Moment Mal – Die Zukunft hat schon begonnen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Noch heißen die Heldinnen der Dressur Dorothee, Isabell und Jessica. Ladies only werden im deutschen Team wohl auch im Viereck von Tokio zu sehen, allenfalls Benjamin Werndl als möglicher Ersatzreiter könnte für ein bisschen Geschlechtervielfalt sorgen. Aber die nächste Generation scharrt schon mit den Hufen.

Während bei den Deutschen Meisterschaften in Balve die Großen um Titel und Tokio-Tickets kämpften, lief sich der Nachwuchs in drei Prüfungen für die U25 Reiter schon mal warm für die Zukunft, die – dem „Erwachsenen-Muster“ folgend – zum ersten Mal auch zu zwei Meistertiteln führten: in Grand Prix und Kür, alles auf Drei-Sterne-Niveau.

Gute Nachwuchsreiter gab es schon immer in der deutschen Dressur, mehr als sonstwo auf der Welt. Aber kaum war die Altersgrenze von 21 Jahren überschritten, verschwanden viele von ihnen in der Versenkung, weil das Pferd aus der Junioren-/Junge Reiterzeit alt oder mit den Grand Prix-Lektionen überfordert war, weil Studium und Ausbildung ihr Recht forderten, weil das elterliche Konto den Kauf von vierbeinigen Supertalenten nicht hergab. Manche hoch gehandelten Talente schafften nach Jahren wieder den Anschluss, andere nie.

Eine Europameisterschaft für U25 Reiter gibt es schon seit einigen Jahren, jetzt wurden erstmal auch zwei deutsche Titel fällig, in Grand Prix und Kür, eingebettet nicht in die Jugendmeisterschaften, sondern in Balve bei den „Großen“. Das macht schon einen gewaltigen Unterschied. „Auf dem Platz der Meister“, sagte Silbermedallist Raphael Netz ehrfürchtig.

Damit sollte so etwas wie eine Brücke gebaut werden, vom Nachwuchsreiter zum Championatskandidaten, vom Hoffnungsträger zum Hoffnungserfüller. Wer mit den jungen Leuten in Balve sprach, für die genau dies gilt, dem ist nicht bange um die Dressur in Deutschland.

Viele Wege führen nicht nur nach Rom, sondern auch zu Titeln und Medaillen. Was das U25-Führungsquartett in Balve angeht, eint es nicht nur Talent und das Glück, ein gutes Pferd zu haben, sondern klare Vorstellungen, was das Leben außer Reiten sonst noch so bereit hält. Keiner von ihnen hat sich aufs teure fertige Pferd gesetzt und mal eben die Lorbeeren kassiert. Auch das hat es ja schon gegeben und gibt es immer noch, auch im Springsport.

Ellen Richter

Da ist Ellen Richter (25), die, für sie selbst überraschend, die U25-Kür und damit den ersten Titel in dieser Kategorie gewann. Sie bekam den heute zehnjährigen Vinay vor vier Jahren, da ging er gerade Dressurpferdeprüfung Klasse L. Die Musik zu ihrer schwierigen Kür, die ihr in anderen Ländern wohl einen Platz im Senioren-Championatsteam gesichert hätte, hörte sie in Balve zum ersten Mal; nur die Linien hatte sie zuhause schon mal geübt.

Von der Schülerin von Oliver Oelrich und gelegentlich Klaus Balkenhol und Isabell Werth wird man womöglich in den nächsten Jahren weniger im Viereck sehen, nach abgeschlossenem BWL-Studium wartet der erste Job in Münster im Bereich Marketing. „Aber ich werde nur eine 30-Stunden-Stelle haben, so dass noch genug Zeit bleibt, zwei bis drei Pferde am Tag zu reiten“, hofft sie.

Hannah Erbe

Auch Hannah Erbe (22), zweifache Bronzemedaillengewinnerin, denkt weiter. Die Krefelderin beginnt im Oktober ein Medizinstudium, macht jetzt schon das dazu gehörige Praktikum, ein Einser-Abitur verhalf ihr zum Studienplatz. Eine Ausbildung zur Immobilienmaklerin hat sie schon hinter sich. Und eine ziemlich lange Dressurkarriere, die, wie so oft mit einem Pony anfing, aber dann sehr schnell mit dem heute 14-jährigen Carlos weiterging.

„Eigentlich suchten wir ein Pferd für meine Mutter, aber als ich es für sie ausprobierte, sagte sie schon nach einer Runde: ,Das ist ein Pferd für Hannah.‘“ Damals war Carlos sechs und eine L-Dressurpferdeprüfung unplatziert gegangen. Als er zum Verkauf stand, riss sich keiner um ihn. Unter Hannahs damaligen Trainer Heiner Schiergen nahm er an den Nachwuchsprüfungen Louisdor-Preis und Nürnberger Burg-Pokal teil. „Es ist ein Segen, so ein Pferd zu haben“, sagt seine Reiterin.

Hannah benutzt zum Reiten nicht nur die einschlägig bekannten Körperteile, sondern auch ihren Verstand. „Vielleicht bin ich oft zu verkopft“, sagt sie selbstkritisch, „und müsste mehr auf mein Gefühl hören.“ Den Sprung von den Junioren zu den Jungen Reitern nennt sie einen „Hüpfer“, zum Grand Prix war es dann schon ein Langlauf.

Wie Ellen Richter hatte auch sie die Gelegenheit genutzt, bei Isabell Werth eine Zeitlang über die Bande zu schauen. „Es war, als ob ich einen leeren Kübel mit Wissen füllte“, sagt sie über diese Zeit, „ich habe unglaublich viel gelernt.“

Ann-Kathrin Lindner

Ann-Kathrin Lindner (24) durfte sich als erste U25-Reiterin mit dem nationalen Titel schmücken, durch den Sieg im Kurz Grand Prix auf Sunfire. Silber gab’s dann nochmal in der Kür.

Ihr Weg ist klar vorgezeichnet, geboren in eine „Pferdefamilie“ mit Schwerpunkt Springen, bekam sie das erste Pony, noch bevor sie in der Schule war. Das vermittelte ihr bereits die Gewissheit, dass nicht Springen sondern Dressur „ihr Ding“ war. Als sie sechs war, zog das eher problematische Pony Flori ein und auch die ersten Großpferde, die Ann-Kathrin unter den Sattel bekam, waren nicht die einfachsten.

Das war auch Sunfire nicht, der 1,86 Meter groß war, als er sechsjährig zu ihr kam und kaum einen runden Zirkel zustande brachte. Und auch sonst gerne mal auf eine Einlage auf zwei Beinen einlegte. „Mir war morgens schon schlecht, wenn ich daran dachte, dass ich nachmittags Sunfire reiten musste.“ Da mussten sie beide durch, das Ende ist bekannt. 2019 berief U25 Bundetrainer Sebastian Heinze sie in den Kader.

Trainiert wird Ann-Kathrin auf der gepachteten Anlage in Ilsfeld von Karl-Heinz Streng, einem gefragten Ausbilder in allen Disziplinen, einem Freund ihres Vaters. „Kalli sagte, ich schau mir das mal an, dann müsst ihr alleine weiter machen. Dann war er zweimal da und ist seitdem nicht mehr weggegangen.“ Spricht für sein Gefühl für Qualität.

Raphael Netz

Die Aufgabe des Quotenmannes fällt in der Nachwuchsriege zur Zeit Raphael Netz zu, der als 17-jähriges „Wunderkind“ nach Aubenhausen zu Familie Werndl kam. Den Ausschlag gab ein Instagram-Kontakt. Jessica von Bredow-Werndl hatte sich auf Instagram angesehen, wie Raphael aus seinem Haflinger Pony erstaunliche S-Lektionen hervorzauberte. Nach der Probezeit in Aubenhausen blieb er, das Ziel ist klar: Berufsreiter.

„Eigentlich kein Beruf sondern eher eine Berufung“, korrigiert er. Er hatte nie ein anderes Ziel. Seine Eltern erzählen von dem Einjährigen, der jedem Pferd hinterher quietschte, und dem Zweijährigen, der bei der Geburtstagsparty eines Krabbelgruppen-Freundes zum ersten Mal auf einem Pony saß und nie mehr runter wollte.

Dieses Vergnügen kann er als Bereiter in Aubenhausen mit zehn Berittpferden voll ausleben. Eines davon ist Elastico, mit dem der 22-Jährige die Silbermedaille im U25-Grand Prix in Balve gewann. Elastico konnte zwar schon alles, als er zu Raphael kam, aber ein Selbstgänger ist er deswegen nicht. Das musste auch seine japanische Besitzerin erfahren, die noch im Mai versuchte, sich mit ihm für Tokio zu qualifizieren. Vorläufiges Fazit: Elastico bleibt erstmal bei Raphael.

Kein Herpes!

In der Kür von Balve wurden Netz und Elastico vermisst. Das Pferd hatte Fieber und war schon auf dem Heimweg. Der Herpes-Test verlief negativ und heute kam die Entwarnung aus Aubenhausen. Auf meine Anfrage über WhatsApp schrieb Jessica von Bredow-Werndl: „Wir haben von allen Pferden, die in Balve waren, gestern Tupferproben genommen und alle waren negativ. Auch hat Elastico seit Samstag kein Fieber sondern normale Temperatur. Trotzdem haben wir die Pferde von Raphael zur Sicherheit isoliert. Aber KEIN Verdacht auf Herpes.“ Aufatmen, nicht nur in Aubenhausen!