Moment Mal! Gabriele Pochhammer über „wilde Turniere“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) befasst sich mit vielerlei Themen. Auch den „wilden Turnieren“ möchte sie nun auf den Leib rücken. Ein Kommentar von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer.

Bei Durchsicht der tausendundersten Vorlage, über die bei der FEI-Generalversammlung im November geredet wurde, stieß ich auf einen kleinen Passus, eingereicht vom Dressurkomitee, der sich mit „wilden Turnieren“ befasst. „Wilde Turniere“ sind was ganz Böses, und jeder Offizielle, der sich daran beteiligt, muss mit harten Sanktionen seitens des Weltreiterverbandes rechnen. Die Dressur-Kommission beschäftigte sich mit einem neuen Phänomen, bei dem einige Organisationen Online-Wettbewerbe anbieten mit Richten per Video.

Reiter schicken ihren Ritt ein und werden bewertet von Richtern, meist national, aber auch der eine oder andere (pensionierte) FEI-Richter wurde im Internet gesichtet. „Diese Events gelten als nicht genehmigt und FEI-Offizielle dürfen bei diesen Events nicht richten“, heißt es in der Vorlage. „Die Rechtsabteilung der FEI und der Vorstand, das Board, haben entschieden, dass diese Wettbewerbe nicht FEI-Kriterien erfüllen.“

Das tun sie wohl tatsächlich nicht. Hatte ich erwartet, Reiter mit Frack und Zylinder mit ihren Grand-Prix-Cracks zu besichtigen, die sich dem virtuellen Richtergremium stellen, so ist die Wirklichkeit wesentlich bescheidener. Auf den einschlägigen Seiten, meist britischer Provenienz (interdressage.com, dressageanywhere.com, dressage4all.co.uk) sind vor allem, nicht nur, junge Mädchen zu sehen, die sich mit ihrem Pony oder Pferd in Aufgaben abmühen, die etwa „Walk and Trot only“ also „Nur Schritt und Trab“ heißen. Es gibt auch Aufgaben mit Galopp, und einige, die sich dem deutschen E-Niveau annähern. Irgendetwas, wozu man einen FEI-Richter braucht, habe ich nicht gefunden, aber vielleicht werden ja im Darknet „wilde“ Grand Prix-Wettbewerbe ausgetragen.

Der Modus

Im Prinzip funktionieren die Online-Competitions so: Mit der Nennung bezahlt der Reiter einen Obolus zwischen 15 und 20 Euro. Er schickt ein Video mit seinem Test ein, die Aufgaben sind im Netz festgelegt.  Er bekommt eine Note (Jawohl, da wird auch schon mal eine 8,5 vergeben) und wird rangiert. Voraussetzung ist eine Handykamera, aufgenommen werden soll von C aus, also dort, wo der Chefrichter sitzt. Und natürlich eine Mutter, die das Handy bedient und ein anderer netter Mensch, der die Aufgabe vorliest. Meist wird korrekte Turnierkleidung verlangt, oft sind die Pferde eingeflochten und sauber bandagiert (was ja bei Live-Turnieren nicht gestattet ist). Es sollte ein ordnungsgemäßes Viereck sein, aber einige müssen auch mit holprigen Weiden vorlieb nehmen, also ganz und gar nicht FEI konform.

Christine Hartmann betreibt eine deutsche Seite für Online-Wettbewerbe (online.dressagecompetition.com), die aber zur Zeit etwas eingeschlafen ist. Aus Zeitmangel, im Januar soll sie wieder aktiviert werden, wie sie sagt. „Aber wenn die FN jetzt den Richtern verbietet mitzumachen, wird es für uns schwierig.“ Denn die Reiter wollen schon ihren Ritt von jemandem beurteilt wissen, der weiß, wovon er redet. Die Idee hat sie aus England, aber auch von ihrem Mann, dem Dressurtrainer Alvaro Osborne, der auch in Finnland Schüler betreut. „Dort sind die Entfernungen riesig, nicht jeder hat einen Hänger und oft sind die Online-Wettbewerbe die einzige Möglichkeit, mal eine Beurteilung zu bekommen.“

Und auch hierzulande scheut mancher den bürokratischen und finanziellen Aufwand mit Eintragung, Leistungsklassen und langen Wegen.  Oder Wiedereinsteiger/innen fortgeschrittenen Alters wollen mal sehen, wo sie stehen, ohne gleich zum Turnier fahren zu müssen. Das klingt alles einleuchtend und man fragt sich , warum die Verbände, statt mit Sanktionen zu drohen, nicht längst unter  ihrem Dach für den Basissport eine Form der Online-Wettbewerbe erfunden haben, genau für die oben beschriebene Zielgruppe.

Kontrollverlust

Stattdessen wird mit Kanonen auf Spatzen  geschossen. Klaus Roeser, deutsches Mitglied im Dresssurkomitee, formuliert die Bedenken: „Das sind Wettbewerbe, die wir nicht kontrollieren können, wir wissen nicht, was auf den Abreiteplätzen vor sich geht.“ Dopingproben gibt es natürlich auch nicht. Im Raum steht das Schreckgespenst der Professionalisierung derartiger Internet-Turniere. Mit höheren Anforderungen, mit besseren technischen Möglichkeiten und mit attraktivem Gewinngeld. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass auch der eine oder andere Sponsor gerne mitmachen würde, vor allem die Luxuspferdehändler unter ihnen. Das will dann tatsächlich keiner.

Viele Sportverbände, nicht nur die Pferdesportler, haben Angst vor dem Kontrollverlust durch Veranstaltungen und Serien, die ihr Regelwerk umgehen und keine Gebühren zahlen. Vor Gericht hat die FEI eine schweren Stand, siehe Global Champions League, wo eine Sperre der Offiziellen für illegal befunden wurde. Und vor dem großen Geld ist die FEI bisher noch immer eingeknickt. Sonst wären die dopenden, lügenden und betrügenden Endurance-Reiter aus den arabischen Staaten längst im Nirwana verschwunden. Stattdessen schlägt man auf die ein, von denen keine starke Lobby zu befürchten ist: die Reiter an der Basis. Liebe FEI, finden Sie einen Mittelweg und überdenken Sie Ihre Prioritäten!


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  1. Heidi

    Aus der Seele gesprochen ist dieser Kommentar! Statt die neuen Medien und deren Nutzer anzuprangern, sollte die FEI lieber sehen, wo diese Medien nützlich sein könnten, um wieder attraktiv zu werden. Genau die Gründe, die Frau Pochhammer angeführt hat, nämlich nicht jeder wohnt bei Münster oder München und hat 10 Turniere um die Ecke…, hat Geld, sich Hänger mit Fahrer zu mieten, oder sich einzukleiden und noch Sattel, Helm nach neuesten FEI und lokaler FN Geschmack und Mode vorrätig zu halten!
    Manche Länder haben nur 2 Richter in Dressur und die Rangfolge der Reiter ist bei jedem Turnier schon vorher klar. Da ist es mal gut, von anderen Richtern zu hören, wo man steht. Die einzigen, die es kapiert haben, das man viel mehr Leute in den einfachen Klassen aktivieren kann auf diesem Wege wieder Turniere zu reiten, sind die Engländer. Ich mache schon lange nichts mehr mit FN oder ähnliches, Aufwand und Kosten immens, um mal ein wenig vorzutraben, Spassfaktor gen Null, und womöglich noch eine Dopingklage am Hals, weil man keine Zeit, Ahnung und Rechtsanwalt hat die 1000 Seiten der FEI zu verstehen… mich als Freizeitreiter haben die schon lange verloren, obwohl ich mir es jetzt mal leisten könnte, Turniere mitzumachen, traurig!

  2. Dipl.-Ing. Romed Staggl

    Diese Meinung kann man nur teilen… Nicht nur England sondern auch Österreich ist mit der „VIRTUAL DRESSAGE TOUR – Das Online Dressurturnier“ in dieser Szene aktiv und verzeichnet bereits ein Starterfeld mit über 10 verschiedenen Nationen. Ein neues, innovatives und zeitgerechtes Format das den Reitsport weiterentwickelt. Denn nur aus einer breiten Basis entsteht eine leistungsstarke Spitze!!
    „Wie sagte doch einst der große Victor Hugo: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

    http://www.VirtualDressageTour.com

  3. Sabine Brandt

    „Stattdessen wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Klaus Roeser, deutsches Mitglied im Dresssurkomitee, formuliert die Bedenken: „Das sind Wettbewerbe, die wir nicht kontrollieren können, wir wissen nicht, was auf den Abreiteplätzen vor sich geht.“

    auf Abreiteplätzen?
    zu Hause???
    ob Klaus Roeser sich bewusst ist, dass die logische Konsequenz aus dieser Argumentation lautet, das Reiten zu Hause gänzlich zu verbieten – weil da ja auch niemand 24/7 kontrolliert (und die Hand aufhalten kann)?

    das muss man unseren Offiziellen lassen:
    sie zeichnen sich allesamt durch ausgeprägte destruktive Fähigkeiten aus, sich selbst abzuschaffen. Es muss sich niemand wundern, wenn diesen Dachverbänden die Mitglieder verloren gehen.

  4. Pia Landwehr

    Frau Christine Hartmann kann sich die Reaktivierung ihrer Seite sparen, es gibt längst andere Anbieter die den deutschen Markt mit vielseitigen Onlineturnieren bestimmen. Z.B. Equimind oder VirtualDressageTour. Wer sich in sozialen Medien bewegt weiß auch, dass beide schon mit diversen Influencern, die jungen deutschen Turnierreiter und auch Freizeitreiter für sich gewinnen konnten.

    Und genau hier sehe ich einen riesigen Vorteil dieser Online-Turniere, für junge Reiter und, oder junge Pferde ein schöner Start auf der heimischen Anlage ohne Verladeterror oder Lizenzenwahnsinn.

    Also anstatt Angst vor sämtlichen digitalen Möglichkeiten zu haben, sollte die FEI lieber schauen was in den eigenen Reihen modernisiert gehört.


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