Moment mal! Gabriele Pochhammer: Badminton sollte 5 Sterne bekommen

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Moment mal! Die Kolumne vonSt.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Badminton – Dinosaurier ohne Daseinsberechtigung oder letzter echter Test für die Besten der Welt? Der Ironman des Pferdesports, salopp gesagt, nur die Harten kommen in den Garten? Braucht man so was heute noch? Das CCI4* Badminton hat auch in diesem Jahr wieder die Gemüter in Wallung versetzt. Gabriele Pochhammer kommentiert.

Während der britische Aufbauer Eric Winter für sein Debüt in Badminton von seinen Landsleuten vor allem anerkennendes Schulterklopfen erntete, war die Kritik außerhalb des Brexit-besoffenen Britanniens unüberhörbar. „Das Gelände war eindeutig zu schwer“ sagt der deutsche Bundestrainer Hans Melzer, obgleich zwei seiner Schützlinge im Cross zu den Besten gehörten: Ingrid Klimke mit Hale Bob und Michael Jung auf Sam, der mal wieder in einer eigenen Liga über den Kurs flog. Jung entglitt der Sieg erst durch einen Springfehler im Parcours, und damit die Chance, zum zweiten Mal in Folge nach dem Jackpot zu greifen. Den Grundstein dazu hatte er mit dem Sieg in Kentucky 2016 auf Rocana gelegt. Auch Klimke fiel, den Sieg greifbar nahe, erst durch eine missglückte Springrunde mit 23 Fehlern auf Platz neun.

Kritisiert wurden die Maximalabmessungen im Cross an fast jedem Sprung, die trickreiche Linienführung mit technisch schwierigen zum Teil unpassenden Distanzen und die Tatsache, dass es so gut wie keine Erholungssprünge gab, bei denen die Pferde durchatmen und sich falls nötig neu sortieren konnten. Da konnte man von Glück sagen, dass Wetter und Boden perfekt waren. Da hat es auch schon andere Jahre gegeben und Matsch von unten, Sturm und Regen von oben hätten in diesem Jahr in einer Katastrophe enden können. Dann hätte die Jury eingreifen müssen, sagte Chefrichter Martin Plewa. Seiner Meinung nach würde ein Ergebnis wie Badminton, – von 81 Startern beendeten 32 die Prüfung – in Deutschland das Ende des Sports bedeuten. „Dann könnten wir den Deckel zumachen.“ Sind unsere Sportfreunde auf ihrer bald nicht mehr europäischen Insel einfach härter im Nehmen? Unbedenklicher, was die Strapazen für ihre Pferde angeht? Ich meine nicht.

Badminton 2017 wurde nicht nur deswegen kein Desaster, weil das Wetter gut war. Sondern auch, weil viele Reiter vernünftig genug waren, nach einer, spätestens nach zwei Verweigerungen aufzuhören, vor allem wenn sie im ersten Drittel passierten, etwa wie Bettina Hoy auf Designer. Siebenmal bei insgesamt 16 Stürzen ging auch das Pferd zu Boden. Alle blieben dabei unverletzt, ein Pferd galoppierte zurück in den Stall und rutschte auf dem Asphalt aus, wobei es sich an der Schulter verletzte. Die 40-jährige Emily Gilruth musste nach einem Sturz an Sprung drei mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus geflogen werden. Sie mache gute Fortschritte, die Ärzte seien zufrieden, so das dürre Bulletin. Buschreiten bleibt ein Risikosport, das weiß jeder, der aus der Startbox galoppiert. Und Unfälle passieren nicht nur bei Viersterne-Prüfungen und nicht nur im Reitsport.

Das FEI-Reglement, das schließlich auch in Badminton gilt, erfüllte seine Aufgabe, Schlimmes möglichst zu verhüten: Ausschluss nach dem ersten Sturz von Pferd und/oder Reiter, Sicherheitsvorrichtungen an mehreren Hindernissen, bei denen Teile des Sprungs herunter fallen, wenn sie hart angeschlagen werden. Jeder Reiter weiß, dass er unter Beobachtung steht, dass gefährliches Reiten oder Überforderung des Pferdes geahndet werden.

Die Pferde von Andrew Nicholson und Michael Jung, Nereo und Sam, zählten 17 Lenze, in dem Alter werden manche Schulpferde schon in Rente geschickt. Was für ein wunderbarer Beweis auch, dass Spitzensport die Pferde nicht verschleißt, sondern ihnen bei guter Ausbildung, gutem Reiten und dosiertem Einsatz zu einer langen Karriere verhilft. Seit 2010 hat Sam drei olympische Goldmedaillen, eine Silbermedaille, drei WM-Medaillen und durch den Grand Slam einen ordentlichen Batzen Geld verdient. Erstaunlich für ein Pferd, das 2010 von den Tierärzten wegen eines angeblichen Herzfehlers fast invalid geschrieben wurde! Die Top Ten Reiter von Badminton waren im Schnitt 42 Jahre alt, der Sieger nach 36 Anläufen, Andrew Nicholson, zählte 55 Lenze, der 61-jährige Mark Todd wurde Vierter und Sechster. Ein Sport, offenbar der nicht nur die Pferde jung hält.

Wo also ist das Problem? Einige Reiter hatten wohl gehofft, es werde ein wenig leichter sein in diesem Premierenjahr von Eric Winter, ein Trugschluss. Auch wer schon Viersterne-Erfolge hat, musste einsehen, dass Badminton in einer anderen Liga spielt. Manche hatten sich und ihr Pferd schlicht überschätzt. Dagegen können strengere Qualifikationen helfen. Auch die Erkenntnis dass es auf der Welt keine 81 Pferde gibt, die nach Badminton gehören. 32 standen noch auf der Reserveliste. Der Vorschlag kam von Hans Melzer: „Warum sollen Badminton und Burghely, die schweren Viersterne-Events, nicht einen Stern mehr bekommen? Auch in Springen und Dressur gibt es schließlich Fünfsterne-Prüfungen.“

Das wäre eine Perspektive: Die 60 Besten der Welt kämpfen auf der schwersten und schönsten Strecke der Welt um die wertvollste Trophäe.

Die Reiter führen uns die besten Attribute dieses Sports vor Augen: Erfahrung, sorgfältige Vorbereitung, gutes Reiten, Besonnenheit, Mut und vor allem Horsemanship, diese nicht übersetzbare Qualität für einen Menschen, der weiß, wie sein Pferd fühlt. Brauchen wir Badminton? Ja, unbedingt.

Gabriele Pochhammer

 




    • Eva

      Liebe Frau Hahn,

      Es ist traurig um Nugget von Shane Rose, aber er hat sich, wie von Ihnen geschrieben, auf dem Weg zum Stall verletzt und nicht auf dem Kurs. In den Bericht gehört das für mich also nicht mit hinein, wenn es um die Frage geht Badminton JA oder NEIN


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