Luhmühlen: Pariser Luft

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Moment mal 2024

Gabriele Pochhammer,. Herausgeberin St.GEORG (© Toffi)

In der Heide wehte olympisches Flair, selten waren die beiden Prüfungen – CCI5*-L und CCI4*-S – so hochkarätig besetzt gewesen. Auch Ausländer, wie Briten und Schweden, sortierten in Luhmühlen ihre Olympiakandidaten. Und bei diesem frühen Vergleich sahen die Deutschen nicht schlecht aus.

Was immer Petrus bei den Olympischen Spielen in Paris für die Reiter in petto hat, nach Luhmühlen ’24 kann sie nichts mehr erschrecken. Während der Geländeprüfung für die Fünfsterne-Prüfung ging eine Mischung aus Sturm, Gewitter und Starkregen über der Westergellerser Heide nieder, die Prüfung musste unterbrochen werden. Der Brite Tom McEwen, gerade unterwegs, rettete sich in ein Wäldchen, jemand brachte zum Glück eine Decke für den 15-jährigen Brookfield Quality. Als die Strecke nach einer halben Stunde wieder frei war, durfte er mit Jury-Erlaubnis noch einen kleinen Sprung machen, bevor er den Ritt fortsetzte, gab aber später auf. Auf dem Platz flogen Fähnchen und Holzteile umher. Irgendwo fiel ein Baum um. Im Sponsorenzelt riss der Sturm die Türen aus den Angeln, die leichte Stahlkonstruktion wackelte bedenklich und der eine oder andere Ehrengast sah sich schon nach einem Fluchtweg um. Michis Vater Joachim Jung sprang heldenhaft zur Tür, hielt die aufgeschlagenen Teile fest und  band sie mit einem Strick zu. Die Viersterne-Reiter am Nachmittag konnten im Sonnenschein galoppieren, lediglich an einigen Absprung- und Landestellen war der Boden etwas aufgeweicht.

Außer den Deutschen sortierten auch andere Nationen ihre Paris-Reiter in der Heide, darunter die Briten. Chris Bartle, Honorartrainer der Deutschen bis 2016 und jetzt Coach der Briten, erklärte mir auch, warum: „Das Gelände von Luhmühlen, mit Wiesen, Wald und weitgehend eben, ist dem von Versailles ähnlicher als das hügelige Bramham“, sagt er. Er wird von vielen um die große Auswahl unter mehr als 40 olympiareifen Reitern beneidet. Da kommt keine andere Nation heran. Aber, das mag den deutschen Bundestrainer Peter Thomsen trösten, auch Chris hat in Paris nur drei Reiter am Start wie alle anderen. Der kleinste Zwischenfall kann alle Träume pulverisieren. Wie schnell das gehen kann, musste Chris auch in Luhmühlen erfahren: Topreiterin Laura Collett zeigte ihren Landos-Sohn London nicht zur Verfassungsprüfung, weil er sich im Gelände eine kleine Verletzung am Kronrand zugezogen habe, eine besonders empfindliche Stelle, wie man weiß. Und es sollte nichts riskiert werden, so kurz vor Paris. Die drei besten Deutschen stehen den besten Briten in nichts nach, das zeigten sie auch wieder in der Heide. Einen Michael Jung und eine Sandra Auffarth hätte jeder gern im Team. Letztere ließ übrigens in Luhmühlen durchblicken, dass sie noch gar nicht entschieden habe, wann und ob sie vom Busch in den Parcours wechselt. Da war mein Informant wohl etwas voreilig. Das wird die Busch-Fans freuen, wir sind gespannt.

Als Dritter ist Christoph Wahler in der vorläufig ersten Mannschaft, benannt vom Vielseitigkeitsausschuss noch am Sonntagabend. Er konnte Luhmühlen auslassen, weil er mit dem Holsteiner Carjatan vor drei Wochen das Viersterne-Event in Baborowko (Polen) gewonnen hat, womit er wiederum die 22 Fehler durch gebrochene Sicherheitssysteme in Marbach ausgleichen konnte. Nach dem CCIO Aachen wird nominiert, für die Paris-Kandidaten ist es mehr Überprüfung als Sichtung.

In Luhmühlen war rund ein Drittel der Hindernisse „gemimt“, nur einmal gab es elf Strafpunkte für ein „Breakable Device“, für Bundeswehrsportschülerin Libussa Lübbecke am Einsprung des Coffins. Es scheint, als ob die einst als Unfallverhütung gedachten „MiMs“ mehr und mehr zu einem Werkzeug für den Aufbauer werden, das Feld auseinander zu ziehen. Bei einem Viersterne-Event in der Nähe von Melbourne waren kürzlich von 20 Sprüngen 19 gemimt. Das wird erneut den Geländesport nachhaltig verändern. Und mir wird angst und bange vor dem Tag, an dem Buschpferde glauben, auch Geländestangen gehen zu Boden wie im Parcours, und sie dann an einen nicht-gemimten Sprung geraten…

Es gehört zu den schönsten Momenten eines Reporterlebens, die Siegesfreude der Athleten mitzuerleben, wenn auf einmal der ganze Stress abfällt, sich alle um den Hals fallen, nur noch gelacht, geweint und geküsst wird. Und das Pferd meist etwas ratlos dabeisteht und nicht weiß, wie ihm geschieht.  So war es in diesem Jahr mit der Belgierin Lara de Liedekerke-Meier, die ja auf die Abwürfe von Ros Canter warten musste, bis ihr Sieg feststand. Ich hörte auf einmal vom Abreiteplatz ein fürchterliches Geschrei, dachte schon, ein Pferd hätte sich losgerissen und sah mich nach Deckung um, als ich die Gruppe der völlig aus dem Häuschen geratenen Belgier entdeckte. Das war ja auch einfach zu und zu schön, Laras Sieg mit der selbst gezogenen Hooney d‘Arville, deren Mutter 2011 verletzt aus dem Gelände von Luhmühlen verladen werden musste und die sich jetzt mit dieser wunderbaren Stute für die Fürsorge revanchierte. Die Auswahl des Hengstes traf damals Laras Vater. Er entschied sich für Vigo d’Assouilles, mit dem Philipp Lejeune in Kentucky 2010 Weltmeister geworden ist. Ein Trumm von Pferd, in züchterischen Kreisen soll schon mal das Wort Dinosaurier gefallen sein. Aber so kann man sich irren, der mächtige Diamant de Semilly-Fuchs vererbt sich blütiger, als er aussieht, wie sein Sohn Vigado, Holsteiner Siegerhengst, ja auch bestätigt.

Am Ende des Tages waren die, jedenfalls die, bei denen es gut gelaufen war, glücklich und zufrieden. Turnierchefin Julia Otto zählte ein paar Zuschauer weniger als sonst, das waren wohl die, die auf der Regen-App angesichts der Sturmfront zu Hause geblieben waren. 25.000 Zuschauer waren bis Sonntagmittag ausgezählt worden. Nur einer war ganz und gar nicht zufrieden: Lio, der dreijährige Sohn von Michael Jung, durfte in der Ponyklasse nicht mitreiten, weil er beim Üben noch nicht dabei gewesen war. Das war den Veranstaltern zu gefährlich. „Ich durfte gar nicht galoppieren“, schimpfte er. Doch das wird nicht lange so bleiben, nehme ich mal an.

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Gabriele PochhammerHerausgeberin

Herausgeberin des St.GEORG, den sie als Chefredakteurin von 1995-2012 als erste Frau auf dieser Position verantwortet hat. Als Berichterstatterin auf elf Olympischen Spielen und unzähligen Welt- und Europameisterschaften. Erfolgreiche Pferdezüchterin: Der von ihr gezogene Wallach Leonidas II war eines der besten Vielseitigkeitspferde seiner Zeit. Eines der Fachgebiete: internationale Sportpolitik, schreibt für die Süddeutsche Zeitung.