtrangliste.

Die Kehrseite der Medaille: Zum einen verengten sich die Blutlinien – es gab Körungen, in denen zwei Drittel der Hengstnamen mit C anfingen – auf der anderen Seite kombinierten andere Hochzuchten, Frankreich, Belgien und die Niederlande, die Holsteiner Gene mit ihren eigenen Pedigrees, zum Teil mit sensationellen Erfolgen, sodass Holstein auf der Weltzuchtrangliste bis aktuell auf Platz acht zurückfiel.

Nissen war immer jemand, der Fehlentwicklungen gegenzusteuern versuchte, so wurde und wird er nicht müde, die Holsteiner Züchter zur stärkeren Benutzung von Vollbluthengsten zu ermuntern. Darin folgen ihm freilich nur wenige. Das Programm „Holstein Global“, das auch anderer Genetik den Zugang ins Zuchtprogramm ermöglicht, war im wesentlichen sein Kind, damit holte er die Welt zurück nach Holstein.

„Ein guter Typ“

Und nicht zuletzt kämpfte Nissen stets um den Standort Kiel. Dort ist die Zuchtleitung mit ihren Büros zuhause und der Abstand zur Elmshorner Verbandszentrale mit den Schwerpunkten Hengsthaltung und Vermarktung sicherte dem Zuchtleiter die nötige Unabhängigkeit, um für die gesamte Züchterschaft einschließlich der Privathengsthalter glaubwürdig zu bleiben.

Bis Ende des Jahres bleibt Thomas Nissen noch im Amt, auch danach wird er als Berater und Gesprächspartner Holstein nicht verloren gehen. Wenn er dann, womöglich erst in warmer Frühjahrssonne, mit seiner Frau im Strandkorb – ein Abschiedsgeschenk der Züchterschaft – Platz nimmt und die Hohen Lieder, die auf ihn gesungen wurden, Revue passieren lässt, dann wären ihm vermutlich die Worte des FN-Präsidenten Breido Graf zu Rantzau die liebsten: „Einfach ein guter Typ“, hat der mal gesagt.


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