Moment Mal: Die Zeit der olympischen Aufarbeitung

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Olympischen Spiele in Tokyo sind vorbei und doch nicht vorbei. Allerorten wird „aufgearbeitet“. Und da schreit ja einiges nach Aufarbeitung.

Diskussionsbedarf zum Beispiel bei diesen Fragen: Wie verändert das Sicherheitssystem MIM die Vielseitigkeit, wenn es demnächst bei allen Sprüngen, an denen das möglich ist, eingesetzt werden soll?

Wann muss auch im Springsport ein Pferd mit deutlichen Blutspuren sofort angehalten werden und nicht erst nach zig weiteren Sprüngen, so wie es in der Dressur schon bei einer Spur von rosa Schaum am Maul der Fall ist? Um was für eine Blutung es sich handelte beim irischen Schimmel Kilkenny von Cian O‘Connor war wohl schwerlich aus der Entfernung zu beurteilen. Und sachkundige Zeugen haben gesehen, wie das Pferd nach Verlassen der Arena mehrfach tief gehustet hat und jedes Mal ein Schwall Blut herausgeschleudert wurde. Klingt für mich nicht nach harmlosen Nasenbluten, wie das offizielle Bulletin sagte, aber ich bin kein Tierarzt. Warum überhaupt im Springen andere Regeln gelten als in der Dressur, müsste auch mal dringend aufgearbeitet werden.

Brennpunkt Fünfkampf

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Und dann der Dauerbrenner Reiten im Fünfkampf. Annika Schleu durfte ausführlich in einem Interview mit der ZEIT erklären, wie es kam. Der Shitstorm, der über sie hinwegfegte nach dem Ritt ist unverzeihlich, aber die Schuld bei allen anderen zu suchen, außer bei sich selbst, bringt uns auch nicht weiter. Nach dem abgebrochenen Ritt stieg sie aus dem Sattel und würdigte ihr Pferd keines Blickes mehr, so geht man mit Degen und Pistole um, aber nicht mit einem Pferd, das sich wie sie psychisch in einem Ausnahmezustand befand.

Ärgerlich, dass in gewissen Medien sofort der Reitsport an sich am Pranger steht, aber das war ja zu befürchten bei Menschen, die nicht differenzieren wollen oder können. Schlimm genug, dass Jessica v. Bredow-Werndl bei ihrem sehr gelungenen Auftritt im Sportstudio die Hälfte der zwischen Bundesligaspiele gequetschten Zeit erklären musste, warum sie die Szenen beim Fünfkampfreiten auch nicht gut fand.

„Riding Working Group“

Während sich die Spitzenfunktionäre des Fünfkampf-Weltverbandes UIPM in Schweigen hüllen, und auf renovierte Regeln beim November-Meeting verweisen, haben sie immerhin auf der Website die Themen der „Riding Working Group“ vorgestellt, wie es weiter gehen soll, damit so etwas wie Schleu, hilflos auf den verstörten Saint Boy einschlagend, nicht wieder vorkommt.

Zuerst die gute Nachricht: Saint Boy geht es gut, wie Bilder auf der UIPM-Website zeigen, er frisst sein Heu, galoppiert unter seinem Reiter, und hat sich offensichtlich von dem wenig glamourösen olympischen Auftritt erholt. Dass sich jemand beim UIPM überhaupt für das Wohlergehen des Pferdes interessiert, ist ja schon mal ein Fortschritt.

Dann wird sich demnächst UIPM-Präsident Dr. Klaus Schormann mit dem Präsidenten der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), Ingmar de Vos treffen. Der kann ihm vielleicht erzählen, welche Maßnahmen im Pferdesport inzwischen Standard sind, auch um der Öffentlichkeit das Bild zu vermitteln, dass man sich um das Wohlergehen des Pferdes kümmert.

Dazu gehörte meine Frage: Gibt es eigentlich Dopingproben bei den Fünfkampf-Pferden? Wer ist bei einer positiven Probe die „verantwortliche Person?“ Der Reiter kann es ja wohl nicht sein. Und die Besitzer der zur Verfügung gestellten Pferde sind für den Verband nicht justiziabel.

Ist der Einsatz eines Pferdefachtierarztes Pflicht? Aus unbestätigten Quellen ist zu hören, es sei kein Pferdefachtierarzt in Tokio gewesen. Nach dem Frauen-Wettkampf habe er neun Pferde „krank geschrieben“, ohne sie aus der Box zu ziehen. Mit welcher Diagnose ist nicht bekannt. Der Mann muss einen Röntgenblick haben.

Diskutierte Maßnahmen

Diskutiert wird eine Erleichterung des Springens, etwa durch niedrigere Hindernisse (jetzt 1,20 Meter). Man kann sie natürlich auch eingraben. Zu befürchtende Folge: Das Reiten wird nicht besser, sondern schlechter, je niedriger die Anforderungen sind.

Diskutiert wird auch über verschiedene Parcours für Männer und Frauen, für letztere erleichtert. Seit wann zählt beim Reiten Muskelkraft? Reitlehrer erzählen mir, dass Muskelpakete fürs Schwimmen oder Laufen antrainiert, fürs Reiten ausgesprochen hinderlich sind.

Da hätten sich die Herren (ich nehme an, dass Frauen an dieser Idee nicht beteiligt waren) mal den „richtigen“ Reitsport in Tokio ansehen sollen. Alle vier deutschen Medaillen im Reiten wurden von Frauen gewonnen. Frauen brauchen keine Schutzräume im Pferdesport, sie sind stark genug.

Schon in Paris soll der Fünfkampf übrigens in 90 Minuten durchgezogen werden, macht 18 Minuten pro Disziplin. Damit soll der Wettkampf spannender werden. Aber garantiert nicht pferdegerechter. Vielleicht trägt das zur Einsicht bei, dass Fahrradfahren oder Klettern noch viel spannender und damit „moderner“ ist. Ohne das jemand verprügelt wird.

Wie man sieht, Saint Boy geht es gut.