In Holstein brennt die Hütte nach Provisions-Affäre

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

Nichts ist momentan in Holsteiner Verband mehr so wie es mal war. Nachdem bekannt wurden, dass Vorsitzender Thies Beuck und Vorstandsmitglied Timm Peters ihrem Kollegen Christian Dietz Provisionen für an seine Kunden verkauften Pferde genehmigt hatten, kam es zum Eklat. Der Vorstand sah sich genötigt, genötigt geschlossen zurückzutreten. Prominente Züchter drohten mit Austritt aus dem Verband. Anschuldigungen und generelle Missstimmung nehmen täglich zu. St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer fasst den Unmut zusammen – und hat neue Stimmen aus dem Land zwischen den Meeren eingefangen.

Kungeleien um Provisionen, offenkundige Unwahrheiten und ungute Interessenkollisionen bis hin in den (ehrenamtlichen) Vorstand sind das Szenario des Holsteiner Verbandes , das sich kaum mehr als vorübergehende Krise schönreden lässt. Alles vor dem Hintergrund von im Vergleich zu anderen Auktionsplätzen mageren Verkaufserlösen und zunehmenden Klagen aus der Züchterschaft ob einer nicht funktionierenden Vermarktung.

Die Fakten, die letztlich zum Rücktritt des gesamten Vorstandes und Neuwahlen Ende Februar führten, wurden auf St.GEORG online bereits geschildert, hier nochmal zusammengefasst: Vorstandsmitglied Christian Dietz, zugleich geschäftlich für das Verbandsmarketing zuständig, hatte für angebliche Neukunden eine Provision für Auktionsverkäufe im Verkaufswert von ca. 200.000 Euro angemeldet (zu zahlen vom Aussteller bzw. Züchter, zusätzlich zur üblichen Auktionsprovision für den Verband), die ihm vom Präsidenten Thies Beuck und das Vorstandsmitglied Timm Peters genehmigt wurden. Ein Fehler, sagt Beuck heute, der sich bei der Körbezirksversammlung Rendsburg-Eckernförde dafür öffentlich entschuldigte. In den Bereich des Illegalen reicht der Vorwurf, Dietz habe sich die Provision mit Auktionator Dr. Günther Friemel teilen wollen, belegt durch ein eidesstattliche Versicherung eines der renommiertesten Züchters im Lande, Reimer Hennings. Ein Auktionator muss streng neutral bleiben, das schließt Extra-Provisionen wohl aus, schließlich entscheidet er, in welcher Sekunde der Hammer fällt. Friemel und Dietz bestreiten das, der Verband äußert sich dazu im Moment nicht.

Das Fass zum Überlaufen brachte die in den Augen vieler Mitglieder ungerechtfertigte fristlose Kündigung von Vermarktungsleiter Ove Asmussen, der die Vorgänge publik gemacht hatte. Man hat, wie so oft den Überbringer der schlechten Nachricht geopfert, wie schon im antiken Athen. Nicht gerade eine Ermutigung für „Whistleblower“, Missstände aufzudecken, aber der Auslöser für sehr heftige Reaktionen innerhalb der Züchterschaft.

Bei der turbulenten Körbezirksversammlung Pinneberg in Haselau (hier hat einst der legendäre Contender gestanden) entzogen bei einem Misstrauensvotum von 71 Mitgliedern eine deutliche Mehrheit, 42, also 59,19 Prozent, dem Vorstand das Vertrauen. Einen Tag später kam die Ankündigung des Rücktritts.

Sören von Rönne, Olympiareiter und seit vielen Jahren erfolgreicher Holsteiner Züchter, meldete seine Stuten ab. Zuchtleiter Dr. Thomas Nissen, so etwas wie der Chefdiplomat im Verband, von unangefochtener persönlicher Integrität und durch seine Dienststelle in Kiel in gesunder Distanz zum Elmshorner Klüngel, legte die Post erstmal beiseite und versuchte zu vermitteln. Mit Erfolg. „Ich werde weiter in Holstein mitarbeiten“, sagt Sören von Rönne. Und:

Der Holsteiner Verband ist meine Heimat, zu den Oldenburgern wäre ich nur gegangen, um ein Papier zu bekommen.

Für ein Vorstandsamt stehe er aber nicht zur Verfügung, sagte von Rönne mir am Telefon und fügte in schöner Selbsterkenntnis hinzu: „Ich kenne mich, ich will auch immer mit dem Kopf durch die Wand.“  Er sei kein Teamplayer, sondern ein Einzelkämpfer. Er sieht sich eher als Berater.

THOMAS VOSS im Vorstand?

Namen für ein Vorstandsamt fallen ihm ein, etwa der von Thomas Voss, Springreiter, Züchter und dezidiert in der Formulierung seiner Ziele. Voss ist ein Befürworter einer neuen Verbandsstruktur, in der es keine Delegierten gibt, die von den Mitgliedern gewählt werden, sondern eine Mitgliederversammlung, zu der jeder Züchter Zugang hat. „Das Delegiertensystem stammt aus dem vorigen Jahrhundert, als die Telefone noch Wählscheiben hatten“, sagt Sören von Rönne. Im Zeitalter des Internets könnten alle Aktivitäten den Züchtern (in einem eigenen geschlossenen Bereich) sofort mitgeteilt und ihnen die Möglichkeit zur Reaktion gegeben werden. Das muss die Verbandsführung natürlich wollen. Zur Zeit ist die Homepage des Verbandes so unübersichtlich, dass auch gewiefte Internetfreaks sich erst mühsam zu den gewünschten Infos durchklicken müssen. Das sollte sich schnell abstellen lassen, andere kriegen das ja auch hin.

Die Suche nach Köpfen, die für einen Neuanfang stehen, der übrigens mit einem Verhaltenskodex („Good Governance“) eingeläutet werden soll, läuft derweil auf Hochtouren. Beucks Vorgänger Jan Lüneburg erklärte mir gegenüber, er stehe nicht zur Verfügung, höchstens für eine Interimszeit. Er war der erste, der gleich nach Bekanntwerden der Provisionsaffäre von seinem Amt im Vorstand (den Posten als Präsident hatte er bis Dezember 2015 bekleidet) zurücktrat.

ES BRODELT IN HOLSTEIN, NICHT NUR WEGEN DER PROVISIONS-AFFÄRE

Am Ende sind die jüngsten Vorfälle nur die Spitze des Eisbergs, bringen eine tiefe Unzufriedenheit der Holsteiner Züchter mit ihrem Verband zum Ausdruck, vor allem mit der Vermarktung, die sich zunehmend schwieriger gestaltet. Das hat was mit der geografischen Lage im Land zwischen den Meeren zu tun. Der Handel mit Spitzenpferden spielte sich längst woanders ab, in Holland, Belgien und den angrenzenden Regionen. Aber so weit weg ist der Flughafen Hamburg auch nicht, wer will, kann angeflogen kommen, wenn er sicher ist, Spitzenpferde zu sehen. Diese Gewissheit ist vielen Kunden offenbar abhanden gekommen. Die Marke Holsteiner hat ihre Exklusivität verloren, seitdem andere Zuchtverbände mit Hilfe der Holsteiner Gene Weltklassepferde züchten und das Mutterland der Springpferdezucht in der Weltzuchtrangrangliste auf Platz acht zurückgedrängt haben. Bedeckungszahlen und damit Fohlengeburten waren in den letzten Jahren rückläufig, aber nicht nur in Holstein.

Wozu brauche ich überhaupt einen Verband, außer für die Ausstellung eines Abstammungspapiers, fragen sich immer mehr Züchter. Ihr Zuchtprogramm schreiben sich viele ohnehin längst selbst und suchen sich ihre Hengste europaweit aus. Irgendein Verband wird schon ein Papier ausstellen. Die Aufgabe eines Zuchtverbandes, nämlich die Bereitstellung gesunder leistungsstarker Hengste wird schon dadurch erschwert, dass die Hengstleistungsprüfung in der neuen weichgespülten Version kaum mehr etwas über die Qualität aussagt, dass zu viele Hengste gekört werden und die Chance auf Körung wächst, wenn der Aussteller mit einem Kaufinteressenten winken kann, also wirtschaftliche Aspekte den Ausschlag geben – übrigens alles kein speziellen Holsteiner Probleme.

Und wenn dann noch Anekdoten kursieren, wie von dem Kunden, dem in Elmshorn von drei verschiedenen angeblich zuständigen Mitarbeitern drei verschiedene Preise für dasselbe Pferd genannt werden, dann braucht man sich über den Vertrauensverlust innerhalb der Züchterschaft nicht mehr zu wundern. Oder wenn die Jungzüchter die Halle in Elmshorn nicht für Schulungen nutzen dürfen mit dem Hinweis auf Strom- und Heizkosten, so hieß es auf der Körbezirksversammlung, ohne dass von offizieller Seite dem widerprochen wurde.

Für den neuen Vorstand, der im Februar neu gewählt wird, verlangt Jan Lüneburg klare Richtlinien: „Keine Provisionen für Vorstandmitglieder, keine Geschäftsbeziehungen zwischen den Vorstandsmitgliedern und dem Verband und Verkleinerung des Vorstands von neun auf sechs Personen.“ Sören von Rönne sagt: „Ich erwarte, dass ich auf meinen Verband stolz sein kann“. Vielleicht hat er ja irgendwann mal wieder Grund dazu.


Anmerkung der Redaktion. In einer älteren Version dieses Beitrags hatte es geheißen, die Jungzüchter dürften „die Halle in Elmshorn nicht für Schulungen nutzen mit dem Hinweis auf Strom- und Heizkosten. Für wen soll man sonst Geld ausgeben wenn nicht für den züchtenden Nachwuchs, der im übrigen immer schwerer zu rekrutieren ist?“ Wortbeiträge auf der Körbezirksversammlung Rendsburg-Eckernförde ließen die Autorin, die selbt vor Ort war, zu dieser rhetorischen Frage kommen, da seitens der Offiziellen dieser Darstellung in keiner Weise widersprochen worden war.

Nun hat sich aber die Beauftragte für Jungzüchter, Inken Gräfin von Platen-Hallermund, mit diesem Schreiben an uns gewandt:

Liebe Gabriele,

Ich möchte Dich informieren, dass es nicht stimmt, dass Jungzüchter keine Schulungen in Elmshorn durchführen können. Der Holsteiner Verband unterstützt seine Jugend enorm und wir dürfen alle Veranstaltungen, die wir möchten in Elmshorn kostenfrei durchführen. Die Termine müssen wir natürlich rechtzeitig abstimmen. Ich kenne alle, die dort für JZ Veranstaltungen anfragen und ich wäre definitiv von denen angesprochen worden, wenn es größere Probleme gegeben hätte. Denn genau das ist bei uns gut geregelt: Die Jungzüchter werden gefordert und gefördert und gemeinsam mit dem Vorstand habe  ich immer Lösungen erarbeitet, dies für alle Seiten fair zu gestalten. Wir helfen bei diversen Veranstaltungen und das tun wir nach unseren Möglichkeiten gern, denn wir wissen, dass wir auch auf den Verband und seine Mitglieder zählen können, IMMER wenn wir sie brauchen. So gelang es z.B. bei allen Weltmeisterschaften der Jungzüchter, egal ob in Irland, Frankreich, Schweden, England,  oder sogar Kanada dabei zu sein. Jetzt trainieren wir gerade für die Grüne Woche, um dort mit 12 Kindern von 12-15 Jahren beim Wettbewerb dabei zu sein, alle freuen sich sehr auf diesen Wettbewerb –  unterstützt durch den Holsteiner Verband!

Die Holsteiner Jungzüchter sind stolz auf das, was sie erreichen durften und stolz auf das Holsteiner Pferd. Und dem Verband und damit insbesondere auch dem verantwortlichen Vorstand dankbar, dass sie in ihrer Jugendarbeit unterstützt werden, denn sonst wäre all dies in dieser Form nicht möglich.

Wir können nicht beurteilen, wer was alles richtig und falsch gemacht hat. Möchten aber unbedingt pauschale Vorwürfe zurückweisen und unbedingt erwähnen, dass Vorstandsmitglied Timm Peters immer jederzeit uneigennützig hilfsbereit ist und uns z.B. diverse Male ausgeholfen hat mit Pferden für unsere Veranstaltung, die er uns inklusive LKW zur Verfügung gestellt hat. Christian Dietz hat diverse Male grafische Arbeiten für die Jungzüchter kostenfrei durchgeführt. Dr. Thomas Nissen haben wir  trotz vollem Terminkalender als Richter für Nachwuchsveranstaltungen gewinnen können, Thies Beuck hat in unserer Zusammenarbeit immer auf Korrektheit bis ins Detail Wert gelegt und hat sich für unsere Anliegen Zeit genommen und so weiter und so weiter… Für uns große Taten, die jetzt im Schatten dieser einen, möglicherweise falsch getroffenen Entscheidung eines Provisionsanspruches zu verschwinden drohen. Das tut mir im Herzen weh.

Für unsere Arbeit ist es ganz wichtig, dass dies klargestellt wird. Sie würde sonst einen Schaden nehmen, denn welcher Sponsor, welcher Züchter etc. würde uns noch das Vertrauen geben, wenn wir tatsächlich, so wie hier der Eindruck erweckt wird, so UNDANKBAR wären.

Ich sende diese Mail zugleich an alle Jungzüchterclubs zur Information. Sollte jemand anderer Meinung sein, kann er uns dies gern wissen lassen. Denn ich möchte nicht, dass der Anschein entsteht, ich schreibe dies, weil ich für den Holsteiner Verband tätig bin. NEIN, ich schreibe dies, weil mir die Wahrheit, die Holsteiner Jungzüchter, der Holsteiner Verband und damit das Holsteiner Pferd und seine Zukunft am Herzen liegen.

Vielen Dank

Inken


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    • Jürgen Böge

      „Moment Mal“, Inken Gräfin von Platen-Hallermund,

      wie man in einem Beitrag von einer Richtigstellung in Jungzüchterangelegenheiten zu den aktuellen Problemen des Holsteiner Verbandes kommen kann, ist schon eine wagemutige Verbindung.
      Wenn man dann diesen Teil seines Briefes einleitet mit den Worten:
      „Wir können nicht beurteilen, wer was alles richtig oder falsch gemacht hat. Möchten aber unbedingt pauschale Vorwürfe zurückweisen……“
      dann muss man sich fragen lassen, wer ist mit „Wir“ gemeint?
      Die Jungzüchter? oder die Mitarbeiter in Elmshorn? oder wer sonst?
      Und wer erhebt pauschale Vorwürfe?

      Wenn man etwas nicht beurteilen kann, ist es manchmal besser, nichts dazu zu sagen.

      Deshalb noch einmal für alle „Wir“ der Reihe nach:

      – Zwei Vorstände des Verbandes wollten zweifelhafte Provisionsgeschäfte bei der letzten Auktion machen.
      – Der erste und der zweite Vorsitzende des Verbandes haben dafür einem von Ihnen die Erlaubnis erteilt.
      – Die Geschäftsführer der Marketing GmbH und der zuständige Vorstand haben davon gewusst und geschwiegen.
      – Erst ein Mitarbeiter stört sich an diesem Vorhaben, macht es öffentlich und wird dafür fristlos entlassen.
      – Obwohl sich dagegen Widerstand von renommierten Züchtern regt, sprechen die Delegierten auf einer Versammlung den beiden Vorständen noch mit Mehrheit das Vertrauen aus.
      – Erst als daraufhin Jan Lüneburg seinen Vorstandsposten niederlegt und der Ärger immer lauter und größer wird, treten die beiden betroffenen Vorstände zurück.
      – Der Vorstand kündigt dann die Neubesetzung ihrer Posten an.
      – Als es dann im Körbezirk Pinneberg zu einer denkwürdigen Körbezirksversammlung kommt, in deren Verlauf dem gesamten Vorstand das Vertrauen entzogen wird, zieht der Vorstand die Notbremse und tritt geschlossen zurück.

      Hierfür bestand gemäß Satzung keine Notwendigkeit, denn ein Misstrauensvotum eines Körbezirkes gegen den Vorstand gibt es in der Satzung nicht, aber die nächsten Körbezirksversammlungen und ähnlicher Ärger standen vor der Tür.

      Die Einsicht und Entschuldigung des 1. Vorsitzenden für seine Fehleinschätzungen ist gut und ehrenwert, aber auch andere haben Fehler gemacht und der Rücktritt des ganzen Vorstandes ist die logische Konsquenz.

      Wenn danach von Mitgliedern Vorschläge für Satzungsänderungen gemacht wurden, wie

      – Verkleinerung des Vorstandes auf einen Vorsitzenden und zwei Stellvertreter
      – eine Mitgliderversammlung als oberstes Organ mit Wahl- und Haushaltsrecht
      – keine geschäftlichen Beziehungen von Vorstand und Verband
      – Transparenz in allen wichtigen Angelegenheiten

      geschah dies nicht, um nachzutreten oder irgendjemanden abzustrafen.

      Es sind die Lehren aus den beschriebenen Vorgängen, die gezogen werden müssen, denn noch einmal wird es keinen Mitarbeiter geben, der seinen Job riskiert.
      Der Vorstand sollte deshalb direkt von den Mitgliedern gewählt werden, damit er auch im Zweifel von ihnen wieder abgewählt werden kann.

      Die bisherigen Auseinandersetzungen sind auch für alle Beteiligten, die um Transparenz und Sauberkeit bemüht sind, persönlich belastend.
      Niemand von Ihnen hat für seinen Einsatz egoistische Motive, sondern das Wohl und Wehe des Holsteiner Verbandes im Blick. Es ist das unseriöse Verhalten von Vorstandsmitgliedern, das dem Verband schadet, nicht nicht der Streit darüber.

      Die unwürdigen Vorgänge sollten Anlass sein, dem Verband eine moderne und mitgliederfreundliche Struktur zu geben, damit soche Dinge sich nicht wiederholen können.

      Der Umgang des Verbandes mit den anstehenden Neuwhlen wird zeigen, ob diese Bereitschaft vorhanden ist.


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