Moment Mal! Gabriele Pochhammer über die Stimmung vor den Weltreiterspielen

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Temperatur steigt mit jedem Tag. Zwar nicht unbedingt Tryon in (North Carolina), dem Austragungsort der Weltreiterspiele vom 11. bis 23. September. Auch dort soll es warm werden, aber das ist nichts im Vergleich zur sich langsam aufheizenden Stimmung in den Lagern der Reiter, Trainer, Funktionäre und Fans. Wer darf mit, wer nicht und wieso?

Springreiter-Bundestrainer Otto Becker war bis zur entscheidenden Sitzung am 12. August zu keiner auch noch so kleinen Stellungnahme bereit, auch nicht, ob es grundsätzlich denkbar sei, dass ein Pferd sowohl beim Grand Slam-Turnier in Calgary am 8. September als auch bei der Weltmeisterschaft in Tryon zehn Tage später starten könnte. Ludger Beerbaum, Besitzer von Philipp Weishaupts Hengst Convall, konnte sich das aus gutem Grund durchaus vorstellen, andere nicht. Dazu gehörten am Ende auch die deutschen Selektoren. Dabei hatten sie nicht nur die physische Belastung im Auge,  sondern auch die bestmögliche mentale Vorbereitung für das nur alle vier Jahre stattfindende Großereignis, das in seiner Bedeutung gleich nach den Olympischen Spielen kommt.

„Calgary ist erfahrungsgemäß sehr schwer, und man weiß nie, wie es läuft, wie der Boden ist. Das Risiko war uns einfach zu hoch,“ sagt Ausschussvorsitzender Peter Hofmann. Dabei ging es außer um Convall, der in Calgary den Grundstein für weitere siebenstellige Gewinne legen könnte, auch um Marcus Ehning und seine Pferde Pret A Tout und Cornado. Mit Ersterem hatte er glanzvoll in Aachen den Nationenpreis und den Großen Preis, ebenfalls zum Grand Slam gehörig,  gewonnen. Mit dem nach einer Deckpause wieder sportlich aktiven Cornado wurde Ehning beim Global Champions Turnier in Valkenswaart Zweiter. Der Schimmelhengst soll nun in Kanada versuchen, die Stallkasse aufzufüllen, Pret A Tout kämpft für die deutsche Ehre in Tryon. Glücklich, wer mehrere Pferde hat, auch der Sohn der Olympiastute Ratina Z, Comme il faut, steht für Ehning noch auf der Liste.

Weißhaupt hingegen hatte sich in Valkenswaard nach zwei Abwürfen seines Pferdes in der Qualifikation zum GCT-Springen, unter den Augen des eigens angereisten DOKR-Springausschusses, ohnehin nicht für das WM-Team empfohlen, sodass die Entscheidung am Ende für Simone Blum mit Alice, Ehning, Laura Klaphake auf Catch Me If you Can und Maurice Tebbel mit Chacco’s Son und Don Diarado nicht so schwer war. Ein Team, das alles kann, auch grandios hinterherreiten, wenn’s nicht läuft, aber davon gehen wir jetzt mal nicht aus.

Auf die richtige Taktik setzen

In der Dressur erlebten wir die üblichen Spielchen: Möglichst nicht zu oft aufeinandertreffen vor einem Championat, um keine Richterurteile in Beton zu gießen, das ist schon seit Jahren die Taktik. So wurde Cosmo von Sönke Rothenberger kurz vor Aachen von einem Fieberschub überfallen, das ersparte ihm die Konfrontation mit Isabell Werth und Emilio. Beim Dressurturnier in Cappeln, wo er angekündigt war, ließ er sich nicht blicken, hier ging Werths Diva Bella Rose nach dem Grand Prix ihre erste Kür nach dem Comeback, siegte zweimal. Rothenberger, der sich nochmal irgendwo zeigen musste, wenn er in den Flieger gen USA steigen will, reiste schließlich nach Donaueschingen und traf hier zum ersten Mal seit der EM 2017 auf Isabell Werth mit Weihegold. Im Grand Prix kam es zu einem üblen Aussetzer in einer für Cosmo offenbar furchterregenden Ecke, mit zwei Beinen hatte er das Viereck bereits verlassen, rund zehn Sekunden kroch er rückwärts und seitwärts. (Erst wenn ein Pferd mit allen vier Beinen das Viereck verlassen hat und/oder sich 20 Sekunden widersetzt, muss es ausscheiden.)

Rothenberger bewahrte Ruhe und schob Cosmo weiter fehlerlos durch die Aufgabe. Das war stark, auch wenn er diesmal noch Werth und Weihegold die goldene Schleife überlassen musste. Mit Betonung auf noch. Im Grand Prix Special boten dann Cosmo und Rothenberger eine Weltklasseleistung, wie auf SG-online nachzulesen. Und es hatte sich bewahrheitet, was viele Fachleute schon seit einem Jahr wissen: Gegen einen Cosmo in Bestform mit seinen extraordinären Grundgangarten hat die gute Weihegold keine Chance. Dagegen kann auch sie nicht anpiaffieren. Was Isabell Werth nicht wirklich erschüttern dürfte, schließlich hat sie für Tryon andere im Auge.

Die britische Konkurrenz

Taktisch agierten auch die Mitbewerber. Die zweifache Olympiasiegerin Charlotte Dujardin hat mit ihrem neuen Star Freestyle v. Fidermark, erst neun Jahre alt,  bisher jede Konfrontation mit der Weltspitze vermieden. Acht Starts, acht Siege, alle in der Grand Prix-Klasse ab April 2018, das liest sich in der Papierform ja grandios. Die Wertnoten liegen zwischen 75 und 81 Prozent. Sechs Siege wurden auf britischem Boden eingefahren, wo man erfahrungsgemäß nicht zu streng mit der Nationalheldin umgeht. Charlottes Lehrmeister Carl Hester ist mit dem zehnjährigen Delicato v. Diamond Hit für Tryon nominiert, in schöner Regelmäßigkeit Zweiter hinter Freestyle, meist im Bereich von 75 Prozent. Da ist man gespannt, wie die Richter in Tryon auf die beiden prominenten Briten reagieren, wieweit der Olympiabonus noch trägt.

Ist da was im Busch?

In der Vielseitigkeit war Strzegom der letzte  Test. Ingrid Klimke mit Hale Bob, Julia Krajewski mit Chipmunk und Michi Jung mit Rocana lieferten die erwarteten sicheren Runden, wobei man sich doch manchmal fragt, warum ausgerechnet ein Wonderboy wie Jung, dem wohl mehr Pferde angeboten werden als allen anderen,  nur ein einziges Pferd für Tryon hat, ein sehr erfolgreiches zwar, das aber beim Viersterne-Event in Kentucky auch schon mal in die Holding Box musste. Wie jetzt zu lesen war, habe sich Familie Jung für die Com Air-Sir Schostakovich xx-Tochter Chloe interessiert, bisher von Anna Siemers geritten, jetzt an den Australier Chris Burton verkauft. Pferdebesitzer Karsten Warnecke musste dafür allerlei Kritik einstecken, auch von Bundestrainer Hans Melzer. Er weiß sich zu wehren: „Jungs sind nie persönlich auf mich zugekommen. Ich habe das Pferd an den besten U60-Reiter der Welt verkauft.“

Der Kauf ging zügig über die Bühne, Chris Burton hat das Pferd eine halbe Stunde probiert, dann kam noch der TÜV und alles war klar. Anschließend hat er sich genauestens über Chloe erkundigt, was sie gefressen hat, wie ihr Tagesablauf war, um ihr die Umstellung so leicht wie möglich zu machen. „Das war wirklich Horsemanship. Und der Preis stimmte auch. In Deutschland sind solche Verkäufe oft viel komplizierter, da soll man das Pferd wochenlang zur Probe irgendwo hingeben,“ sagt Warnecke. Und manchmal wird dann beim TÜV noch ein Herzfehler diagnostiziert, der zwar den Preis drückt, aber nicht die Leistung. Wie bei Sam, der nach dieser Diagnose vier Olympiamedaillen gewann.

Das deutsche Tryon-Team wird durch Andreas Dibowski mit Corrida und Avedon sowie Kai Rüder auf Colani Sunrise komplettiert. Erste Reserve ist die Strzegom-Siegerin Sandra Auffarth mit dem neunjährigen Viamant de Matz. Irgendwie hätte man der Weltmeisterin von 2014 die Chance gegönnt, ihren Titel in Tryon zu verteidigen.


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