Moment Mal! Eine Frage der Berufung

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Wer von uns seinen Beruf als Berufung versteht und Spaß daran hat, ist wahrlich gut dran. Ich denke, es gibt wenig Schlimmeres, als sein Geld in einem Job zu verdienen, den man nicht liebt, und jeden Tag nur den Büroschluss herbeizusehnen, damit man endlich tun kann, was einem Freude macht.

Pferden geht es wahrscheinlich nicht anders. Und viele Pferde funktionieren nur deswegen nicht so, wie es sich ihre Züchter, Reiter und Besitzer vorstellen, weil man ihnen den falschen „Beruf“ zugeteilt hat.

Dabei erinnere ich mich an Raban, einen großen, um nicht zu sagen groben Wallach, den Schönheit nicht drückte. Eine dicke Narbe am hinteren Röhrbein, eine alte Weideverletzung, entstellte ihn noch obendrein und er hatte eigentlich zu nichts Lust, was man von ihm wollte. Dabei war sein Pedigree durchaus vielversprechend, seine Mutter hatte außer ihm zwei internationale Buschpferde hervorgebracht. Eines davon war Albrant, unter Herbert Blöcker viele Jahre eine Säule des deutschen Vielseitigkeitsteams. Rabans Mutter war eine elegante Tochter des Angloarabers Ramzes, der auf dem Dressurviereck bis zum Grand Prix brillierte.

Raban selbst, hässlich und frech, war hingegen der Albtraum jeden Züchters. Wenn er auf dem Reitplatz gehen sollte, entdeckte er garantiert in einer Ecke die grunzenden Schweine und flüchtete Richtung Ausgang. Wollte man mit ihm spazierenreiten, schlug er sich seitlich ins Gebüsch, sodass von außen nur noch das Knacken der Äste und das Fluchen des Reiters zu hören war, kam auf der anderen Seite wieder heraus, nur um schnell wieder dem sicheren Stall zuzustreben. Also kein Pferd, das man schnell ins Herz schließt. Was macht man mit so einem?

Wir hatten eine Idee: Wir lassen ihn einfahren, als Kutschpferd, und so geschah’s. Raban wurde zur Ausbildung in einen Fahrstall gegeben und erwies sich als überraschend anstellig. Schnell hatte er begriffen, worum es ging. Keine Spur mehr von unmotiviertem Scheuen, kein Drücken vor dem unbequemen Ziehen. Mit gespitzten Ohren trabte er unverdrossen mit dem Kutschwagen kilometer-weit, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Zugute kam ihm seine robuste Konstitution, müde wurde er nie. Er hatte seinen Beruf als Kutschpferd gefunden und war wie verwandelt. Vielleicht auch, weil er die Wertschätzung spürte, die ihm jetzt entgegengebracht wurde.

Chronisch unterfordert

Ein anderer Fall ist die irische Scheckenstute Hankey, die ich mir als Reitpferd gekauft hatte zu einer Zeit, als ich eigentlich zu wenig zum Reiten kam. Jeden Morgen begrüßte sie mich mit tiefem Wiehern und war eines der liebenswürdigsten Pferde, die ich je getroffen habe. Aber wenn sie im Paddock oder auf der Weide stand, konnte ich an ihrem Gesicht ablesen, dass sie viel lieber ein bisschen mehr getan hätte. „Mensch, ich bin doch noch kein altes Eisen, begreif das doch endlich“, schien ihr Blick zu sagen. Ich will laufen, ich will springen.

Dressur gemäß FN-Richtlinien war nicht ihr Ding, aber wenn Hankey Hindernisse sah, blühte sie auf. Irgendwann konnte ich diesen Blick nicht mehr ertragen, und mit Hilfe einer Freundin fand ich eine Reiterfamilie in der Nähe, die 13-jährige Tochter und Hankey verstanden sich auf Anhieb. Hankey zog um. Jetzt bekomme ich Videos, wie sie eifrig über Geländekurse oder Parcourshindernisse galoppiert, sogar mit den Vierecksübungen hat sie sich angefreundet  und vor wenigen Wochen haben die beiden eine A-**Vielseitigkeit gewonnen. Alle sind glücklich, ich denke, am meisten Hankey, die wieder eine Aufgabe hat.

Kleines Pferdchen, große Aufgabe

Als drittes möchte ich von Annie erzählen, dem Shettie, das einer Freundin von mir gehört. Ein Zufallsprodukt, wie es so schön heißt, wenn morgens auf einmal ein Fohlen im Stroh liegt, mit dem keiner gerechnet hat. Annie war zwei Jahre alt, als sie bei uns einzog, als Gesellschaft für eine 24-jährige Stute. Sie hat vor allem Unsinn im Kopf, lässt sich auf der Weide nicht fangen, wenn sie noch keine Lust auf ihren Stall hat. Dann steigt sie aus sicherer Entfernung erst in eine kleine Levade, um anschließend mit ihren kurzen Beinen wiehernd Runde und Runde die Weide auf und ab zu sausen. Jetzt weiß man, warum bei den Franzosen diese Spurts „Ventre à terre“ heißen, zu deutsch „Bauch am Boden“.

Auch hier stellt sich die Frage: Was macht man mit Annie? Soll sie den Rest ihres Lebens in Müßiggang verweilen und immer dicker werden? Als Kinderreitpferd schien sie nicht wirklich geeignet, eher von der Sorte, mit denen man Kindern die Lust am Reiten ganz schnell abgewöhnt. (Ich weiß, es gibt rührende Shetties, aber Annie gehört eher nicht dazu.) Auch hier kam die Lösung auf vier Rädern.

Meine Freundin und ihr Partner machten im Winter den Kutschenführerschein, mit Fahrunterricht streng nach Achenbach, Annie wurde von einer Expertin eingefahren, eine kleine Kutsche wurde angeschafft und siehe da, es gab nie ein eifrigeres und braveres Kutschpferdchen als unsere Annie. Und auch ihr glaubt man anzumerken, wie sie es genießt, das sie etwas kann, zu etwas nütze ist und sich in der neuen Hochachtung sonnt, die man ihr entgegenbringt. Vielleicht eine allzu menschliche Sicht von mir, aber ich bin überzeugt, dass Pferde spüren, wenn sie etwas gut machen. Was das ist, kann alles mögliche sein. Aber es lohnt sich, das herauszufinden.


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