Moment Mal! Die Arroganz des Amtes

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Es geht um Respekt, um Wertschätzung und gute Manieren. Die sind auch im Pferdesport im Umgang miteinander hilfreich. Wenn Reitmeister Martin Plewa seine Mitarbeit bei der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) einstellt, und damit seine Einsätze als Richter, Technischer Delegierter und Leiter von Richterseminaren in der Vielseitigkeit beendet, dann sollte man darüber nicht zur Tagesordnung übergehen.

Plewa hat in einem offenen Brief über die Art und Weise, wie im Hauptquartier der FEI in Lausanne mit ihm und anderen ehrenamtlichen Offiziellen umgegangen wird, seinem Frust Luft gemacht. Zum einen bezieht er sich auf die relativ neuen so genannten Kompetenztests, die Offizielle aller Disziplinen regelmäßig in einem Online-Verfahren durchlaufen müssen, um zu beweisen, dass ihre Englischkenntnisse ausreichen und sie geistig und fachlich noch auf der Höhe sind. Eine Zumutung, findet Plewa (70). Schließlich sollte man seine fachliche Kompetenz ja schon bewiesen haben, bevor man Richter oder Parcourschef oder sonst ein Offizieller wird. Wenn nicht, ist schon in der Wurzel etwas faul.

Sönke Lauterbach, Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und Vorstandsmitglied der European Equestrian Federation (EEF), verteidigt den Kompetenztest, den er mit entwickelt hat. „Die bisherige Altersgrenze von 70 Jahren für Ehrenämter musste fallen, weil sie eine Altersdiskriminierung darstellt. Wir haben deswegen überlegt, wie man die aktuelle Kompetenz anders überprüfen kann. Und genügend Englisch sollte jeder können, der im internationalen Sport tätig ist.“

Richter, die nie auf dem Pferd gesessen haben

Gegen letzteres lässt sich wenig sagen, schließlich es gibt ja auch Crash-Kurse, um Defizite zu beheben. Mit der Kompetenz ist es etwas anderes. Tatsächlich hört man immer wieder von Richtern in reitsportlich weniger entwickelten Ländern, die nie auf einem Pferd gesessen und von den einfachsten Dingen keine Ahnung haben. „Etwa wie die Abstände in einer Kombination aussehen sollen,“ sagt ein Insider. Ein Reiter, der in seinen Beruf oder sein Hobby, je nachdem, viel Geld und Zeit investiert, hat Anspruch darauf, von Leuten beurteilt zu werden, die ihre Sache verstehen. Dazu gehört im Pferdesport, dass man zumindest weiß, wie es sich im Sattel anfühlt. In Deutschland sind Turniererfolge Voraussetzung für eine Richterlaufbahn, aber längst nicht überall.

Für einen wie Martin Plewa, der selbst Championate geritten ist, als Bundestrainer eine olympische Goldmedaille mitgewonnen hat, Championatskurse gebaut, auf Championaten als Chefrichter und TD gewirkt und sich einen Ruf als Ausbilder in allen Bereichen erworben hat, ist es wohl tatsächlich ein bisschen viel verlangt, sich jedes Jahr wie ein Schuljunge prüfen zu lassen. Und von wem? Das müssen Staatsanwälte, Lehrer und Ärzte schließlich auch nicht. Ein bisschen Differenzierungsvermögen täte der FEI gut, wenn sie hochklassige Ehrenamtliche gewinnen und halten will. Gerade das wird immer schwieriger, das ist ein Problem nicht nur für den Reitsport.

Einmischung des FEI-Hauptquartiere

Noch schwerer wiegt für Plewa die ständige Intervention des FEI-Hauptquartiers in Vorort-Entscheidungen bei Events. So habe sich die Direktorin der Abteilung Vielseitigkeit, die Schwedin Catrin Norinder, mehrfach vor Ort oder auch nur aus der Ferne von Lausanne aus in Diskussionen der Ground Jury eingemischt.  Tatsächlich ist es die Aufgabe der bezahlten FEI-Angestellten, Beschlüsse vorzubereiten und, nachdem sie die Gremien wie Vielseitigkeitsausschuss und Generalversammlung passiert haben, umzusetzen. Das ist bei der FEI nicht anders als bei der FN und in jedem örtlichen Gemeinderat.

Bei einem Turnier selbst hat das Richtergremium das Sagen, zusammen mit dem Veranstalter. „Die Hauptamtlichen haben da gar keine Befugnisse, müssen nur darauf achten, dass das Regelwerk eingehalten wird“, sagt Soenke Lauterbach. Als es bei den Weltreiterspielen in Tryon 2018 zu Diskussionen kam, ob und wenn ja, welche Hindernisse aus dem Kurs genommen haben, hatte die von keinen eigenen Erfahrungen im gehobenen Sport belästigte Norinder deutlich andere Vorstellungen als Parcourschef Mark Phillips und TD Plewa, die sich freilich am Ende durchsetzten. Die Liste lässt sich fortsetzen und die Resonanz, die Plewa auf seinen Brief von internationalen Kollegen erhielt, lässt darauf schließen, dass es sich nicht nur um Querelen zwischen zwei Leuten handelt, die sich nicht besonders mögen.

Fragt man Catrin Norinder selbst, findet sie zunächst nur lobende Worte für Plewa („a brilliant man“), sagt aber auch: „Die Zeiten ändern sich, die FEI schreitet voran, wir wollen mehr junge Leute aus verschiedenen Nationen haben. Dabei werden Computer immer wichtiger.“ Man kann auch sagen, hier soll einer mit freundlichen Worten zum alten Eisen geschoben werden. Da passt es ins Bild, dass ein Ausbildungskonzept für Richter und eine Einschätzung der verschiedenen Gebisse, die Plewa auf Anfrage des FEI Vielseitigkeitskomitees erstellte, nicht kommentiert, nicht abgelehnt, nein, einfach nicht beantwortet wurden. „Null Reaktion“, sagt er verbittert.

Was mich wiederum dazu bringt, zu bezweifeln, ob die FEI ihre Prioritäten richtig setzt. Computerkenntnisse sind wichtig, aber Horsemanship und das Wissen um das Pferd und den Sport sind wichtiger. Und viel schwerer zu lernen.


Zu diesem Text hat Catrin Norinder, FEI-Direktorin für Vielseitigkeit, wie folgt Stellung genommen:

„Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich nicht gesagt habe, wir benötigen „jüngere“ Offizielle, sondern dass wir unser Ausbildungssystem für mehr Nationen öffnen müssen, um einen weltweiten Sport zu gewährleisten. Alter ist nicht mehr ein Kriterium für Offizielle.

Außerdem habe ich festgestellt, dass das neue Ausbildungssystem für alle Disziplinen gilt und sich an moderne Lehrmethoden aus der Erwachsenenbildung angepasst hat, da das Internet dafür viele Möglichkeiten bietet. Horsemanship und das Wissen rund um das Pferd wurden in unserem Gespräch in keiner Weise erwähnt, denn das FEI-Ausbildungssystem wurde entwickelt, um die höchsten Standards aufrecht zu erhalten.“ 


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