„Jetzt heißt es, bloß nicht abheben“

pochhammer_moment_mal_web

Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Von wegen Spielerfrau: Auf den Turnieren in Stuttgart und München hat sich Lisa Müller als ernstzunehmende Reiterin profiliert, deren Ehemann, der ihr die Pferdedecken hinterherträgt, rein zufällig der Bayern-Star Thomas Müller ist.

Dass eine nicht allzu bekannte Reiterin auf einmal die Weltelite schlägt, ist in der Dressur zwar selten, kommt aber vor. Das wäre der Tagespresse sicher eine längere Meldung wert, hätte aber nicht das Mediengetöse hervorgerufen, das um die Ritte von Lisa Müller in Stuttgart gemacht wurde. Es ging dabei auch um die Tatsache, dass die 30-Jährige mit ihrem Grand Prix-Sieg auf dem zwölfjährigen Oldenburger Stedinger-Sohn Stand by Me auf einen Streich drei Olympiasieger hinter sich ließ, Isabell Werth, Hubertus Schmidt und Ingrid Klimke. Noch mehr ging es der Presse und den Fotografen freilich um ihren Begleiter.

Auch interessant

Deutschlandweit bekanntes Lieschen Müller

Lisa Müller ist seit zehn Jahren mit dem Fußballstar Thomas Müller verheiratet und wurde damit auf einen Schlag zum bekanntesten Lieschen Müller der Republik. Und die Sportjournalisten interessierten sich in der Schleyerhalle in erster Linie für den Mann, der Lisa die Pferdedecken hinterhertrug und auch nicht zum klitzekleinsten Interview bereit war. Es war ihr Tag. Thomas Müller wollte seiner Frau nicht die Schau stehlen. Das hat einer wie er nicht nötig. Nicht nur als Gattin des Bayern-Helden, sondern als Reitsportlerin wahrgenommen zu werden, war für Lisa Müller vermutlich die wichtigste Nebenwirkung des Stuttgarter Erfolgs.

Es sei schön, einmal die Lorbeeren für die viele Arbeit zu ernten, sagte sie nach ihrem Überraschungssieg. „Natürlich waren wir geplättet.“ Es war ihr erster Sieg auf internationaler Bühne mit einem Ritt, der mit einem Versehen in den Zweierwechseln und einigen unsicheren Momenten nicht ohne Fehler war,  die aber weniger schwer wogen als die Patzer der Konkurrenz.

Im Grand Prix Special hatte Isabell Werth ihren Emilio wieder voll im Griff und ließ keinen vorbei, aber Platz drei für Müller zeigte auch hier, dass der Erfolg vom Vortag kein Zufallstreffer war. Zwei dritte Plätze bei den Munich Indoors eine Woche später mit dem 16-jährigen Dave runden das Bild ab: Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht in Sicht.

Bundestrainerin begeistert

Lob gab es von höchster Stelle: „Lisa hat in Stuttgart zwei sehr gute Prüfungen geritten und mit Stand by Me hat sie ein Pferd von internationaler Qualität“, lobte Bundestrainerin Monica Theodorescu. Das große Plus des Zehnjährigen sind die geradezu sensationellen Piaffen, Passagen und die Übergänge zwischen den beiden schwierigen Lektionen, die noch einmal gesondert bewertet werden. Nur wenige Pferde zeigen diese Paradelektionen der hohen Dressur so eindrucksvoll, aber ohne dieses Talent macht heute kein Pferd mehr eine große Dressurkarriere.

Das einzige Problem, wenn es denn ein Problem ist, ist der Übereifer des Schwarzbraunen, der ihm nicht mal Zeit lässt, beim Anfangsgruß ruhig zu stehen. „Er will immer los, nach vorne gehen“, sagt seine Reiterin. Das sollte in den Griff zu bekommen sein, zumal ihr neben Heimtrainer Götz Brinkmann die versierteste Ratgeberin der Dressurwelt zur Seite steht, Isabell Werth. Sie hat Stand by Me auch auf den ersten Turnieren vorgestellt, wie im Sommer in Balve, um ihn an den Trubel auf großer Bühne zu gewöhnen.

Trainerin Isabell Werth

Jetzt fährt Lisa Müller aus dem bayerischen Otterfing noch ab und an zu Werth nach Rheinberg. Meist kommt Götz Brinkmann dazu, dann wird die weitere Arbeit besprochen. „Lisa arbeitet sehr hart und konzentriert“, sagt Werth von ihrer Schülerin. Die hat sich vieles von ihrer Lehrmeisterin abgeguckt in den letzten Jahren. „Sie kann sich auf jedes Pferd einstellen, findet für jedes Pferd einen Weg“, sagt Müller. „Mach’s mal so, probier‘ es einfach mal anders aus“, sei dann Werths Rat.

Zwölf Pferde hat Lisa Müller in Ausbildung, darunter auch Drei- und Vierjährige, die nicht jeden Tag geritten werden müssen. Aber es bleibt genügend Arbeit und Anstrengung übrig. Das ist dann schon mehr als das Luxushobby einer so genannten „Spielerfrau“. Mit dieser Spezies, mit der man in der Regel die zwei großen D verbindet – Dünn und Durchgestylt –  hat Lisa Müller nichts  gemein.

Lehrpferd Dave

Ihre reiterliche Karriere ging langsam aber stetig bergauf, von ersten Erfolgen bis hin zum Goldenen Reitabzeichen, das man nach zehn Siegen in der Klasse S bekommt. Aber um oben mitzuspielen, braucht es gute Pferde. Die sind teuer und die Einnahmen eines Fußballprofis sind beim Einkauf durchaus hilfreich.

Ihr erstes internationales Pferd, der heute 16-jährige Dave, wurde von Nicole Casper in den Grand Prix-Sport gebracht und konnte alles, als Müller ihn vor sechs Jahren übernahm. Er war ihr Lehrmeister, mit ihm arbeitete sie sich Schritt für Schritt nach vorn. Anfangs sah sie noch aus wie eine dieser jungen Frauen, die auf von anderen gut ausgebildeten Pferden auf Medaillenjagd gehen. Aber bald sah man schon, dass hier eine begabte Reiterin im Sattel saß. Denn auch das bravste und teuerste Pferd will geritten werden und macht auf die Dauer nichts von alleine.

Ganz nebenbei begeisterte Lisa auch ihren Mann für Pferde. Selbst zu reiten, verbietet Thomas Müller derzeit noch sein Vertrag bei Bayern München – zu verletzungsgefährlich. Aber in der Zucht kann er schon mitreden, betet Stammbäume runter wie ein alter Pferdemann und kann den Zuschauern im Sportstudio nicht nur erklären, warum der Ball im Tor war, sondern auch wie das in der Pferdezucht funktioniert mit KB und TG.

Traum von Aachen

Stand by Me hat jetzt ein Winterpause, dann wird mit Isabell Werth der Turnierplan fürs nächste Jahr besprochen. „Ihr Ziel sollte die Deutsche Meisterschaft sein“, sagt Monica Theodorescu. Dort, im sauerländischen Balve werden die Plätze für Aachen verteilt, die ganz große Bühne, die Feuertaufe für jeden Reiter. Lisa Müller bleibt Realistin: „Kleine Tour in Aachen, das wäre ein Traum. Aber jetzt heißt es, bloß nicht abheben, sondern schön fokussiert bleiben.“ Doch wer weiß, vielleicht heißt es eines Tages: Thomas Müller? Ist das nicht der Mann der Dressurreiterin Lisa Müller?


St.GEORG NEWSLETTER

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist!
Das bietet der St.GEORG Newsletter.