Moment mal: Die Pferde halten Einzug in die Politik

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

In Berlin wurde nun ein Parlamentskreis „Pferd“ ins Leben gerufen. Gabriele Pochhammer zu den Hintergründen.

Das war ja ein gefundenes Fressen für einige unserer Journalistenkollegen. Dass nämlich Andrea Nahles eine der Gründungsmitglieder des Parlamentskreises „Pferd“ ist, der am 20. November in Berlin ins Leben gerufen werden soll. Ob die SPD-Vorsitzende keine anderen Sorgen habe, tönte es sogleich hämisch aus allen Kanälen. Hat sie sicher, und es steht kaum zu erwarten, dass sie ihre Zeit statt der Rettung der SPD der Rettung des Pferdes in unserer Gesellschaft widmet. Wäre aber auch ein gutes Thema.

Parlamentskreise sind Zusammenschlüsse von Mitgliedern des Bundestages, denen ein bestimmtes Thema besonders am Herzen liegt. So gibt es bereits Parlamentskreise für das Fahrrad, für Elektromobilität und für „Automobiles Kulturgut“, wobei es sich wohl um Oldtimer handelt. Es hat eine gewisse Logik, dass sich jetzt ein Kreis für das – von den eigenen zwei Beinen abgesehen – ökologischste aller Fortbewegungsmittel bildet.

Prominente Besetzung

Die Idee hatte keineswegs Frau Nahles, sondern der FDP-Abgeordnete Pascal Kober aus Reutlingen, und das schon vor einigen Jahren. Kober sprach einige Kollegen an, Dieter Stier von der CDU, Landwirt, Reitlehrer aus Sachsen-Anhalt, sowie dessen Parteikollegen Alois Gerig, den Vorsitzenden des Agrarausschusses, auch er Landwirt, Gelegenheitsreiter und Betreiber eines Ferienhofes mit Pferden. Und eben Frau Nahles, stolze Besitzerin eines Friesenwallachs, der prominenteste Name des Quartetts und deswegen besonders geeignet für mediale Pfeilspitzen. „Das neue Wieher-Gefühl“ textete ein MDR-Beitrag. Was ja, so oder so geschrieben, der SPD zur Zeit zu fehlen scheint.

Wirtschaftsfaktor Pferd

Als ob es nicht längst überfällig wäre, den Reitern im Land zu signalisieren, dass ihre Belange Aufmerksamkeit verdienen. Laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts aus dem Jahre 2016 bezeichnen sich 4,6 Millionen Menschen selbst als Reiter, 1,25 Millionen betreiben diese Sportart intensiv. Darunter sind 78 Prozent Frauen. Befragt wurden nur die über 14-Jährigen. Aber auch aus wirtschaftlichen Gründen empfiehlt sich ein Blick auf die Statistik. Der Umsatz in der Pferdewirtschaft beläuft sich laut Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) auf 4,6 Milliarden Euro. 10.000 Betriebe und Unternehmen leben von der Pferdewirtschaft. Geschätzte 300.000 Personen verdienten ihren Lebensunterhalt in der Pferdebranche.

Den Wert eines solchen Parlamentskreises sieht Gründungsmitglied Alois Gerig in der Zusammenarbeit über die Fraktionsgrenzen hinweg. „Es gibt genügend Themen, über die man reden kann, die auch die Politik betreffen“, sagt Gerig. „Es wird soviel gestritten in der Politik, da ist es gut, wenn sich die Abgeordneten interfraktionell über ein Lieblingsthema austauschen.“ Gut, wenn Politiker über Pferde reden, die auch ein bisschen von der Sache verstehen, sei es als Landwirte oder als Reiter. Ein Thema für Gerig wären die Schlachttiertransporte, da liegt immer noch vieles im Argen, nicht nur bei den Pferden. Auch der Heißbrand steht wieder auf der Tagesordnung. Möglicherweise wird er ab 2019 endgültig verboten, während die betäubungslose Ferkelkastration in die Verlängerung geht …

Weitere Themen für Berlin

Andere Themen, die wir nach Berlin melden können, sind unzureichende Reitwege in vielen Gegenden und die Pferdesteuer, die bisher nur in Schleswig-Holstein per Gesetz verboten wurde. In vielen Kreisen, auch unter Parlamentariern, gelten Reiter immer noch in erster Linie als reiche Tierquäler. Vielleicht ist das der Grund, warum Pascal Kober auf Anhieb keine Abgeordneten der Linken und der Grünen einfielen, die er als Gründungsmitglieder gewinnen könnte. Auf Dauer hofft er, alle Fraktionen zu beteiligen. Das Image der Reiter und des Pferdesports aus elitären Ecke herauszuholen, das allein wäre schon eine lohnende Aufgabe für den neuen Parlamentskreis.

Die FN bemüht sich seit langem um Kontakte in der Politik, um Unterstützung bei wichtigen, die Pferdewelt betreffenden Entscheidungen. Seit einem Jahr gibt es ein Hauptstadtbüro in Berlin, geleitet von Bernhard Feßler. Aber sowohl FN-Generalsekretär Sönke Lauterbach als auch Pascal Kober betonen, dass es sich bei dem neuen Parlamentskreis nicht um eine Ansammlung von Lobbyisten handele. „Wir sind nicht das Echo der FN“, betont Kober. „Mit der Gründung des Parlamentskreises Pferd wollen wir der großen Bedeutung des Pferdes als Freizeitbegleiter, Partner im Sport, als Wirtschaftsfaktor und Kulturgut Rechnung tragen“, heißt es in der Einladung zur Gründungsversammlung. Große Worte, wir warten auf die Taten.

Nach der einstündigen Gründungsversammlung will sich der Kreis ein- bis zweimal im Jahr treffen. Gemeinsame Ausritte durch den Grunewald sind nicht geplant, wäre ja auch ein netter Gedanke. Frische Luft macht den Kopf frei und sorgt für frische Gedanken.

 


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