Luhmühlen 2019: Ein Heidedorf erwartet die Welt

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Gerade sind die LKW mit den Pferden nach Deutscher Meisterschaft und Fünf-Sterne-Event wieder abgereist, da wird in der Heide schon wieder in die Hände gespuckt. Zwei Monate noch, dann kommen sie wieder, zur sechsten Vielseitigkeits-Europameisterschaft.

Mit dem Mittelpunkt der Welt verbindet man in der Regel pulsierende Metropolen.  Aber dieser Mittelpunkt wandert auch kurzfristig in Gegenden, die sonst gerne als „in the middle of nowhere“, „beim Teufel auf der Rinne“ oder noch unfreundlicher bezeichnet werden.

Natürlich trifft das auf das gar nicht verschlafene Heidedorf Luhmühlen zu keinem Zeitpunkt zu. Aber Ende August, wenn die Buschreiter um den Titel des Europameisters kämpfen, scheint die halbe Welt Richtung Westergellersener Heide zu pilgern. Wer jetzt kein Bett hat, kriegt auch keines mehr, frei  nach Rilke. Den bestraft das Leben und schickt ihn auf Zeltplätze und in Wohnwagenparks, oder nach Hamburg, kilometerlange Staus vor dem Elbtunnel gratis dazu. Hotels und Gasthöfe in der Nordheide sind voll, die Wartelisten lang.

Wer so weit reist, will etwas erleben, tollen Geländesport, schöne Pferde, nette Leute, das ganze Programm. Zum sechsten Mal ist Luhmühlen Schauplatz der Vielseitigkeits- Europameisterschaft, dort weiß man also, wie’s geht. Obwohl vieles nicht mehr so ist wie im Jahre 1979, meinem ersten Luhmühlen-Jahr.

Damals war ich noch Volontärin beim Westfalenblatt in Bielefeld und konnte dem Sportchef, dessen Welt ansonsten am Rand des Fußballfeldes endete, eine ganze Sonderseite über Luhmühlen aus dem Kreuz leiern. Ich fuhr mit einer Freundin, wir wohnten in Putensen auf einem Hof in einer Art Bed and Breakfast. In Erinnerung habe ich vor allem die langen schwarzen Haare in der Badewanne. Wir beide waren kurzhaarig und blond, von uns konnten sie nicht sein. Dafür war’s billig.

Vieles war anders, zunächst einmal bestand die Prüfung aus vier Teilen, 1. Wegestrecke, Rennbahn, 2. Wegestrecke, Cross. Nur letzterer ist übrig geblieben. Ein paar Reiter der Sorte „Urgestein“ wissen noch, dass es mal die Rennbahn-Phase gab, und wie man sie trainieren und reiten musste. Nämlich volle Kanne und über typische Rennbahn-Hindernisse, wie breite Buschhecken, die das Pferd am besten durchwischte. Sonst wurde es sehr hoch, um die 1,60 Meter. Für die Jüngeren ist es, als ob der Geschichtslehrer einen vom Mittelalter erzählt. Ein Pferd hatte dann abends bis zu 20 Kilometer auf dem Buckel, gefragt waren Ausdauer, Galoppiervermögen, Vorwärtsdrang.

Es war die große Zeit der englischen Blüter, die sich in den heutigen technischen Kursen oft schwer tun. Und Dressur fanden sie auch damals schon langweilig. Heute, in der eingedampften Form des Geländewettkampfes sehen die Pferde anders aus, mit weniger Blut, aber natürlich immer noch Saft. Sie müssen rittig genug sein, um sich in den Hinderniskomplexen mit den gebogenen Linien und handtuchschmalen Sprüngen zurechtzufinden.  Und im Springparcours vorsichtig und vermögend sein wie ein Jumper. So wie die Holsteiner Schimmelstute Ascona v. Cassaro, gezogen von Jochen Maas aus Südermarsch, mit der der Neuseeländer Tom Price die Fünf-Sterne-Prüfung am vergangenen Wochenende gewann.

Die Deutsche Meisterschaft ausgetragen als CCI4* -S (das neue Kürzel für das frühere CIC3*), und das CCI5*-L boten einen Vorgeschmack, was bei der EM, eine lange Vier-Sterne-Prüfung (CCI4*-L), kommen könnte. „Eine Mischung aus beidem“, sagt Parcourschef Mike Etherington-Smith. Der Brite bemühte sich, noch nicht zu viel zu verraten und legte seiner Fantasie sichtlich Zügel an. Es wimmelte in beiden Kursen von schmalen Sprünge, Ecken, alles mit verzeihendem Buschwerk abgemildert. Da hat er bestimmt noch die eine oder andere interessante Idee im Ärmel gelassen.

Viele weinen dem langen Format nach, das für sie die eigentliche „Krone der Reiterei“ ausmachte, aber alle müssen zugeben, dass die Pferde bei der Verfassungsprüfung vor dem Springen viel besser und frischer aussehen als früher. Da hatte man manchmal den Eindruck, vierbeinigen Überlebenden einer Schlacht zu begegnen.

Bestens herausgeputzt waren die Pferde schon immer, eingeflochten, mit interessanten Mustern auf der Kruppe. Das ist so geblieben. Wenn da eine Windmühle auf dem Allerwertesten prangt, dann braucht man gar nicht bis zum Phosphor-orangenen T-Shirt des Menschen zu gucken, der das Pferd führt. Die beiden kommen wohl aus Holland, Merel Blom und Rumour has it, trainiert von der deutschen Mehrfach-Olympionikin Bettina Hoy, die bei der EM noch eine Chance hat, ihr Oranje-Team für Tokio zu qualifizieren.

Auch das Outfit der Reiter bei der Verfasssung, vor allem der Reiterinnen, wurde zu allen Zeiten mit Bedacht gewählt. Je kürzer der Rock, je tiefer der Ausschnitt umso wackliger das Pferd auf den Beinen, das ist natürlich eine böse Unterstellung. Als ob die Richter auf so was reinfallen würden, oder?

In diesem Jahr stach die US-Amerikanerin Frances Thieriot-Stutes mit einem Designer-Kashmirmantel, Glitzerleggings und ebenso funkelnden Schühchen hervor. Das Outfit war 5th Avenue würdig, aber eher selten gesehen in der Lüneburger Heide, zumindest im Juni.  Unschwer war auch die Heimat der Österreicherin Kathrin Khoddam-Hazrati zu erahnen. Wie praktisch ein fast bodenlanges Dirndl beim Pferdeführen ist, weiß ich nicht. Aber fesch war’s allemal.

Den Vogel schoss Anna Siemer ab, ganz in schwarz, funkelnde Lederleggings, enges Top, ein Wow-Look, dafür hätte sie ein Foto bekommen! „Hat mein Mann ausgesucht“, sagte sie, „ich habe ihm fünf Outfits zur Auswahl vorgelegt.“ Man sieht: Der Profi überlässt nichts dem Zufall!

 


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