Meilensteine: HDV 12 „Von der Liebe zum Pferd beseelt“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer beschäftigt sich diese Woche mit den Meilensteinen der Reiterei. Oder ganz konkret: Mit der Heeresdienstvorschrift 12, die weniger kriegerisch ist, als ihr Name vermuten lässt.

Alles fließt. Diese alltagstaugliche Weisheit stammt vom griechischen Philosophen Heraklit, und der gute Mann hatte Recht: Weltbewegende Neuerungen kommen nicht unbedingt mit einem Paukenschlag daher, sondern so sachte , dass wir sie gar nicht merken. Aber manchmal gibt es Meilensteine, die die Zukunft in eine neue Richtung dirigieren. Das gilt natürlich auch für das Reiten, den Sport, den Umgang mit unseren Pferden. Solche Meilensteine sollen hier in lockerer Folge zur Sprache kommen.

Der erste war zweifellos der Moment, in dem der Mensch ein Pferd vor einen Wagen spannte und sich, allerdings erst viel später, draufsetzte. Auf einmal konnte er große Räume durchqueren, konnte Handel treiben und vor allem Kriege in einer neuen Dimension führen. Der gute Reiter war der bessere Soldat, das gute Pferd steigerte die Überlebenschancen im Kampf ganz erheblich.  Das ist schon ein paar tausend Jahre her, gleichwohl wäre die Geschichte der Menschheit ohne das Pferd anders verlaufen.

Freude am Reiten

Was uns heute noch betrifft, ist die moderne klassische Reitlehre, auch wenn sie letztlich auf dieser kriegerischen Tradition aufbaut. Die berühmte Heeresdienstvorschrift HDV 12, die im Jahre 1912 im wesentlichen in ihre Form gegossen und von Kaiser Wilhelm II. persönlich unterschrieben wurde, gilt immer noch. Die letzte HDV Ausgabe vpn 1937 war die Grundlage für die ersten „Richtlinien für Reiten und Fahren“ nach dem Krieg 1954. Vielfach für die heutige Ausbildung als „Deutsche Reitlehre“ modernisiert und angepasst, steht eigentlich schon alles drin, was es braucht, um ein junges Pferd seinen körperlichen Möglichkeiten entsprechend auszubilden und zwar so, dass es auf lange Zeit gesund und motiviert bleibt.

Der Ton einer militärischen Dienstvorschrift ist naturgemäß keine zarte Poesie, sondern zackig und klar. Einwände sind nicht vorgesehen. Man darf sich nichts vormachen: Das Pferd war in erster Linie ein „Kriegsgerät“, es stellte einen Wert dar, der gepflegt werden musste. Dennoch finden sich in der HDV 12 erstaunliche Töne. „Dauernden Erfolg wird sie (die Ausbildung) nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind,“ steht da im Vorwort. Liebe zum Pferd! So spricht man nicht von einem Panzer!

Den so oft geschmähten Kommisston sucht man in dem kleinen Buch mit dem grünen Einband vergebens. Sachlich und ruhig wird erklärt, wie die Ausbildung vonstatten gehen soll. Die heute gängigen Fehler machten Reitschüler schon damals: mit den Händen den Hals zusammenziehen, das Pferd auf die Hand kommen zu lassen, den Vorwärtsschwung vernachlässigen. Wann immer die Reitlehrer vergangener Jahrzehnte im berüchtigten Kasernenhoftons herum brüllten: Auf die HDV 12 konnten sie sich nicht berufen.

Gehorsam, Gewandtheit und Ausdauer

Natürlich hat sich einiges überlebt. Das Abteilungsreiten, noch in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg,  das Herzstück vieler Reitstunden, hat an Bedeutung verloren, wird fast nur noch in Reitschulen für die Anfängergruppen praktiziert.  Und auch das Training mit der Lanze kann heutzutage vernachlässigt werden. Wir dürfen auch, wenn wir wollen, von rechts aufsitzen, weil der Degen nicht mehr im Weg ist.

Bedenken muss man auch, dass die Pferde, die jungen Remonten, die die Reiter unter den Sattel bekamen, nicht nach Rittigkeit, tollen Grundgangarten und „Typ“ (was ja meist nichts anderes heißt, als ein schöner Kopf) ausgesucht wurden. Wichtiger waren Ausdauer, Zähigkeit und die Fähigkeit, mit einem Soldaten, in voller Montur und mit bleischwerem Sattel fast zwei Zentner schwer, 100 Kilometer am Tag zu laufen, ohne lahm zu werden. Und das, hatte man schon damals herausgefunden, kann ein sich selbst tragendes, im Gleichgewicht gehendes Pferd besser als ein steifes, das auf der Vorhand latscht und den Rücken wegdrückt.  Überhaupt war die HDV 12 ja keine Unterweisung für die höhere Dressur, sie endet mit der heutigen Klasse L. Wenn ein Pferd diese beherrschte, war es diensttauglich. Und da die wenigsten Kriege in Reitbahnen und auf Dressurvierecken ausgetragen wurde, musste es das alles auch im Gelände können. „Der Krieg fordert vom Reiter die sichere Beherrschung des Pferdes im Gelände, vom Pferd, Gehorsam, Gewandheit und Ausdauer. Dieses Ziel zu erfüllen, ist das Ziel. Erst im Gelände beginnen die Übungen, die uns zum Kavalleristen machen.“ Gehorsam, Gewandtheit und Ausdauer, das wünschen wir uns noch heute bei unseren Pferden. Das wir dafür nicht mehr an Kriege denken, sondern an Sport und Freizeitvergnügen ist so was wie die Gnade der späten Geburt.

Die komplette HDV 12 ist übrigens nachzulesen in der Online-Bibliothek der Uni Göttingen.


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  1. Gerlinde

    Geri Brun nachdenklich.
    12 Std. ·
    „Von der Liebe zum Pferd beseelt“?

    Vor langer Zeit als ich als Kind zu reiten begann, hat man mir eingebläut, das Maul des Pferdes als Heiligtum zu betrachten, bis man mir kurze Zeit später gesagt hat, dass man Pferde zur Versammlung an die stehende Hand, an den Zügel treiben muss – weil es so in der H.Dv.12 steht. Ist diese Methode „von der Liebe zum Pferd beseelt“?
    Ebenso lehrte man mich die Pferde in unnatürlicher Haltung mit fallengelassenem Hals, zu Boden starren müssend, auf der Vorhand im Ungleichgewicht VORWÄRTS zu treiben, um ihnen den Takt zu lehren – statt das GLEICHGEWICHT. Ist auch diese Methode etwa „von der Liebe zum Pferd beseelt“? Und wo bitte und in welcher Ausgabe der H.Dv.12 steht, dass man mit Pferden solchen Unfug treiben soll?

    Nein, beim Heiligen Georg, „von der Liebe zum Pferd beseelt“ wäre anders: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1806781276118168&set=pb.100003589385575.-2207520000.1553676211.&type=3&theater

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